Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

Roman
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Buchprofile - Rezension
Das Prinzip beschränkter Hoffnung: Karsten Krampitz erzählt die Geschichte einer Behindertenkommune im thüringischen Hartroda, die nach dem Ende der DDR zerfällt.
Die „Gesellschaft für beschränkte Hoffnung“ ist eine Kommune von jungen Menschen, die sich kaum bewegen können, teilweise in Rollstühlen sitzen und alles miteinander teilen, Geld, Bücher, Essen, Ideen, Schallplatten und ihre Gebrechen. Gemeinsam mit freiwilligen Pflegern beziehen sie ein heruntergekommenes Pfarrhaus im thüringischen Hartroda. Das ist Ende der 1970er-Jahre und geschieht unter den misstrauischen Augen der Stasi, aber mit Duldung der Diakonie. Mit Berufung auf Jesu Jünger und die urchristlichen Gemeinden entwickelt Gruns, ein von Muskelschwund betroffener Pfarrer und Prediger, die Gründungsidee der sich selbst so nennenden „Krüppelkommune“: Gerechtigkeit beruht nicht auf Leistung, sondern auf der Menschlichkeit derer, die zusammenleben, weil sie einander brauchen. Das funktioniert auch ganz gut. Die Kommune hält sich mit Rente, Pflegegeld und Spenden über Wasser, ihr Ruf als Friedenswerkstatt ist eine Visitenkarte für die Evangelische Kirche in Deutschland. Aber als 1989 die Mauer fällt, verliert die Kommune ihre Geschäftsgrundlage. Die Gemeinschaft bricht auseinander. Ein Mitglied, ein ehemaliger Grenzsoldat, offenbart, dass er einen unbewaffneten Lastwagenfahrer von hinten erschossen hat. Karsten Krampitz erzählt eine ungewöhnliche Geschichte von einer Behindertenkommune, die ganz aus der Zeit und dem Land gefallen ist, an der sich aber ablesen lässt, wie es um die Gesellschaft und ihre Gemeinschaftsideen bestellt ist. ‚Behinderung‘ wird hier nicht als Beeinträchtigung oder Gebrechen geschildert, das der Rehabilitation bedarf, auch nicht als soziales Problem („Behindert ist man nicht, behindert wird man“), sondern als Frage eines nicht-binären kulturellen Zusammenlebens. Dazu gehört dann auch die Musik der aus der DDR-Opposition stammenden Bluesband „Freygang“, mit deren Songs der Roman anhebt. – Karsten Krampitz hat dafür den Matthias-Vernaldi-Preis für selbstbestimmtes Leben erhalten; mit dem 2020 verstorbenen Vorreiter der Behinderten-Bewegung hatte er die Zeitschrift „Mondkalb – Zeitung für das organisierte Gebrechen“ gegründet und auf Pi-Radio die Sendereihe „Krüppel aus dem Sack“ moderiert. Mit einer solchen Selbstironie und mit intensiven Erlebnisberichten sind die Kapitel dieses hochgradig lesenswerten Romans ausgestattet.
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Artikelbeschreibung

Arnstadt, Thüringen, Ende der 70er Jahre. In einem Heim für behinderte Jugendliche beschließen drei Freunde, die sich kaum bewegen können: Wir brechen aus. Von Rente und Pflegegeld wollen sie sich Pfleger finanzieren, ein Haus bekommen sie von der Kirche - das alte Pfarrhaus in Hartroda, im Altenburger Land. So beginnt die Geschichte einer Kommune, die völlig aus der Zeit und aus dem Land gefallen ist. Die einen bekommen Hilfe, die anderen Asyl - vor der Schinderei im Staatsbetrieb, vor einem Leben im stupiden Kreislauf von Arbeiten, Saufen, Schlafen. Eine Gemeinschaft der Gleichen, in der alles geteilt wird - Geld und Bücher, Platten und Bier, aber auch alle Gebrechen. Eine Gemeinschaft der Aussortierten, die sich mit Witz und Chuzpe das Undenkbare erkämpft: ein selbstbestimmtes Leben, vielleicht sogar Freiheit. Unter dem Schirm der Kirche wird sie, so scheint es zumindest, vom DDR-Apparat in Ruhe gelassen.Intellektueller Kopf der Gemeinschaft ist Gruns. Er wird vom schweigsamen Mozek gepflegt, der vom Dachboden aus internationale Fernschachturniere bestreitet und sich über seine Vergangenheit bedeckt hält. Denn Mozek, ehemaliger Grenzer, ist auf der Flucht vor der eigenen Schuld.»Ich hab meine Sache auf nix eingestellt / auf gar nix, überhaupt nix«, heißt es in einem Lied der Band Mischpoke, die zum Freundeskreis der Kommune gehört. Als die DDR zusammenbricht, wird deutlich, dass es auch die Mauer war, die die Gemeinschaft von Hartroda zusammengehalten hat.

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Personeninformation

Karsten Krampitz (*1969 in Rüdersdorf) ist Autor, Historiker und Journalist. Er schrieb für Straßenzeitungen, war an der Besetzung von Luxushotels beteiligt und Mitgründer von »Mondkalb - Zeitung für das Organisierte Gebrechen«. Er promovierte zur Rolle der Kirche in der DDR. 2009 gewann er beim Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis. Für die Arbeit an diesem Roman erhielt er das Berliner Senatsstipendium für Literatur, das Literaturstipendium des Freistaats Thüringen und ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds.

Pressestimmen

»Wer zwei Kästen Bier hat, mache einen zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.« Bov Bjerg »Karsten Krampitz gehört zu den besten Kennern der DDR-Spätphase.« Christian Schröder, Tagesspiegel, über »1976. Die DDR in der Krise«
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