Sieben Heringe

Meine Mutter, das Schweigen der Kriegskinder und das Sprechen vor dem Sterben
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Buchprofile - Rezension
Gespräche mit den Eltern vor deren Tod über die lange verschwiegene Vergangenheit in NS-Zeit und Nachkriegszeit.
"Die Notizen in meiner Kladde sind nun gewissermaßen die Archäologie meines Lebens." Der Journalist Jürgen Wiebicke begegnet in den zu unterschiedlichen Zeiten geführten Gesprächen mit seinen Eltern, die beide mit ihrem baldigen Tod konfrontiert sind, nicht nur den prägenden Phasen in deren Leben, besonders während der NS-Zeit, des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit, sondern auch seiner eigenen Vorgeschichte, den Mustern, nach denen seine Kindheit und Jugendzeit abliefen und die ihm Wege aufzeigen, sich selbst besser zu verstehen. Die Erzählungen seines Vaters und seiner Mutter, die als junge Menschen die Hitler-Diktatur, den Krieg und die Jahre danach ganz unterschiedlich erlebten bzw. bewerteten und sich nach 1945 wie die meisten ihrer Generation, der sog. Kriegskindergeneration, einen "Schutzpanzer des Schweigens" umlegten, spiegeln nun, da Krankheit und nahender Tod ihr physisches und psychisches Dasein bestimmen, eine große Offenheit und Ehrlichkeit wider und gewähren Einblicke in ihre jahrzehntelang verschütteten Gefühle. Aufgrund dieser bewegenden Gespräche offenbart der Autor eine sehr persönliche Sicht auf die Geschichte, wobei er sorgenvoll auf die gegenwärtige politische wie gesellschaftliche Entwicklung verweist, in der "Geschichtsleugner und Hassbereiter wieder aus ihren Löchern kriechen" und demokratische Strukturen zu beseitigen versuchen. Neben der geschichtlichen Einordnung und der kritischen Betrachtung der Gegenwart setzt sich Wiebicke mit dem Tod auseinander, dem Tod in seiner Bedeutung und Verarbeitung in der Gesellschaft, insbesondere aber mit dem Sterben seiner Eltern für seine ganz persönliche Entwicklung. - Ein ernsthaftes, ehrliches Buch! Allen Büchereien zu empfehlen!
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Artikelbeschreibung

'Ich weiß, wie wenig selbstverständlich es ist, dass das Gespräch zwischen den Generationen am Lebensende glückt.'.

Was wissen wir wirklich über das Leben unserer Eltern, der Kriegskinder? Wann ist der richtige Zeitpunkt, zum Archäologen des eigenen Lebens zu werden und die Eltern zu befragen? Jürgen Wiebicke folgt den Berichten seiner Eltern, die konfrontiert mit dem Tod von einer radikalen Offenheit getrieben sind und ihre Erlebnisse nicht mehr für sich behalten wollen. 'Man hat den Tod eines Menschen mit dem Brand einer Bibliothek verglichen. Bestimmte Geschichten können anschließend nicht mehr erzählt werden. In dieser Hinsicht ist der Tod ein einziger Skandal, ein großer Vernichter.' Als sich für die Mutter von Jürgen Wiebicke das Lebensende abzeichnete, wollte er es besser machen als beim Tod des Vaters. Mit beiden führte er - in dieser Intensität zum ersten Mal - Gespräche über deren Leben und Erfahrungen, damit die Erlebnisse der Generation, die Krieg und Nationalsozialismus als Jugendliche miterlebt hat, nicht mit dem Tod verschwinden. Doch nur bei der Mutter schrieb er mit. Alles aufzuschreiben scheint besonders wichtig, weil die Geschichtsleugner und Hassbereiten wieder aus den Löchern kriechen, während die letzte Generation der Zeitzeugen abtritt. Liegt das auch daran, dass Zyklen von Krieg und Frieden mit verblassender Erinnerung zusammenhängen? Jürgen Wiebicke erzählt exemplarisch von einer Generation, die den Krieg mit voller Wucht abbekam, und zieht die Parallelen zur heutigen Zeit. Und er schreibt über das Sterben und den Tod in der heutigen Gesellschaft, für die der Umgang mit dem Thema Endlichkeit immer problematischer wird.

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Pressestimmen

»Ein kluges, trauriges und doch auch sehr tröstliches Buch.« Stefan Sommer Kölnische Rundschau 20210623
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