Mémorial

Roman
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Buchprofile - Rezension
Eine Reise nach Kielce wegen des Schweigens der Familie.
Die Ich-Erzählerin wartet auf einem winterlichen Bahnhof - möglicherweise in Berlin - auf ihren Zug nach Polen. In ihre Beobachtungen der anderen Wartenden mischen sich die Stimmen aus ihrer Vergangenheit. In bruchstückhaften Dialogen erklärt sich, warum die Reisende auf diesem Weg die Spuren ihrer Herkunft ausfindig machen will: Als Jüngere haben ihre Angehörigen allenfalls Episoden der Familiengeschichte preisgegeben, weil sie die Erzählerin schützen wollten; heute sind sie aufgrund ihres Alters und ihres Zustandes dazu nicht mehr in der Lage. Der zweite Teil des Romans handelt von einer Zugbekanntschaft, einer Frau, die in Oswiecim/Auschwitz lebt, die darlegt, weshalb sie als junge Frau die Stadt, die gedanklich immer im Schatten des KZs Auschwitz steht, verlassen hat, aber die es dann doch drängte, dorthin zurückzukehren. Im dritten Teil hat die Erzählerin ihr Ziel, die Stadt Kielce erreicht. Er beschreibt, wie sie sich nur ganz vorsichtig den Orten nähert, von denen sie aus den familiären Berichten weiß. - Als Motiv des Aufbruchs kann man herauslesen, dass die Erzählerin trotz aller Versuche, ihr die Herkunft zu verschleiern, oder gerade deswegen, das Bedürfnis entwickelt, ihre Wurzeln zu suchen. Ein Motiv, das nicht nur bei einer jüdischen Familie, die die schrecklichen Zeiten des 20. Jh. erlebt und überlebt hat, auftaucht. Die Suche nach den eigenen Wurzeln dürfte viele Menschen bewegen, die wissen oder ahnen, dass sie von ihrer Herkunft geprägt sind. Der Roman ist für sie alle und die immer wieder auftauchenden Fragen ein sprachlich sehr stringentes Beispiel.
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Artikelbeschreibung

Was ist ein Herkunftsort? Was bedeutet überhaupt "Herkunft"? Was bedeutet es, ein Erbe anzutreten, wenn die Vergangenheit verstummt? Was verbindet Generationen, wenn das Schweigen herrscht?Eine junge Frau steht auf einem Bahnsteig und wartet auf ihren verspäteten Zug. Sie will nach Osten reisen, nach Polen, in jene Stadt, die ihre Großeltern mit ihrem Vater einst verlassen hatten. Sie begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit, als das Gedächtnis des Vaters und die Erinnerung an Vergangenes allmählich verblassen, mit dem Ziel, eine Antwort zu finden - doch worauf? Mehrere Stimmen begleiten sie auf ihrer Reise: Stimmen aus der Vergangenheit, aus ihrem Inneren, aus dem Unbekannten? Über diese Geschichte fliegt die mysteriöse Figur der Schneeeule ...In dieser Übersetzung erschienen unter dem Titel »Aus der Nacht« in der Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2008.

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Personeninformation

Cécile Wajsbrot, 1954 in Paris geboren, schreibt Romane - manchmal auch Essays und Hörspiele. Sie übersetzt aus dem Englischen (u. a. Virginia Woolf) und aus dem Deutschen (u. a. Marcel Beyer, Peter Kurzeck). Sie lebt abwechselnd in Paris und in Berlin.2007 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Seit 2017 ist Sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie seit 2019 der Akademie der Künste in Berlin. 2014 erhielt sie den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2016 den Prix de l`Académie de Berlin. 2024 erhielt sie den Grand Prix de Littérature Henri Gal und den Aleksandar Tisma International Prize. Im selben Jahr wurde sie für ihren Roman »Nevermore« mit dem Literaturpreis der Darmstädter Jury ausgezeichnet. Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren französische Literatur u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Arbeit erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Pressestimmen

»Cécile Wajsbrot (sucht) mit dem feinen Gespür für sprachliche Zwischentöne und seelische Verschüttungen nach ihren familiären Wurzeln in Polen« (Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten, 02.08.2023) »In der gegenwärtigen Literaturlandschaft muss man lange suchen, um eine Autorin ähnlichen Formats zu finden.« (Michael Opitz, Deutschlandfunk, 14.08.2023) »'Mémorial' ist ein gewaltiges Sprach- und Erinnerungsgebäude.« (Dirk Fuhrig, DLF Buchkritik, 29.07.2023) »ein kunstvoll gewirktes Prosagedicht von bestechender Musikalität« (Volker Breidecker, Tagesspiegel, 26.08.2023) »Wajsbrots Roman ist ein dichtes Flechtwerk aus Gedanken und Worten, ein beeindruckendes Erinnerungsbuch.« (Ute Fuith, Weiber Diwan, Herbst 2023) »bewegende(r) Text über Erinnern und Vergessen, Flucht und Entwurzelung« (Frank Hahn, tell, 18.12.2023) »Von der Ambivalenz der Gefühle, die so viele Geflüchtete zu zerreißen droht (...): davon erzählt auf beeindruckende Weise 'Mémorial'«. (Fokke Joel, neues deutschland, 22.02.2024)
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