Kultur und Wissen
26.10.2026

Houdini sprengte alle Ketten

Als der große Houdini vor ziemlich genau 125 Jahren an Rhein und Ruhr gastierte, stand er kurz vor dem endgültigen Durchbruch. Beinahe aber hätte sich der Zauberer verzockt. Doch „der Unfesselbare“ wusste sich zu helfen. 
    

Polizisten fesseln Harry Houdini – Lithografie zur Bewerbung einer Zirkusvorstellung 1908. Polizisten fesseln Harry Houdini – Lithografie zur Bewerbung einer Zirkusvorstellung 1908. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive

Jede Wette: Würde Harry Houdini, der größte aller Zauberer und Magier, heute leben, wäre er ein Star auf Tiktok und Instagram. Weil es das alles zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht gab, tummelte sich Houdini auf den Aufmerksamkeits-Plattformen der analogen Welt: Varietés, Manegen, Bierhallen. „Schneller, höher, weiter“ lautete auch hier das Motto. 

„15 Eisbären und ein großartiges Programm“ versprach im Sommer 1901 der Zirkus Corty-Althoff dem Publikum in Köln. Dazu: „ein Gastspiel des berühmten Amerikaners Mr. Houdini – das Rätsel aller Kriminalisten“. Denn diesen „Ausbrecherkönig“ konnten weder Schloss noch Riegel stoppen, wie die Presse begeistert berichtete.

Er knackte auch die ganz harten Nüsse

Das galt selbst für „eine uralte Schraubenfessel aus der Folterzeit“. Die hatte ein Zuschauer mitgebracht, um die Fertigkeiten Houdinis zu testen: Er habe eine hohe Summe gewettet, dass es dem Magier nicht gelinge, sich zu befreien, tönte der Mann. Houdini mühte sich lange vergeblich, wie der „Rheinische Merkur“ meldete. Dann jedoch trat der Entfesselungskünstler „unter stürmischem Beifall des bis auf den letzten Platz ausverkauften Hauses“ vor, „während der Überbringer der Fessel überzeugt sein durfte, dass man eher auf die sichere Kunstfertigkeit Houdinis als auf alte Folterfesseln wetten kann“. 

Doch die Konkurrenz schlief nicht. Kurz bevor die Eisbären und Artisten von Corty-Althoff weiterzogen, kündigte der Circus Cesar Sidoli „Die Entlarvung Houdini’s durch den Clown Adolf“ an. Pech für Adolf und sein Publikum: Im entscheidenden Moment erhob sich ein Herr auf den Rängen und protestierte lautstark gegen diese miese Nummer. Es handelte sich um Houdini höchstselbst. Die Sidoli-Direktion knickte ein – der Zauberer zog zufrieden von dannen.
    

[inne]halten - das Magazin 21/2026

Gemeinsam durchs Leben

Warum  die christliche Ehe nicht irgendeine Institution, sondern ein mystisches Bündnis der Liebe ist

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Simsalabim – da klickten die Fesseln

In Essen wollte Cirnoc, ein weiterer Fesselkünstler, Houdini ausgerechnet auf dessen Spezialgebiet entzaubern: der gemeinen Polizeifessel. Eine vor Polizei- und Pressevertretern anberaumte Sondervorstellung endete mit einer faustdicken Überraschung für den Whistleblower. 

„Er zeigte in der Tat, wie man die gewöhnlichen Polizeifesseln durch ein einfaches Aufschlagen auf einen festen Gegenstand öffnen kann“, so der „Rheinische Merkur“. „Die Beamten waren sehr erstaunt; noch erstaunter war der Fesselkünstler, als einer der Kriminalbeamten ihn für verhaftet erklärte“: Der Polizist hatte in Cirnoc einen steckbrieflich gesuchten Betrüger erkannt.

Houdini überzeugte sogar Richter

Brenzlig wurde es für Houdini, als sich ein anderer Polizist, Werner Graf, anschickte, den genialen Trickser aus den USA zu entlarven. Möglicherweise war der Beamte sogar auf der richtigen Spur. Der „Unfesselbare“ ging ins Risiko, strengte einen Prozess vor einem Gericht in Köln an – und gewann. Nicht zuletzt, weil er die Richter von seiner Kunstfertigkeit persönlich überzeugen konnte. 

In den Folgejahren war Houdini nicht mehr zu stoppen. Immer spektakulärer wurden seine „Escape Challenges“. Der mutmaßlich nur etwa 1,65 Meter große Magier wand sich aus vernagelten Transportkisten, mit Wasser gefüllten Milchkannen und angeblich sogar aus dem Bauch eines „Seemonsters“. Dabei handelte es sich wohl um einen Walkadaver, der in Boston angespült worden war.

Chinesische Wasserfolterzelle

Den ultimativen Thrill präsentierte Houdini dem Publikum ab 1912 mit seiner „Chinesischen Wasserfolterzelle“. Houdini-Kenner John Cox beschreibt den Clou des Ganzen so: „Bei diesem Entfesselungstrick wurde Houdini in ein Paar schwerer Fußfesseln gesperrt und kopfüber in einen Wassertank hinabgelassen.“ Der Tank sei dann in einem Vorhangschrank verborgen worden. „Nach einigen spannungsgeladenen Minuten (während denen das Orchester ,The Diver‘ spielte) brach Houdini aus dem Schrank aus. Der Käfig blieb dabei weiterhin sicher verschlossen." 

Daneben verzauberte Houdini, teils zusammen mit seiner Gattin Wilhelmina Beatrice Rahner, das Publikum – darunter Promis wie US-Präsident Theodore Roosevelt – mit Karten- und Fakirtricks. Er ließ einen ausgewachsenen Elefanten verschwinden und einen Adler namens Abraham Lincoln aus den Falten einer US-Flagge in die Lüfte steigen. Auf dem Gipfel seines Ruhms verdiente der am 24. März 1874 in Budapest als Erik Weisz geborene Sohn eines Rabbiners Unsummen. 1910 flog er als erster Mensch in Australien ein Flugzeug und brachte im Ersten Weltkrieg amerikanischen Soldaten bei, wie sie sich aus deutschen Fesseln befreien konnten.

Stimme aus dem Jenseits

Früh stieg Houdini ins Filmgeschäft ein. In „The Grim Game“ schien er 1919 nach einer Kollision zweier Doppeldecker hilflos an einem Seil von einem der Flugzeuge zu baumeln. Der Meister der Illusion setzte hier allerdings auf die tatkräftige Unterstützung eines Stuntmans. Dann das plötzliche Ende: Am 31. Oktober 1926 starb Houdini im Alter von nur 52 Jahren. Schuld daran war ein nicht erkannter Blinddarmriss mit anschließender Bauchfellentzündung. 

In seinen letzten Lebensjahren hatte Houdini mit Arthur Conan Doyle, dem spiritismusbegeisterten Erfinder von Meisterdetektiv Sherlock Holmes, darüber gestritten, ob es Lebenden möglich sei, Botschaften von Toten zu empfangen. Der Magier hielt das für Unsinn, vereinbarte aber mit seiner Frau, ihr nach dem Ableben eine Nachricht zukommen zu lassen, sollte ihm dies möglich sein. Der Code lautete „Rosabelle believe“. Dazu kam es nicht. Allerdings: 1970 ließ Houdini doch noch von sich hören – auf wiederentdeckten Wachszylindern, die 1914 seine Stimme aufgezeichnet hatten. 

Joachim Heinz

KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
Die Katholische Nachrichten-Agentur wird von der kath. Kirche getragen mit Sitz in Bonn.