Himmel, Sakra, Kreuz und Teufel
In Folge zwei unserer Ortsnamenserie gehen wir auf die Suche nach christlichen Namen. In den Einöden, Weilern, Dörfern und Märkten des Erzbistums stoßen wir auf verblüffend viele religiöse Begriffe – von denen einige aber eigentlich etwas ganz anderes bedeuten.
Neuhimmelreich (Gemeinde Bergkirchen) ist einer von mehreren „himmlischen“ Orten im Erzbistum München und Freising. Foto: © Burghardt
Bereit zu einer Reise durch die Weiten des Erzbistums und seine christlichen Ortsnamen? Um uns nicht völlig zu verlieren, machen wir bei jeder Siedlung Angaben zur Lage, meist über die Gemeinde (Gde.), zu der sie gehört, oder wenn sie selbst eine Gemeinde ist, den Landkreis (Lk.). Beginnen wir nun mit dem Anfang – mit Gott.
Göttliches
Gottes verborgene Spuren entdecken wir nur sporadisch. Idyllisch liegt seit 1931 das Anwesen Herrgottswinkel (Gde. Rimsting) auf der Ratzinger Höhe (die nach dem Weiler Ratzing, nicht nach Joseph Ratzinger benannt ist). Herrgottswinkel nannte es der Besitzer wegen der himmlischen Ruhe dort oben. Göttlich mutet auch Gottschalling (Gde. Bad Feilnbach) an. Der Name kommt nicht direkt von Gott, sondern vermutlich von einem Ortsgründer namens Gottschalk. Gottschalk bedeutet „Gottesdiener“, somit hat Gottschalling zumindest indirekt einen Gottesbezug. Auch Göttersberg (Gde. Aschau im Chiemgau) geht wohl auf einen alten germanischen Eigennamen wie Gotto oder Gottino, in dem letztlich Gott enthalten ist, zurück. In direkterer Weise begegnet uns der Herr auch noch im Dorf Sankt Salvator („heiliger Erlöser“, Markt Prien am Chiemsee) und in den Stadtteilen Hl. Blut (Erding) und Heilig Blut (Rosenheim), die alle nach ihren jeweils gleichnamigen Kirchen benannt sind.
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Teuflisches
Auch der Gegenspieler Gottes treibt im Erzbistum sein Unwesen. Der Name Teufelsbruck (Gde. Soyen) geht auf eine Teufelssage zurück und bezeichnete zunächst eine unterhalb des Orts gelegene Engstelle des Inns, die wegen ihrer Felsen gefährlich war. So habe der Gehörnte vor dem Weihrauchduft aus den Klöstern Au und Gars fliehen und den Inn überqueren wollen; dabei habe er Findlinge in den Fluss geworfen, um sie als Brückenpfeiler zu verwenden. Der heutige Ort Teufelsbruck – vormals Au – übernahm diesen Namen erst um 1980.
Der Weiler Teufelsgraben (Markt Holzkirchen) ist nach dem Trockental gleichen Namens benannt, durch das vor Jahrtausenden die Isar eine Zeit lang floss, bevor sie ihren Lauf in Richtung München änderte. Die Menschen dürften sich gewundert haben, warum sich ein 40 Meter tiefer Graben ohne Fluss kilometerlang durchs Land zog – und konnten es nur durch teuflische Machenschaften erklären, daher der Name. Die Einöde Teufelsöd (Gde. Hohenpolding) ist wohl nach einem Besitzer namens Teufel benannt – der wiederum so geheißen haben könnte, weil er ein besonders wilder Kerl war. Ähnliches gilt für den Weiler Neunteufeln (Gde. Kirchanschöring), wo die Zahl Neun verstärkend wirkt, wie in „neunmalklug“. Auch hier könnte es also eine Person gegeben haben, die quasi „neunmal fuchsteufelswild“ war.
Höllisches
Wo es teuflisch zugeht, da ist auch die Hölle nicht weit. Einige „höllische“ Ortsnamen gefällig? Hier: Höll (Gde. Siegsdorf, Gde. Kirchdorf bei Haag), Wüsthöll (Gde. Kirchdorf bei Haag), Höllenstein (Gde. Eschenlohe, Gde. Brannenburg), Höllhund (Gde. Taufkirchen), Höllbauer (Markt Nandlstadt), Höllberg (Gde. Niederbergkirchen), Höllthal (vielfach) sowie Fuchshölle (Gde. Hohenpeißenberg).
