„Der Herrgodd moch uns so arg"
Dialekt im Gottesdienst - passt das? „Eindeutig!", sagt Mundart-Fan Claus Ebeling. Sein Verein „Mundart in der Kirche" wird mit einem Sprachpreis geehrt. Von der Kirchenspitze erhofft er sich dadurch mehr Unterstützung.
Foto: © Verlag Friedrich Pustet
Mit einem Büchlein auf Fränkisch, den „Betthupferla", das er als Zwölfjähriger geschenkt bekommen hat, fing alles an. Seitdem ist Claus Ebeling Dialekt-Fan. Heute ist der 60-jährige evangelische Pfarrer aus Lichtenau in Mittelfranken (Landkreis Ansberg) Vorsitzender des Vereins „Mundart in der Kirche".
Am 3. Oktober erhalten Ebeling und sein Verein in Baden-Baden den Kulturpreis Deutsche Sprache, vergeben von der Eberhard-Schöck-Stiftung und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Weitere Preisträger sind die Popsängerin Annette Humpe sowie das Erika-Fuchs-Comic-Museum in Schwarzenbach an der Saale (Oberfranken).
Kritik an Kirchenleitung
„Für uns ist das eine große Ehre. Das tut uns gut, gerade weil wir von den kirchlichen Verantwortlichen eher gemieden werden", meint Ebeling.
Franken und Bayern sind der regionale Schwerpunkt des 1995 gegründeten Vereins, aber es gibt auch Unterstützer in Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen, der Pfalz und in Norddeutschland. Ebeling und seine Mitstreiter unterstützen „christliche Mundart-Schaffende für ein erfolgreiches Wirken in Gemeinde und Kirche", heißt es in der Selbstbeschreibung des Vereins. Sie veranstalten Studientage, veröffentlichen Schriften in Dialekt. Und sie halten Gottesdienste, in denen Fränkisch gepredigt und gesungen wird.
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Liederbuch und Neues Testament auf Fränkisch
2018 kam das erste Liederbuch auf Fränkisch auf den Markt. Dann wagten sich Ebeling und seine Mundart-Freunde an die Übersetzung des Neuen Testaments. Kein einfaches Unterfangen, denn nach welchen Regeln sollte man die biblischen Texte aufschreiben? Nach einem Aufruf bekam der Pfarrer Bibeltexte aus allen Teilen Frankens zugesandt. Maßgabe war immer eine möglichst alltagsnahe Sprache. „Die Bibeltexte müssen sich immer so anhören, als würde ich der Nachbarin über den Zaun eine Geschichte erzählen."
Die Dialekt-Fans sammeln schon weiter Texte, denn das nächste Projekt steht an: das Alte Testament. Als Zwischenschritt wurden gerade die Psalmen auf Fränkisch veröffentlicht. Geplant ist zudem eine Hörbibel-Präsentation auf der Homepage.
Was fasziniert Ebeling an der Mundart? Was kann sie, was die Hochsprache nicht kann? „Dialekt ist die Sprache, in der mich Mutter und Vater getröstet haben, wenn ich traurig oder verzweifelt war. Das berührt die Seele einfach anders." Ebeling erkennt auch eine Nähe zur einfachen Sprache, denn die Mundart komme ohne abstrakte Begriffe aus.
Der Franke spricht nicht von Liebe
Bestes Beispiel dafür sei das Wort Liebe. „Der Satz 'Ich liebe Dich!'" geht den Franken nicht über die Lippen." Was stattdessen? „Ich moch Dich ganz arg." Auf den Römerbrief übertragen müsste man also sagen: „Der Herrgodd moch uns so arg."
Diese Ausdrucksweise wecke Emotionen. „Wir brauchen Worte für unsere Seele. Worte, die uns aufrichten. Und ich glaube, das kann Mundart besser als die Hochsprache, weil sie tiefer in unser Herz dringt."
Unter den Mundartfreunden sind auch viele Katholiken. „Man kann getrost sagen, dass die Fränkische Bibel eine echte ökumenische Bibelübersetzung ist." In Bamberg habe es schon katholische Messen auf Fränkisch gegeben, auch beim diesjährigen Katholikentag in Würzburg war der Verein vertreten.
Pfarrer Claus Ebeling. Foto: © privat
Kein Mainstream
Nur von offizieller Kirchenseite, ob evangelisch oder katholisch, erhalte man nicht so viel Unterstützung, berichtet Ebeling. Mit der Bitte um Zuschüsse sei man regelmäßig abgeblitzt. „Wahrscheinlich passen wir nicht in den kirchlichen Mainstream. Da ist halt immer noch die Standardsprache das, was zählt."
Umso mehr freut ihn nun der Kulturpreis Deutsche Sprache. Mit den 5.000 Euro Preisgeld könne man die geplanten Tagungen bezuschussen, auch in die Neugestaltung der Internetseite soll ein Teil des Preisgeldes fließen. Ebeling genießt die neue Wertschätzung. „Da wird unserem Versuch, den Dialekt lebendig zu halten, ein kleines Denkmal gesetzt."
Dankesrede in fränkischer Mundart
Wichtig ist ihm zu betonen, dass das Projekt keine One-Man-Show sei. Er nehme mit seiner Stellvertreterin Ulla Mörtel-Then zwar den Preis in Baden-Baden entgegen, aber „da stecken Hunderte andere hinter den Vorhaben". Und natürlich werden die beiden am 3. Oktober in Baden-Baden bei der Entgegennahme des Preises die Dankesworte auf Fränkisch halten. „Ich habe extra gefragt, ob das möglich ist."
Dieter Klink



