Kultur und Wissen
20.10.2026

Der Gottessohn ist die Edeltraube 

Vor allem in Weingegenden sind bis heute mittelalterliche und spätere Darstellungen mit einer für uns heute fremden Bild-Symbolik verbreitet: Christus in der Kelter oder die Muttergottes mit Weintrauben.
    

„Anna Selbtritt“ aus dem Wein- und Ferienort St. Aldegund an der Mosel. „Anna Selbtritt“ aus dem Wein- und Ferienort St. Aldegund an der Mosel. Foto: © Schenk

Als kleiner Frechdachs zeigt sich der Gottessohn in der Pfarrkirche des Mosel-Dorfes St. Aldegund. Auf dem Schoß seiner Mutter Maria stehend, greift er ein bisschen tollpatschig nach ein paar Trauben in der Hand seiner Oma Anna. Das Trio aus dem Mittelalter, in der Kunstwelt als „Anna Selbdritt“ bekannt, ist ein Monument familiärer Lebensfreude. Nicht einmal zehn Autominuten weiter aber, in der Kreuzkapelle über dem Winzerdorf Ediger, zeigt Jesus ein ganz anderes Gesicht. Dort drückt eine tonnenschwere Presse auf den ein Kreuz tragenden Gottessohn, aus dessen Körpermalen Blut rinnt. 

Was ausschaut, als stamme es aus zwei verschiedenen Welten, birgt genau betrachtet aber die gleiche Botschaft. Sie resultiert aus einem über Jahrtausende geprägten Bild, das Christus als Edeltraube ausweist. Die reifte lange im Weinberg Gottes und fand mit der Kelter ihr Ende. Weil die Altes und Neues Testament interpretierenden Theologen die Welt gern symbolisch erklärten, lag es nahe, in der Genealogie der Edeltraube auch Maria und ihre Mutter Anna mit einer Weinbeere zu kennzeichnen.

Die Arbeiter im Weinberg

Das Bild vom Weinberg als Hort christlichen Lebens und Synonyms für die Kirche hatte der Apostel Matthäus in den Köpfen der ersten Christen verankert. Mit seinem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1–16) versuchte er klarzumachen, dass der Eingang ins Reich Gottes nicht vom Verdienst eines Menschen abhängt, sondern einzig und allein von der Gnade Gottes, die jedem gleichermaßen zusteht. 

In Auslegung des Gleichnisses aus dem Matthäus-Evangelium bildete sich im Mittelalter so die Vorstellung eines von Gott-Vater angelegten Weinbergs heraus, den alttestamentliche Helden hegten und pflegten. Die letztlich reifen Trauben schütteten die Apostel nach der Lese in die Kelter, in der gewöhnlich Christus stand. Er war es, der mit den Füßen die Trauben zerstampfte, aus denen Wein werden sollte. Den schafften die vier Evangelisten letztlich zu den Gläubigen, die ihn nach Empfang der Bußsakramente im Rahmen der Eucharistie sozusagen als Lebenselixier zu trinken bekamen.
    

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Trauben unter der Presse

Den Boden für diese Interpretationen hatten Kirchenväter wie der römische Schriftsteller Tertullian, Augustinus oder Klemens von Alexandrien bereitet. Sie verglichen die Kelter mit der Kirche, deren Glieder gleich Trauben unter der Presse zu leiden hätten – und machten Christus als Haupt der Kirche symbolisch zur Edeltraube.  

In der Kunstgeschichte war das als „Christus in der Kelter“ oder „Christus in der Presse“ bekannte Motiv schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts aufgetaucht. Das Bild war die allegorische Umsetzung eines Spruches des Propheten Jesajas (etwa 740–701 v. Chr.), der mit martialischen Worten den Sieg Jahwes über die Feinde Israels ausdrückte: „Ich allein trat die Kelter; von den Völkern war niemand bei mir. Da zertrat ich sie voll Zorn, zerstampfte sie in meiner Wut. Ihr Saft spritzte auf meine Kleider und ich befleckte alle meine Gewänder.“ (Jes 63,3).

Sieg des Erlösers

Im Mittelalter jedoch legte man diese Bibelstelle nicht im alttestamentlichen Sinn als Ausdruck des Zornes Gottes aus, sondern brachte sie ganz neutestamentlich mit dem aus der Passion resultierenden Sieg des Erlösers über die Feinde des Heils. Als Argumentationshilfe diente die Apokalypse, also die Offenbarung des Johannes (Offb 19,13–15). Im Jüngsten Gericht erscheint Jesus dort im blutgetränkten Gewand, begleitet von Engeln auf weißen Pferden, um „die Kelter des Weines, des rächenden Zornes Gottes, des Herrschers über die ganze Schöpfung“ zu treten. 

Schon im 14. Jahrhundert aber, unter dem Einfluss der Mystik, veränderte sich das Bild vom Keltertreter. Zeigte es Christus anfangs im langen Gewand fast ausschließlich beim Treten der Trauben im Bottich, tauchte er jetzt als Schmerzensmann mit Wundmalen, im Lendenschurz und mit Dornenkrone unter den Pressbalken der Keltern auf. Da diese Art der Leidensschau den mittelalterlichen Menschen stärker berührte als der Trauben tretende Gottessohn, setzte sich das neue Motiv schnell durch.

Erlösung für Seelen im Fegefeuer

Auf Holzschnitten, Kupferstichen, in Handschriften, auf Glocken, Taufsteinen, Kanzeln, Grabmälern, Altären, Tafelbildern, Wand- und Deckengemälden tauchte Christus in der Kelter neu auf. So oft man ein solches Bild küsse, glaubte mancher Betrachter, könne eine Seele im Fegefeuer erlöst werden. In einigen Regionen nahm diese Form der Volksfrömmigkeit derart überhand, dass die Amtskirche ab dem späten 18. Jahrhundert ein Großteil der Kelterbilder vernichten ließ. 

Vom Kirchenbann verschont blieben die Darstellungen der Gottesmutter, die man ebenfalls in die christlichen Weinbergs-Erzählungen aufgenommen hatte. Sie galt als die Weinrebe, an der Christus als Traube gewachsen war. Eine Erkenntnis, die auch manches Kirchenlied bereicherte. In Predigten wurde Maria zur „fruchtbringenden Rebe, aus der Christus als Traube hervorsprosst ist“. Im Brevier, dem täglichen Gebet der Priester, hieß es: „Gottesmutter, die wahre Rebe bist du. Du ließest sprossen des Lebens Frucht … Als du die Traube, die reife, die du, o Reine, ohne Bestellung in deinem Schoß getragen, am Kreuze hängen sahst, da hast du unter Wehklagen geschrien und gerufen.“   

Diese Vorstellungen prägten die sogenannten „Weinrebenmadonnen“. So nennt die Kunstgeschichte heute alle Darstellungen der Gottesmutter mit dem Jesuskind, bei denen einer oder beide eine Traube in den Händen halten. Besonders häufig taucht die Traube schließlich auch in den Darstellungen der Anna Selbdritt auf, dem familiären Trio von Mutter und Großmutter um das Jesuskind. 

Günter Schenk