Diese Namen beziehen sich aber meist nicht auf die religiöse Vorstellung von Hölle, sondern beschreiben die Lage des Orts. Bereits die Gebrüder Grimm nennen in ihrem Deutschen Wörterbuch Hölle als „Ortsname für eine enge, wilde Gegend“. Die heutige Namensforschung kennt weitere Bedeutungen, darunter „abgelegener/verborgener Ort“. Dazu passt, dass es sich bei den genannten „Höllen“ meist um abgeschiedene Einödhöfe handelt. Fuchshölle könnte aber auch von der benachbarten Fuchshöhle kommen!
Engel
Zurück zu den guten Mächten und damit nach Engelsdorf (Gde. Bruckberg), Engelsberg (Gde. Fischbachau, Lk. Traunstein), Englberg (Stadt Landshut) und Engelsried (Gde. Fischbachau)! Doch wieder winken Namenskundler ab: Keine Engel, sondern alte Eigennamen haben hier Pate gestanden. Das vermeintliche „Dorf der Engel“ ist in Wirklichkeit also ein „Dorf des Engeldio, Engilmunt oder Angilo“. Im Einzelfall ist auch die Lesart „eng“ denkbar, Engelsried wäre dann eine „schmale Rodung“.
Biblisches
Die Welt des Alten Testaments begegnet uns in den Einöden Adam (Gde. Weyarn) und Abraham (Gde. Obersüßbach, knapp außerhalb des Erzbistums), die einen indirekten Bezug zu den biblischen Stammvätern haben, da ein Gründer oder Bewohner so hieß. Weitere Namen wirken religiös, sind es aber nicht: So ist Eden (Gde. Schnaitsee) nicht als Paradiesgarten, sondern als „Öden“, als leeres Land also, zu lesen; Übelmanna (Markt Altomünster) ist kein schlechtes Manna, sondern das „Dorf der Mannen des Ubilo“; Bibelöd (Ruhpolding) kommt wohl von einem Einödhof namens Biberl.
Bei Tempel (Gde. Warngau) handelt es sich um ein Einzelgehöft mit einer Kapelle – spielt der Name auf den Sakralbau an? Wahrscheinlicher ist auch hier der Einfluss eines Personennamens: So könnte hier ein Mann namens Dempl gewohnt haben, woraus der Kartograf „Tempel“ machte.
Maria
Kommen wir zur Muttergottes, nach der zahlreiche Orte benannt sind, die auf „Maria“ oder „Frau“ lauten. Zum Beispiel Maria Thalheim (Gde. Fraunberg), Mariabrunn (Gde. Röhrmoos, Gde. Hallbergmoos), Maria Eck (Gde. Siegsdorf), Mariaberg (Markt Velden), Marienberg (Gde. Schechen), Frauenreuth (Markt Glonn), Frauenneuharting (Lk. Ebersberg) und Frauenornau (Gde. Obertaufkirchen). Sie alle haben eine Kirche mit einem Marienpatrozinium, während das kirchenlose Frauenhofen (Gde. Markt Indersdorf) nach der Marienkirche des Klosters Indersdorf benannt ist.
Doch nicht alle derartigen Namen beziehen sich auf die Muttergottes. Fraunberg (Lk. Erding) mit seinem namensgleichen Schloss und Adelsgeschlecht könnte einen anderen Ursprung haben. Und Marienstein (Gde. Waakirchen) kommt ganz profan davon, dass der Besitzer des örtlichen Zementwerks dieses nach seiner Enkelin Maria benannte.
Kreuz
Dem Ortsnamen Kreuzstraße (Gde. Valley, Gde. Schnaitsee) liegt nur eine Straßenkreuzung zugrunde, doch Kreuz (Markt Glonn, Markt Velden), Kreuzweg (Gde. Berg), Kreuzholzhausen (Gde. Bergkirchen), Heilig Kreuz (Gde. Anzing) und Heiligkreuz (Stadt Trostberg, knapp außerhalb des Erzbistums) beziehen sich auf das christliche Kreuz. Die Siedlung Kreuzweg ist dabei nach dem Kreuzweg benannt, der seit 1857 entlang einer alten Wallfahrerroute vom Starnberger See nach Aufkirchen führt; bei den anderen stand eine Kirche mit Kreuzpatrozinium oder -verehrung Pate. Vergessen wir mit Blick auf die Passionsgeschichte auch das Dorf Ölberg (Gde. Rottenbuch) nicht!
