Nur nicht zu den Löwen

Roman
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Buchprofile - Rezension
Eine 70-jährige Israelin blickt auf ihr Leben zurück.
Rivi Greenfeld ist mit 69 Jahren die letzte Bewohnerin ihres Viertels in Tel Aviv. Sie weigert sich, ihre Wohnung, in der sie mit ihren Eltern gelebt hat, zu verlassen. Als sie sich nicht mehr gegen den Räumungsbeschluss wehren kann, beginnt sie zu schreiben, und stellt sich ihrer Vergangenheit. Sie schreibt Mails und WhatsApp-Nachrichten an Nachbarn und verflossene Liebhaber. In einem Tagebuch sortiert sie ihre Gedanken und Erinnerungen. Ihre Eltern, beide Holocaustüberlebende, haben wenig miteinander gesprochen. Ihr Vater hat die Ermordung seiner ersten Frau und seiner kleinen Tochter durch die Deutschen nie verwunden. Er rief Rivi häufig mit dem Namen seines toten Kindes, „Rejsele“. Rivis Kindheit ist durch diese Leerstelle geprägt. Sie ist ein besonders hübsches Mädchen, das bald das Interesse von Männern weckt. Doch immer wird sie nur über ihren Körper definiert. Die Aufmerksamkeit, die ihr entgegenschlägt, verwechselt sie meist mit wirklichem Interesse. Ihre vielen Liebhaber vermögen ihre Einsamkeit nicht zu durchbrechen. – Lizzie Doron bedankt sich im Nachwort für viele Geschichten, die in ihren Roman eingeflossen sind. Sie komprimiert 70 Jahre israelischen Alltag, schreibt von Krieg und Armeezeit, von transgenerationalen Traumata und Sprachlosigkeit. Die Lebensgeschichte von Rivi führt sie, nicht ohne Humor, zu einem versöhnlichen Ende.
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Einmal in ihrem Leben möchte Rivi Greenfeld nicht nachgeben, das hat sie schon zu oft getan, sich abgefunden. Nun will sie sich durchsetzen und nicht ausziehen aus der Wohnung, in der sie aufgewachsen und bis zu deren Tod auch mit den Eltern gelebt hat. Doch all die unbeantworteten Fragen aus den vielen Jahren stehen noch im Raum.

Anfangs könnte man Rivi Greenfeld für eine verbitterte Alte halten, gefangen in Erinnerungen und mit einem Hang zur Übergriffigkeit ausgestattet, der sie ihre unerfüllten Träume und schlechten Erfahrungen vor andere hinkippen lässt. Doch sie hat viel zu erzählen. Über die Generation der Shoa-Überlebenden, die sich nach Israel retten konnten, aber beschwert mit der Last ihrer Erlebnisse nicht die besten Voraussetzungen hatten für einen glücklichen Neuanfang. Man begreift, wie sich die Traumata der Vernichtung weiter fortgepflanzt haben und dass diese Vergangenheit nicht ruhen kann.

Sie seinen Erinnerungen zu stellen, kann sehr schmerzhaft sein aber im besten Fall auch befreiend, die Erfahrung die Rivi durch ihre Notizen und Reflexionen machen darf. Wut, Scham und Groll zu unterdrücken ist dagegen keine gute Idee. Sich damit auseinanderzusetzen kann dagegen auch die schönen Erinnerungen wieder zum Leuchten bringen.

Artikelbeschreibung

Eine Frau befreit sich aus dem Selbstbetrug ihres Lebens

Tag für Tag steht Rivi Greenfeld am Fenster ihrer Wohnung und beobachtet das Treiben der Menschen auf der Straße. Doch inzwischen ist Neve Tzedek das angesagteste Viertel Tel Avivs, eine junge Unternehmerin will das Gebäude abreißen lassen, Rivi soll diesen Ort verlassen, der ihr ganzes Leben, all ihre Erinnerungen birgt. Aber Rivi ist eine kämpferische Frau: Als aller Widerstand zwecklos wird, beginnt sie, den Menschen zu schreiben, die ihr etwas bedeutet haben. Davon, wie ihr einst mächtige Männer des Landes verfielen, sie viele weitere behelligten - und sie am Ende ihres Lebens doch allein ist. Erst im Schreiben wird ihr klar, wie schwer sie an ihrer Rolle als Frau trug. Sie findet einen Weg, ihr Leben neu zu erzählen.

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Personeninformation

Lizzie Doron, 1953 in Tel Aviv geboren, wurde durch ihre Romane über die zweite Generation nach der Schoah bekannt. Mit 'Who the Fuck Is Kafka' - eine der wichtigsten literarischen Verarbeitungen des Nahostkonflikts - und 'Sweet Occupation' wandte sie sich politischen Themen zu. Lizzie Doron wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Friedenspreis der Geschwister Korn und Gerstenmann-Stiftung. Sie lebt in Tel Aviv und Berlin.

Markus Lemke lebt als freier Übersetzer und Dolmetscher aus dem Hebräischen und Arabischen in Hamburg. Er überträgt u. a. Werke von Eshkol Nevo und Dror Mishani. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2019 mit dem Deutsch-Hebräischen Übersetzerpreis und 2021 mit dem Hamburger Literaturpreis.

Pressestimmen

Zwei Frauen, zwei Generationen, die einen Weg in die Zukunft suchen - nicht nur in Israel. Hochaktuell und unbedingt lesenswert! Cornelia Zetzsche SWR Kultur, lesenswert Magazin 20231127
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