Nicht mehr. Mehr nicht

Chiffren für sie
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Buchprofile - Rezension
Was die verlassene Geliebte gewinnt: Botho Strauß setzt seine Bewusstseinsgeschichte der Moderne fort.
Wie kein anderer Dichter hat Botho Strauß das Bewusstsein unserer Zeit durchleuchtet. Mit dem Senkblei seiner aphoristischen Denkprosa beschreibt er die Tiefen der Seele. Diesmal geht es um die Situation der Verlassenheit. Da ist eine Frau, sie heißt Gertrud oder Elissa, ihr Geliebter hat sie zurückgelassen. Zwischen Jammer und Zorn, Sehnsucht und Melancholie, Begehren und Verzicht wechseln die kurzen Stücke rasch hin und her. Man hört der Erzählerin gerne zu, weil originell und glaubwürdig klingt, was ihr der Autor durch den Kopf gehen lässt. Botho Strauß stellt sie außerdem in eine große Reihe von Opfern des Liebesverrats. Ihr Vorbild ist Dido, die Königin von Karthago, die den Flüchtling Äneas aufnahm, liebte - und von ihm verlassen wurde. Die mythische Spur wird vertieft mit Anspielungen aus der Literaturgeschichte. Aber das macht die Lektüre nicht schwerer, nur reicher. Geduldige Leser/-innen können hier begreifen, was es bedeutet, das Dulden zu studieren, den Mut sich zu sträuben, das Zurückweichen und die Meidbewegungen zu proben (auch mit Bezug zu der unfreiwilligen Isolation in der Pandemie), die Erwartung in Erinnerung zu tauschen. Ein eindringliches Stück Sprachmagie, minimalistisch und mit Tiefgang erzählt, gleichwohl nicht zu schwer zu lesen.
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Artikelbeschreibung

"Wie zwei voreinander sich rasend entkleiden und wieder ankleiden, das wird, im Zeitraffer gesehen, ihre ganze Geschichte gewesen sein."Dies ist die Geschichte von Gertrud Vormweg, einer Frau, die vom Bild ihres Geliebten nicht loskommt. Er hat sie verlassen: Nun bestimmen Zorn, Sehnsucht und Enttäuschung, Begehren und Aufbegehren Tag und Nacht ihre Gedanken. Doch zugleich mag sie, die Dichterin, nicht sang- und klanglos die Verliererin dieser Liebe sein. Also erzählt sie von sich in der Figur der karthagischen Königin Dido, der großen Verlassenen der Weltliteratur. Und nutzt Verkleidungen, Chiffren der Literatur, um der Banalität des Geschehenen nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. "Wenn schon allein, dann unter Vorbildern begraben." In vielen Stimmen, vielen Tonlagen, aus vielfältigen Zuständen entwirft Botho Strauß diese Erzählung einer Verlassenen und setzt damit Bewusstseinsgeschichten der Moderne fort.

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