Kirche
Häufig taucht die Kirche in Ortsnamen auf. Nur wenige Beispiele: Bei Kirchdorf (an der Amper, am Haunpold, bei Haag in Oberbayern), Kirchheim (bei München), Kirchasch (Gde. Bockhorn), Kirchamper (Stadt Moosburg an der Isar), Kirchisen (Gde. Mettenheim), Kirchanschöring (Lk. Traunstein) und Kirchensur (Gde. Amerang) steht die Kirche vorn; hinten steht sie bei Bergkirchen (Lk. Dachau), Feldkirchen (vielfach), Mauerkirchen (Markt Bad Endorf), Steinkirchen (vielfach), Holzkirchen (Lk. Miesbach) und Partenkirchen (Markt Garmisch-Partenkirchen). Auf die historische Bedeutung als Taufkirche verweisen Taufkirchen (an der Vils, Lk. München, Lk. Mühldorf), Ober- und Niedertaufkirchen (Lk. Mühldorf).
Zweikirchen (Gde. Tiefenbach) könnte „zwei Kirchen“, wegen des früheren Weinanbaus aber auch „zu Weinkirchen“ bedeuten. In Vierkirchen (Lk. Dachau), von „Feohtkirha“, gab es nicht „vier Kirchen“, sondern eine „Fichtenkirche“. Elendskirchen (Gde. Feldkirchen-Westerham) wirkt elend, doch hier steckt wohl ein anderer Sinn (z. B. „abgelegen“, vielleicht auch ein Flurname) dahinter. Wundersam ist Wunderskirchen (Markt Kraiburg am Inn), eine Einöde ohne Gotteshaus, die den Hofnamen Walskirchner trug und „Wuischkiana“ ausgesprochen wird. Kapellen tauchen auch auf – zweimal im Weiler Kapell (Gde. Inzell, Gde. Surberg).
Priester und Bischöfe
Das Gehöft Pfarrhof (Gde. Tacherting) war der Pfarrerssitz von Peterskirchen, während Pfaffing (Lk. Rosenheim, Stadt Fürstenfeldbruck, Stadt Laufen an der Salzach, Gde. Obing, Gde. Amerang, Gde. Chieming, Gde. Frasdorf), Pfaffenhofen (an der Glonn, am Inn), Ober- und Unterpfaffenhofen (Gde. Weßling/Stadt Germering), Pfaffenberg (Gde. Reichertsheim) sowie Pfaffenkirchen (Gde. Obertaufkirchen) die Pfaffen im Namen führen, also die ehedem noch ohne abschätzigen Beiklang so genannten Geistlichen. Pfaffing könnte aber auch die „Siedlung des Pabo“ sein!
Im reizenden Priesteröd (Gde. Aschau am Inn) lebte wohl einst ein Geistlicher in kontemplativer Abgeschiedenheit. Die höhere Geistlichkeit treffen wir im Weiler Bischof (Gde. Soyen), der auf ein Bischofsgut oder einen Personennamen „Bischof“ hindeutet, und in Bischofswiesen (Lk. Berchtesgadener Land), wo der Salzburger Erzbischof mitten im Gebiet des Klosterstifts Berchtesgaden Grundbesitz hatte.
Eremiten und Ordensleute
Das Eremiten- und Ordensleben tritt uns in Einsiedl (Gde. Inzell), Abtsdorf (Gde. Saaldorf-Surheim), Abtsee (Stadt Laufen an der Salzach), Mönchsberg (Gde. Mauern), Mönchspoint (Gde. Taching am See) und Nonnreit (Stadt Tittmoning) vor Augen. Nicht aber in Nonn (Stadt Bad Reichenhall), das ältere Wurzeln hat und nicht „Nonne“ bedeutet. München kommt von den Mönchen, Wenigmünchen (Gde. Egenhofen) ist die „kleine Mönchssiedlung“, Ostermünchen (Gde. Tuntenhausen) ist ebenfalls eine Mönchsgründung, hat aber (wie Osterwarngau, Osterhofen und Osterloh) nichts mit Ostern zu tun, sondern mit dem Osten.
