Kultur und Wissen
09.10.2026


100. Geburtstag

Wer war der Denker Michel Foucault?

Er war erst 57 Jahre alt, als er starb. Doch Michel Foucault prägte den modernen Umgang mit Macht wie kaum ein anderer. In Zeiten von künstlicher Intelligenz gewinnen seine Gedanken neue Aktualität.
  

Michel Foucault um 1970. Michel Foucault um 1970. Foto: © imago/TT

Chatbots schreiben politische Reden. Fitness-Apps geben Ernährungstipps, Shopping-Seiten liefern Produktempfehlungen. Gemeinsam haben sie alle, dass sie niemanden zu etwas zwingen. Sie leiten vielmehr an, oft freundlich: „Das passt zu dir“, oder: „Das wäre die sinnvollere Entscheidung“. Solche Formen von Machtausübung, die nicht vorgeben oder verbieten, sondern eher das Verhalten lenken, interessierten Michel Foucault: Er prägte in diesem Zusammenhang den Begriff „Gouvernementalität“.

Der Philosoph starb 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion; Aids war damals erst seit wenigen Jahren bekannt. Zuletzt hatte der Mann mit dem kahlen Kopf und der markanten Brille in Berkeley gelehrt. Er forschte zum Buddhismus und in Brasilien, er warnte vor Islamfeindlichkeit und setzte sich für Bootsflüchtlinge aus Vietnam ein. Vor 100 Jahren, am 15. Oktober 1926 in Poitiers geboren, finden sich also verblüffend viele Anknüpfungspunkte zur Jetztzeit.

„Macht im Sinne von Machen“

Macht hat heute schnell einen negativen Beiklang, erinnert an strikte Regeln und Kontrolle. Foucault versteht Macht dagegen produktiv: Sie bringt Beziehungen hervor, gibt ihnen eine Struktur und beeinflusst, in welcher Weise Menschen handeln. „Macht im Sinne von Machen“, so bringt es der Soziologe und Foucault-Forscher Thomas Lemke auf den Punkt. Problematisch werde es, wenn Macht in starre, asymmetrische Formen münde, die Handlungsmöglichkeiten oder Freiheitsspielräume einschränken.

Der Denker unterschied zwischen offenen, freien „Machtspielen“ – und festen „Herrschaftszuständen“, die sich kaum noch verändern lassen. „Foucaults Anliegen war es, Letztere zu verhindern beziehungsweise zu untersuchen, wie es von Machtbeziehungen zu Herrschaftsstrukturen kommt“, erklärt Lemke.

Forscher: Foucault ist nicht abgehoben

Wie diese Systeme konkret wirken, beschreibt Foucault in „Überwachen und Strafen“ (1975) – übrigens das Buch, das Lemke für einen möglichen Einstieg in dessen Werk empfiehlt. Statt einer fachlichen Abhandlung schildere es anschaulich die Rolle von Strafen und Disziplin, sagt der Experte.

Im 19. Jahrhundert habe sich nach Foucault im Gefängnis, aber auch in vielen anderen Bereichen ein sogenanntes Disziplinarregime durchgesetzt. Hier knüpfe er auch an sein politisches Engagement gegen die Verhältnisse in Gefängnissen an – aus dem sich wiederum etwas lernen lasse.

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Ganzheitlicher Blick auf den Menschen

Als Sohn eines Chirurgen hatte der junge Michel zwar das Medizinstudium gescheut. Aber er habe den Menschen nicht nur als rationales, sondern auch „als biologisches Wesen“ betrachtet, erklärt Lemke: als ein Wesen also, zu dem geistige Handlungen ebenso gehören wie der Körper und auch Emotionen. Ängste und Hoffnungen beeinflussen die heutige Politik stark, vielleicht sogar unmittelbarer als zu Lebzeiten des Philosophen. „Eine Sensibilität für diese Materialität“ sei daher auch heute gefragt.

Ebenso habe Foucault die Frage umgetrieben, wer in der Moderne wie marginalisiert werde. Den „Wahnsinn“, den man damals noch so nannte, betrachtete er als eine Art Schattenseite der modernen Vernunft: Indem die Gesellschaft festlege, was als vernünftig und normal gilt, grenze sie zugleich anderes aus. „Die Antipsychiatriebewegung der 1960er und 1970er Jahre hat diese Kritik aufgegriffen“, sagt Lemke. In der Medizin stelle sich bis heute die Frage, wie mit Wissen und der Macht, die damit verbunden ist, angemessen umzugehen sei.

Wissbegierig mit düsteren Zügen

Das Werk des Philosophen ist vielschichtig; gegen Ende seines Lebens befasste er sich mit der Geschichte der Sexualität. Zugleich hatte Foucault mit schweren persönlichen Krisen zu kämpfen: In jungen Jahren verschlang er voller Leidenschaft philosophische Literatur, unternahm aber auch Suizidversuche.

Es sei schwer zu sagen, was heute jemanden umtreiben würde, der seit gut 40 Jahren tot ist, sagt Lemke. „Künstliche Intelligenz hätte ihn aber bestimmt interessiert – von der alten Idee des Regierens als Kunst der Steuerung bis hin zur kybernetischen Selbststeuerung, die wir derzeit erleben.“

Denn Macht funktioniert nach Foucault nicht nur „von oben nach unten“, sondern – oft sogar wirkungsvoller – durch Selbstführung. Wenn KI nicht nur bei Alltagsentscheidungen hilft, sondern zunehmend auch als Ratgeber bei Stress, Beziehungen oder emotionalen Problemen, dann passt das direkt zu seiner Frage: Wer regiert eigentlich wen?

Paula Konersmann

KNA
Artikel von KNA
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