Achtsamkeit
28.09.2026

Care auf dem Bauernhof?

Ein Gespräch über sorgsame Landwirtschaft mit Dr. Stefan Einsiedel, Umwelt- und Wirtschaftsethiker im Zentrum für Globale Fragen der Hochschule für Philosophie in München, und Dr. Michael Rittershofer, Geschäftsführer des TAGWERK e.V. und Projektmanager der „Öko-Modellregion Mühldorfer Land“.
    

Foto: © AdobeStock - chaossart

Care wird oft verstanden als etwas, das sich vorrangig zwischen Menschen vollzieht. Inwiefern ist es auch ein umweltethisches Thema? 

Einsiedel: Wir sind als Menschen Teil dieser Schöpfung. Da müssten wir eigentlich verstehen, dass wir alle mitverantwortlich sind für die Natur, die wir brauchen, die uns ernährt. Und obwohl es uns doch alle angeht, geben wir diese Verantwortung für das Sorgen für die Schöpfung gerne ab, z. B. an Biobauern und -bäuerinnen oder Umweltschutzengagierte. Und ähnlich wie den Menschen, die Care-Arbeit für andere Menschen leisten, geben wir auch ihnen nicht genügend Unterstützung für die wertvolle Arbeit. 

Rittershofer: Ich zitiere dazu den großen Umweltschützer Bernd Louisoder: „Natur- und Umweltschutz ist Menschenschutz auf Dauer.“ Es geht um die Sorge um ein System, in dem wir alle mit drinhängen, in dem wir alle füreinander Sorge tragen müssen. 

Ist Landwirtschaft dann auch Care-Arbeit? 

Einsiedel: Sicherlich! Landwirte und -wirtinnen wissen in der Regel um ihre Verantwortung für die nächste Generation. Sie sorgen sich um die Artenvielfalt, um den Boden, damit er z. B. als CO₂-Senke dient und als Hochwasserschutz. Landwirte sorgen also für vieles, werden aber hauptsächlich nur bezahlt für ihren Beitrag zur Ernährungssicherheit. Sie sorgen für vieles, haben aber große Sorgen, weil ein einseitig ausgerichtetes ökonomisches System sie unter großen Druck setzt. 

Rittershofer: Für mich ist der Bauernhof der Archetyp eines lebendigen und sorgenden Systems. Bauern und Bäuerinnen sorgen sich um Boden, Wasser und andere Grundlagen unseres Lebens, haben die Zukunft im Blick, sorgen vor. In Betrieben der sozialen Landwirtschaft können Bauernhöfe aber auch Orte des Sorgens für Menschen sein, zum Beispiel für Ältere oder für Menschen in sozialen Schwierigkeiten. 
    

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Care-Arbeit ist ja immer auch Beziehungsarbeit, ist Pflege von lebensdienlichen Beziehungen. Um welche Beziehungen geht es bei TAGWERK? 

Rittershofer:
Ja, es geht um Beziehungen, kreuz und quer! Um Beziehungen zwischen denen, die Lebensmittel produzieren, zu denen, die sie konsumieren. Um Beziehungen von landwirtschaftlichen Betrieben zu denen, die die Produkte verarbeiten; auch der Handel ist ein wichtiger Partner. Immer geht es um das Gespräch miteinander, um ein Gespräch auf Augenhöhe, darum, miteinander und füreinander Verantwortung zu übernehmen, in Solidarität, mit Respekt und Wertschätzung. 
 
TAGWERK versucht, diese Beziehungspartner miteinander ins Gespräch, ins Kennenlernen zu bringen. So dass z. B. die Verbraucherinnen und Verbraucher auf die Höfe kommen, um zu erfahren, wie dort gearbeitet wird, was die Menschen dort brauchen, vor welchen Herausforderungen sie stehen. 

Ist Landwirtschaft auch Care für die nicht-menschlichen Geschöpfe, für die Tiere? 

Rittershofer:
Unbedingt! Bauern und Bäuerinnen tragen Sorge für ihre Tiere, dass es ihnen gut geht im Leben. Auch am Ende des Lebens. Für uns als TAGWERK folgte daraus auch, eine eigene Biometzgerei zu gründen, sodass die Tiere vor Ort geschlachtet werden können. Wir sorgen dafür, dass sie auch diesen allerletzten Weg in Würde gehen können und nicht über weite Strecken transportiert und unter großem Stress und im Akkord in Schlachthöfen getötet werden. 

Inwiefern ermöglichen oder behindern agrarpolitische, vielleicht auch andere Rahmenbedingungen eine sorgsame, eine sorgende, sich als Care verstehende Landwirtschaft? 

