Die Kunst der Zustimmung

Fast alles über Martin Walser
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Buchprofile - Rezension
Bergauf beschleunigen: Jörg Magenau verfolgt empathisch und neugierig das Schreiben Walsers.
Martin Walser war zeitlebens ein gefeierter und zugleich umstrittener Autor. In Jörg Magenau hat er einen Biografen gefunden, der ihm über 30 Jahre lang treu auf der Spur geblieben ist. Nach seiner Walser-Biografie hat Magenau nun einen Band mit Essays und Gesprächen vorgelegt. Er verfolgt das Schreiben und das Wirken Martin Walsers von seinen Anfängen als Doktorand an der Universität Tübingen über die diversen Debatten um den Autor (das Engagement für eine deutsche „Denkgemeinschaft“, die Friedenspreisrede 1998 und das mit Antisemitismusvorwürfen überschüttete Buch „Tod eines Kritikers“) bis zu dessen letzten Romanen. Dabei geht es eingestandenermaßen nicht um kritische Einordnung und Bewertung, sondern um die Dokumentation eines Lernens im Lesen. Dieses Lernen ist neugierig, einnehmend, zustimmend; Magenau sagt, wie Walser, Ja zu den Verhältnissen, die dessen Schreiben oft verneint haben. Da geht es zum Beispiel um die Anfänge mit Kafka (Walsers Promotionsthema) und um Walsers frühe „Lügengeschichten“, die der Welt ihre Möglichkeiten vormachen. Magenau geht nicht mit den Lebenslügen der männlichen Walserfiguren ins Gericht, sondern entlastet sie mit den erzählerischen Strategien, die der Autor praktiziere: verbergen, träumen, zustimmen und verstummen. Gerade im stummen Leiden der Figuren werde Walsers „Kunst der Zustimmung“ deutlich. Auffällig ist, wie stark Magenau Walser als religiös musikalischen Autor liest; dem „Glaubensroman“ „Muttersohn“ wird der „Glaubensessay“ „Über Rechtfertigung“ an die Seite gestellt; die aus den Tagebüchern stammende Geschichte „Mädchenleben“ wird als Heiligenlegende gedeutet. Legendär schildert Magenau vor allem Walsers Auftritte vor Publikum: Inszenierungen eines radikalen, bergauf beschleunigenden Autor-Ichs, das mit der Macht der Sprache spielt. Ein aufschlussreiches Buch, ganz nah an Walsers Werken entlanggeschrieben.
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Artikelbeschreibung

Martin Walser ist der Autor, der Jörg Magenau am längsten, ja fast sein ganzes Leben lang begleitet hat. Noch als Schüler in Ludwigsburg stieß er auf ihn, Jahrzehnte später moderierte er viele seiner Lesungen, fuhr zusammen mit Walser im Zug, kehrte mit ihm in Bahnhofs­lokalen ein und traf sich mit dem Großschriftsteller in Hotelfoyers. Oft genug erlebte er Walser nach Lesungen im Restaurant am großen Tisch mit Verlagsleuten, jungen Freundinnen, alten Freun­den und Bekannten, wie er glänzte, sich befeuerte, erzählte, sich aufregte, auf den Tisch schlug, wie er am meisten von allen trank und irgendwann nach Mitternacht, wenn keine anderen Gäste mehr da waren, den Kellner überredete, doch endlich am Tisch rauchen zu dürfen. Und weil er Martin Wal­ser war, durfte er das und tat es genüsslich. Der vorliegende Band versammelt Texte über Walser aus mehr als dreißig Jahren. Das ist viel und doch zu wenig, weil es nur das letzte Drittel seines langen Lebens umfasst. Diese Texte sind in der Summe so etwas wie ein Gegenstück und die Ergänzung zur Biographie, die Jörg Magenau über Walser vorgelegt hat. Damals sagte Walser nach der Lektüre: 'Das ist großartig, aber das bin nicht ich.' Er meinte damit, dass Jörg Magenau eher ein Bild seines äußeren, politischen Werdegangs als Intellektueller gezeichnet hatte, als ihn von innen heraus zu erfassen. Vielleicht gelingt es mit dem vorliegenden Buch, das damals Versäumte nachzuholen und mit dem Blick auf die Literatur den 'inneren Menschen' deutlicher werden zu lassen. Über niemanden hat Jörg Magenau öfter geschrie­ben als über Martin Walser.

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