1976 öffnete das erste Frauenhaus
Seit 50 Jahren bieten Frauenhäuser Schutz vor häuslicher Gewalt. Doch noch immer fehlen Tausende Plätze. Und auch nach dem Auszug bleibt die Last bei den Frauen: Sie müssen eine neue Wohnung finden.
Frau in einer Notunterkunft. Foto: © imago/Klaus Haag
„Das Haus ist voll“, sagt die Sozialarbeiterin vom Caritas-Frauenhaus in Berlin. Das ist fast immer so. Wartelisten gebe es in der Einrichtung nicht, erklärt sie einer Passantin bei einer Informationsveranstaltung auf dem Tempelhofer Feld. Wenn eine Frau sich meldet und Hilfe braucht, schaue man, ob sie noch aufgenommen werden kann. Die Auslastung des Hauses könne sich von einem auf den anderen Tag verändern.
Am 1. November jährt sich zum 50. Mal die Eröffnung des ersten Frauenhauses in Berlin. Seitdem sind bundesweit zahlreiche Hilfsangebote für Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, entstanden. „Eine Person muss nicht erst geschlagen werden, damit sie einen Platz bekommt“, sagt die Sozialarbeiterin der Caritas im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Weil Mitarbeiterinnen im sozialen Bereich immer häufiger angegriffen werden, möchte sie ihren Namen zum eigenen Schutz und dem der Frauen nicht veröffentlichen.
Kein Zugang für Männer
Das grundlegende Konzept der Frauenhäuser hat sich in den 50 Jahren kaum verändert: Ein Frauenhaus ist kein Heim, sondern soll kurzfristig Hilfe und Schutz vor physischer und psychischer Gewalt bieten. Die Frauen können ihre Kinder mitbringen. Männer haben keinen Zugang zu den Einrichtungen.
In den 1970er-Jahren verbündeten sich Frauen im Rahmen der neuen Frauenbewegung. Sie gründeten erste Selbsthilfegruppen für Betroffene. 1971 eröffnete in London das erste Frauenhaus seiner Art weltweit. Während des „Internationalen Tribunals Gewalt gegen Frauen“ in Brüssel vernetzten sich im März 1976 etwa 1.500 Frauen. Das Tribunal war kein klassisches Gerichtsverfahren, sondern Protest: In öffentlichen Anhörungen machten die Aktivistinnen auf Gewalt an Frauen aufmerksam.
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Internationale Bewegung
Angetrieben vom Londoner Vorbild und den Aktivistinnen weltweit eröffnete am 1. November 1976 in Berlin das erste autonome Frauenhaus der Bundesrepublik. Die Initiative für die Gründung des Trägervereins ging damals von Sozialwissenschaftlerinnen, Sozialarbeiterinnen, Erzieherinnen und Hausfrauen aus. Zusammen hatten sie eine Subventionierung des Projekts durch den Berliner Senat erstreiten können.
In einer Villa im Grünewald, die von der Stadt zur Verfügung gestellt wurde, konnten die Frauen Schutz finden. Gemeinsam mit ihren Kindern und den Mitarbeiterinnen lebten sie auf engstem Raum. Die Bewohnerinnen organisierten den Haushalt und kochten die Mahlzeiten selbst. Bereits zwei Jahre später, im Herbst 1978, war das Haus überfüllt. Ein Problem, das bis heute besteht.
Gewalt nimmt zu, Plätze fehlen
Derzeit gibt es knapp 400 Frauenhäuser in Deutschland, die meisten davon sind dauerhaft voll. Laut Frauenhaus-Statistik 2025 fehlen rund 12.000 Plätze. Die Gewalt an Frauen nimmt zu: Im Jahr 2024 gab es laut Bundeskriminalamt in Deutschland fast 266.000 Opfer häuslicher Gewalt, darunter 187.000 Frauen und Mädchen. Das waren 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr und 17,8 Prozent mehr als 2022.
Die Gewalt ist nicht zurückgegangen. Aber es gebe mehr Bewusstsein und Hilfsangebote für von Gewalt betroffene Frauen, sagt die Vorstandsvorsitzende der Caritas Berlin, Ulrike Kostka, der KNA. „Trotzdem werden noch immer Frauen nicht erreicht“, so Kostka.
Caritas-Aktion: „Walk for Home“
Deshalb versucht der Caritasverband Berlin, mit Veranstaltungen wie dem „Walk for Home“, einer Spendenwanderung auf dem Tempelhofer Feld, auf Gewaltschutz für Frauen aufmerksam zu machen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, warb der Verband auch mithilfe von Influencerinnen in den Sozialen Medien. So erreiche man möglicherweise auch minderjährige Betroffene, sagt Kostka.
Genügend Frauenhausplätze und eine sichere Finanzierung des Angebots sind nicht die einzige Herausforderung. Nach der Zeit im Frauenhaus eine bezahlbare neue Wohnung zu finden, sei – insbesondere in Berlin – sehr schwierig, sagt eine Mitarbeiterin von „Neuraum – Wohnen nach dem Frauenhaus“ der KNA. Projekte wie „Neuraum“ von der Caritas unterstützen Frauen bei der Wohnungssuche.
Die Last hängt an den Betroffenen
In dieser Phase hin zur Unabhängigkeit beraten die Mitarbeiterinnen zudem bei psychischen und finanziellen Problemen. Manchmal gebe es auch Rechtsstreitigkeiten, erzählt die „Neuraum“-Mitarbeiterin. Sie halte die Unterstützung für sinnvoll, frage sich aber: „Warum müssen sich immer nur die Frauen kümmern?“ Fast immer seien sie es, die neben ihrer eigenen Gewalterfahrung die Kinder versorgten oder eine neue Wohnung suchen müssten.
50 Jahre nach der Eröffnung des ersten Frauenhauses in Berlin setzt die Vorstandsvorsitzende der Caritas Berlin, Kostka, auch auf die von der Bundesregierung geplanten Änderungen des Gewaltschutzgesetzes. Sie hofft, dass Betroffene dadurch noch besser geschützt werden.
Johanna Müller