Rittershofer:
Ganz viele Landwirte und -wirtinnen sind in einer extrem schwierigen Lage. Klimawandel, Trockenheit und Hitze erzeugen großen Druck. Sie müssen sich ständig modernisieren, z. B. Digitalisierung gestalten, im Strukturwandel zu bestehen versuchen. Die wirtschaftliche Situation ist für viele Betriebe sehr schwierig, es mangelt an Wertschätzung und Unterstützung, auch durch die Politik. 
 
Das größte Problem für mich ist die Respektlosigkeit des Handels. Es gibt ein Machtgefälle, Preise werden nicht verhandelt, sondern diktiert. Gerade kleinere Betriebe können da kaum mithalten. Landwirte stehen am Anfang der Wertschöpfungskette, aber am Ende der Zahlungskette! 



Landwirtschaft bei uns vollzieht sich innerhalb einer wachstumsorientierten und kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Ist es da nicht illusorisch, Landwirtschaft als Care gestalten zu wollen?  

Einsiedel:
Ich habe kürzlich mit einem Abgeordneten in Brüssel gesprochen, der Landwirt ist. Der hat deutlich gemacht: Keiner weiß so gut wie Landwirte, wie wichtig Wachstum ist. Aber auch, dass es sich nicht erzwingen lässt, dass es natürlich sein muss. Wenn man dieses Wachstum auf die Spitze treibt, wird es ungesund.  
 
Stichwort „gesund“: Was wir auch brauchen, sind gesündere Beziehungsnetzwerke, in denen sich die verschiedenen Akteure gegenseitig unterstützen können. Solche Systeme sollte die Politik fördern. Stattdessen reagiert sie mit vereinzelten Eingriffen, z. B. finanziellen Anreizen, die hier oder da wirken sollen, aber sehr selten das gesamte Netzwerk im Blick haben. Damit wird gegenseitige Unterstützung, wie sie TAGWERK fördert, erschwert. Stattdessen werden Landwirte und -wirtinnen in eine harte Konkurrenz hineingezwungen. Was dazu führt, dass sich die Einzelinteressen durchsetzen, z. B. die der wenigen Ketten im Lebensmitteleinzelhandel. 


Bei aller Notwendigkeit anderer politischer Rahmensetzungen: Welche Verantwortung, aber auch welche ganz realen Handlungsmöglichkeiten haben wir alle eigentlich – auch ganz persönlich?  

Einsiedel:
Wir sind nicht nur Verbraucher und Verbraucherinnen – als solche können wir viel machen. Wir sind aber immer auch Bürger und Bürgerinnen, die wählen können! Wir müssen in unseren Wahlentscheidungen deutlich machen, dass es so nicht weitergehen kann, dass Landwirte für ihre Care-Arbeit bezahlt werden müssen. Es muss sich für sie lohnen, sich für Biodiversität einzusetzen, CO₂ im Boden zu binden, die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens zu sichern. All das muss sich lohnen und wir müssen uns für eine Agrarpolitik einsetzen, die das fördert.  

Rittershofer:
Ja, wir müssen uns alle für politische Rahmenbedingungen einsetzen, entsprechend wählen und auf die Straße gehen, unsere demokratischen Rechte nutzen. Etwa für eine Entflechtung der Marktkonzentration im Handel. Und natürlich sind wir alle auch Verbraucher und Verbraucherinnen!  

Und als solche müssen wir bereit sein, Verantwortung für eine gute Landwirtschaft zu übernehmen und deutlich höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen. Faire Preise ermöglichen den Menschen in der Landwirtschaft, die Leistungen zu erbringen, von denen wir alle leben. Auch deswegen bringen wir als TAGWERK Verbraucherinnen und Verbraucher mit den Menschen in der Landwirtschaft in Kontakt – um dieses Verantwortungsgefühl zu stärken.  

Interview von Thomas Steinforth 
(Ein Beitrag aus dem DA-Magazin der Domberg-Akademie Freising, Nr. 15, 03/2026) 

Mehr Infos zum Thema ethisch verantwortbare Landnutzung unter: www.digilog-transformation.com/ethikderglobalenlandnutzung. 

TAGWERK ist ein Zusammenschluss von Erzeuger:innen und Verarbeiter:innen ökologisch und regional produzierter Lebensmittel. Mehr Infos zu Tagwerk unter www.tagwerkcenter.net. 

Und hier geht’s zum Saison-Thema der Domberg-Akademie: domberg-akademie.de/specials/wen-kuemmerts-zur-zukunft-der-pflege. 

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