Klöster, Münster, Zellen, Stifte
Klosterfeld (Gde. Griesstätt) wurde vom Flur- zum Ortsnamen und zeigt klösterlichen Grundbesitz an. Die Einöde Klösterl (Markt Bad Endorf) soll kurzzeitig einmal dem Kloster St. Ottilien gehört haben. Das Dorf Moosen wurde 1925 im Zuge des Wirkens von Armen Schulschwestern in Kloster Moosen (Stadt Dorfen) umbenannt. Der Name Münster (Gde. Egmating, Gde. Wurmsham) deutet auf ein Kloster hin – zumindest in Münster bei Wurmsham hat es wohl tatsächlich ein frühmittelalterliches Urkloster gegeben, Altomünster (Lk. Dachau) und Ilmmünster (Lk. Pfaffenhofen an der Ilm) erfreuen sich ihrer Kloster- bzw. Stiftskirchen noch heute.
Zell (vielfach), Inzell (Lk. Traunstein), Bayrischzell (Lk. Miesbach), Dietramszell (Lk. Bad Tölz-Wolfratshausen), Zellbach (Gde. Wurmsham) und viele weitere „Zellen“ bezeichnen eine Mönchszelle oder klösterliche Niederlassung und lassen sich meist einem konkreten Kloster zuordnen. Nicht jedoch Gröbenzell (Lk. Fürstenfeldbruck), von „Zöllner am Gröbenbach“! Der Freisinger Stadtteil Neustift ist nach dem dort errichteten Kloster benannt. Ob auch Stift (Gde. Obertaufkirchen) und Stifthub (Gde. Buchbach) geistliche Gründungen sind?
Katholisches Leben
Sakra, so viele Informationen! Nein, das war jetzt kein Fluch, sondern der Name eines Einödhofs (Gde. Warngau). „Sakra“ kommt nicht vom Sakrament, aber drei andere Herleitungen sind denkbar: vom Eigennamen Sagerer (von „sägen“), von Sackerer (in dem der „Sack“ steckt) oder von lateinisch sacrarium, deutsch Sagrer, mit der Bedeutung „Sakristei“ – womit sogar doch ein religiöser Bezug möglich ist! Der Namensgeber von Pfingstl (Gde. Anger) hatte etwas mit Pfingsten zu tun – oder war ein rechter Pfingstochs ... Die Einöde Beichten (Gde. Griesstätt) kommt nicht von der Beichte, sondern hieß früher Peugen und Peichten.
In Almosenbachhorn (Gde. Bruckberg) bittet man nicht um milde Gaben, vielmehr steckt eine „Allmende (ein gemeinschaftlicher Besitz) am Geländevorsprung am Bach“ dahinter. Ob Segenhaus (Stadt Miesbach) vom Segen kommt? In einer alten Karte hieß es Singhaus. Hinrichssegen (Markt Bruckmühl) hingegen, nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingssiedlung aufgebaut und nach dem Ideengeber Hinrich Pferdmenges so benannt, wünscht bewusst Segen auf die Bewohner herab. Nebenan liegt Weihenlinden (Markt Bruckmühl), wo man in alter Zeit zwei heilige Linden verehrte. Moment mal, wurden Heidenkam (Gde. Tiefenbach) und Heidenpoint (Gde. Ainring) etwa nicht christianisiert? Doch, doch, das sind gut katholische Dörfer in der Heidelandschaft!
Himmlisches
Unsere Reise endet in Himmelreich (Gde. Saaldorf-Surheim, Stadt Tittmoning), in Neuhimmelreich (Gde. Bergkirchen) und in Paradies (Markt Teisendorf). Warum die so heißen? Es könnten lobende Bezeichnungen für offene, schöne, ertragreiche Fluren sein, aber auch ironische Namen für karge Flecken. Übrigens, die beiden Himmelreich-Weiler und das Paradies sind nur ein paar Kilometer vom eingangs erwähnten Neunteufeln entfernt. Fast so, als brauche es drei Himmelreiche, um neun Teufel in Schach zu halten … Aber auch ohne solche Spielereien wird eine doppelte Wahrheit deutlich: Vieles ist nicht so, wie es scheint – und doch ist unser Land tief christlich geprägt.



