Großvaters Haus

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Buchprofile - Rezension
Erinnerungen an eine jüdische Kindheit in Ostpreußen.
Der Autor schrieb den Text 1941/42 in Palästina nieder, wohin er 1938 ausgewandert war. Im Mittelpunkt steht sein Großvater, Jakob Akiba Sturmann, um die Wende zum 20. Jh. jahrzehntelang Kantor und Religionslehrer in der kleinen jüdischen Gemeinde von Osterode in Ostpreußen. Er war sehr anerkannt und das unbestrittene Haupt der Familie. Im Gegensatz zum Autor, einem Zionisten, setzte er sich für die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft ein und wandte sich deutlich gegen zionistische Werbung in seinem Amtsbereich. Das schlug sich zum Beispiel in der Teilnahme der örtlichen Obrigkeit bei der Einweihung einer neuen Synagoge oder der Feier seines 70. Geburtstages nieder. Gleichzeitig achtete er außerordentlich auf gute Kenntnisse des Glaubens und getreue Befolgung der rituellen Vorschriften bei seinen jüdischen Gemeindemitgliedern. Manfred hat Jakob als strengen Lehrer in Erinnerung, dem seine Leistungen in Bibelkunde und hebräischer Sprache nicht genügten, wenn er in den Ferien bei ihm zu Gast war. Daneben schildert der Autor viele Episoden mit gleichaltrigen Spielkameraden, bis hin zur ersten Verliebtheit. – Viele dieser Szenen spielen im Wald und zur kalten Jahreszeit. Das ist nicht verwunderlich, lebte der Autor doch zur Zeit der Niederschrift im sonnendurchglühten, waldarmen späteren Israel. Die Erinnerungen erschienen bislang nie als gedrucktes Buch. Sturmanns Text beschreibt authentisch eine Zeit des guten Zusammenlebens von Juden und Deutschen, die er, wenn auch als Kind und Jugendlicher, selbst erlebt hat. Der Herausgeber Dirk Heißerer stieß wohl wegen Sturmanns Kontakten zu Thomas Mann auf den schriftstellerischen Nachlass. Er hat dem kurzen Text ein sehr informatives Glossar und umfangreiche Literaturnachweise angefügt und setzt sich im Nachwort intensiv mit der Person Jakob Sturmanns und den Zeitgegebenheiten auseinander. Eine gute Ergänzung zu Judaika, die nur rückblickend Episoden der deutsch-jüdischen Geschichte beschreiben.
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Artikelbeschreibung

Eine Wiederentdeckung: Der Lyriker und Erzähler Manfred Sturmann erzählt in seinen Erinnerungen an den Großvater Jakob Akiba Sturmann (1838-1917) im ostpreußischen Osterode vom Alltag des jüdischen Lebens in einer Kleinstadt und vom aufkommenden Konflikt zwischen Orthodoxie und Zionismus.Der Großvater, selbst Sohn eines jüdischen Vorbeters, hatte als Prediger in Osterode zwischen 1865 und 1915 die jüdische Gemeinde geeint und die Mittel für den Bau einer neuen Synagoge (1893) gesammelt. Doch schon sein Sohn entschied sich für einen weltlichen Beruf und wurde Goldschmied in Königsberg. Von dort kam der Enkel meist in den Sommerferien zu Besuch - und musste erleben, wie er den strengen Maßstäben des Großvaters nicht mehr genügen konnte. In neun Kapiteln schildert Sturmann Freud und Leid seiner Kindheit, die jüdischen Rituale des Großvaters, aber auch das Erwachen der zionistischen Hoffnungen in der eigenen Familie und die damit verbundenen Spannungen. »Großvaters Haus«, geschrieben in Palästina 1941/42 und revidiert 1977, entfaltet einen ganz eigenen literarischen Reiz und wurde bislang nur in wenigen Auszügen veröffentlicht.

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Personeninformation

Manfred Sturmann (1903 Königsberg - 1989 Jerusalem) debütierte 1923 in München mit dem Gedichtband »Althebräische Lyrik. Nachdichtungen«. Er schrieb Gedichte, literarische Porträts, Novellen, Erzählungen und Rezensionen. Mit Thomas Mann unternahm er im Münchner Herzogpark ausgiebige Spaziergänge, bei denen er ihm von seiner Heimat vorschwärmte und ihm die Kurische Nehrung empfahl - wo sich Mann 1930 ein Sommerhaus bauen ließ. In München engagierte sich Sturmann als Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe. 1938 emigrierte er nach Jerusalem, wo er u. a. Einwanderer betreute und sich beim Bau von Seniorenheimen und einer Volkshochschule engagierte. Zudem wurde er Nachlassverwalter von Else Lasker-Schüler. Dirk Heißerer, geb. 1957, ist Literaturwissenschaftler in München. Von 1993 bis 2000 sowie 2006 war er Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität und an der Universität Leipzig zwischen 2007 und 2009. Seit 2003 ist er Herausgeber der »Thomas-Mann-Schriftenreihe« (TMSR). Im Jahr 2009 wurde er mit der Thomas-Mann-Medaille ausgezeichnet.Veröffentlichungen u. a.: »Hedwig Pringsheim: Mein Nachrichtendienst. Briefe an Katia Mann 1933-1941« (Hg., 2013); »Wo die Geister wandern. Literarische Spaziergänge durch Schwabing« (2008); »Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern« (2005).

Pressestimmen

»Sturmmann berichtet in wunderbar klarer Sprache vom jüdischen Alltag in Königsberg (....). (Dirk Heißerer) hat die Erinnerungen Sturmanns vorbildlich editiert und um Dokumente aus dem Leben des Großvaters angereichert.« (Klaus Hillebrand, taz, 25.05.2024) »Sturmanns Erinnerungen ziehen den Leser von beginn an in den Bann.« (Preußische Allgemeine Zeitung, 21.06.2024) »Das Buch (...) erscheint hier erstmals in vollständiger Form und beeindruckt als Erinnerung an eine untergegangene Welt.« (Monika Melchert, Lesart 2/2024) »(ein) literarische(s) Kleinod, dem mehr Resonanz zu wünschen wäre« (Thomas Schaefer, konkret, 10/2024)

Bewertungen

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