125 Jahre Michaelsbund
17.08.2026

Olympia nach dem Terror

Nach dem Attentat von 1972 fragt ein Artikel, was von der Friedensidee der Olympischen Spiele bleibt.
    

Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher verhandelt mit einem Terroristen im Olympischen Dorf. Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher verhandelt mit einem Terroristen im Olympischen Dorf. Foto: © IMAGO / Sammy Minkoff


Der Artikel aus der Münchener Katholischen Kirchenzeitung vom 17. September 1972 zieht nach dem Olympia-Attentat eine ernüchternde Bilanz der Münchner Spiele. Der Autor stellt der Friedensidee der Olympischen Bewegung Terror, politische Instrumentalisierung, Kommerz und Leistungsdenken gegenüber. Zugleich bleibt Hoffnung: Die Illusion der „heiteren Spiele“ sei zerstört, die vielen Begegnungen zwischen jungen Menschen zeigten aber, dass die Idee der Verständigung zwischen den Völkern weiterleben könne.

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Ist Olympia auf der Strecke geblieben?

Nach den Schüssen spielte die Jugend weiter

Eine Olympiade, das ist Krieg. Und da die Menschen nun einmal den Krieg lieben: auf denn, leisten wir uns vierzehn Tage Haß, Rivalität, Dramen, Diskussionen und Freude! München, das ist der dritte Weltkrieg. So fröhlich-zynisch gab sich der französische Regisseur Claude Lelouch, vom Organisationskomitee mit dem offiziellen Olympia-Film beauftragt, vor Beginn der Spiele. Claude Lelouch, erinnern wir uns, hat es wie kein anderer verstanden, auch der Tragödie eine modisch-chice Seite abzugewinnen – etwa in einem in traumhafte Bildsequenzen aufgelösten Autounfall.

In einem irrte Lelouch: „Es wird kein Blut fließen, es wird keine Toten geben und keine zerstörten Familien.“ Was eingetreten ist, wissen wir alle. „Vielleicht wird München eines Tages in die Geschichte eingehen als der Ort, wo die Welt des Sports sich besann und aufschrie: ‚Genug, Stop. Halt. Schluß.‘“ Das schrieb nach der Eröffnungsfeier eine englische Zeitung. Der Aufschrei ist eingetroffen, doch die Spiele gingen weiter, statt der Besinnung eine Betäubung, wer will sich die Träume auch noch nehmen lassen.

So wurde der Tod verarbeitet: in Sonderblättern. Ein Münchner aus der Jugend der Welt schreit die Schlagzeile heraus, Triumph fast in der Stimme. Und erschrickt vor ihrem eigenen Klang und murmelt vor sich hin: Sonderausgabe. Der Verkäufer im Andenkenladen auf dem Olympiagelände sagt: Bisher waren wir jeden Tag ausverkauft, bis dieses Pech kam. Er sagte tatsächlich – Pech. Auf dem Rasen vor dem olympischen See liegt ein anderer Teil der Jugend der Welt und träumt vom Paradies. Sie wachen auch an diesem Vormittag, als der Schrecken allgemein ist, nicht auf – sie haben der Welt künstlich nachgeholfen.

Ein anderer aus der Jugend der Welt ist dieser junge Polizist, der vor dem Maschenzaun des olympischen Dorfes steht. Er ist, sagt er, 19 Jahre, und zeigt sich erstaunt über die Frage. Denn die Leute haben ihn heute den ganzen Tag nach etwas anderem gefragt: ist das das Haus in dem … Ja, das ist es. Der Polizist hat eine unförmige Pistolentasche umhängen, die den Gürtel herunterzieht. Zehn Meter weiter steht sein Kollege. Der Schein wurde aufgegeben, nun zeigen Uniform und Waffe, daß Gegengewalt die Gewalt vom Reservat der Olympioniken abhalten muß.

Ein amerikanisches Ehepaar kommt vorbei, sie fotografieren den Polizisten im Vordergrund und das Haus im Hintergrund. Hundert Meter weiter macht ein französischer Zauberer (Alter 25) seine Späße mit dem Publikum. Hauptattraktion: einem der Zuschauer sticht er einen Stab durch den Hals, daß er am anderen Ende wieder herausschaut. Ob er seine Show nicht makaber findet. Erst versteht er gar nicht und dann sagt er: „Non, Monsieur, den Leuten gefällt es und die Spiele gehen auch weiter.“

Die Spiele sind weitergegangen. Auf den Stufen vor dem Olympia-Stadion stehen die Namen der Architekten und die Namen der Sieger und dann noch, in schwarz, elf andere Namen. Ein Kranz und ein paar Butterbrotpapiere liegen davor. In einem Kreis – mitten auf dem Vorplatz – hocken die Jesus-People, in Meditation zusammengesunken, mit der Hand nach oben weisend. Jesus ist der eine Weg und Jesus kann alles wandeln, steht auf dem Buch, das sie vor sich haben. Ein blasses Mädchen wird auf mich aufmerksam, es schenkt mir eine Broschüre, in der die Bibel auf ein paar Seiten Comic Strip zusammengedrängt ist.

Später treffe ich es bei den Fliegenden Händlern wieder, die indischen Zinnschmuck, Ledertaschen und Kreuze aus Eisenguß verkaufen. Der Zinnschmuck geht am besten. Das Mädchen erzählt ihnen von Jesus. Sie hören freundlich, aber nicht sonderlich interessiert zu. Ich mache das Geschäft meines Lebens, sagt einer, den ich von der Schwabinger Leopoldstraße kenne. Er wollte nach den Spielen abhauen aus München: nach Marokko vielleicht, oder noch weiter. Nepal ist sein Traumland. Nicht nur wegen dem Stoff: Dort glaubst du, es gibt die ganze andere Welt überhaupt nicht, sagt er. An diesem Vormittag geht sein Geschäft schlechter. Von U- und S-Bahn perfekt befördert hasten die Menschen um einen guten Platz bei der Trauerfeier im Olympia-Stadion. Nein, erklärt ein Ordnungsmann einer älteren Frau, heute brauchen Sie keine Eintrittskarten. Im Stadion aber entbrennt mancherorts der Kampf um den Sitzplatz. Streit beim Leichenbegängnis.

Doch was sieht man davon, wenn hunderttausend Menschen die Arena füllen. Der Rahmen ist deshalb würdig. Vorne und hinten dirigiert ein General-Musikdirektor Beethoven, den Trauermarsch aus der Eroica und die Ouvertüre zu Egmont. Spielen die nicht alle falsch, so wie Brahms am Abend im Fernsehen das Blutbad garnieren mußte?

Dazwischen ist in deutsch, englisch, französisch und hebräisch von dem Tatbestand die Rede: er sei verabscheuungswürdig, ruchlos und was dergleichen Worte mehr sind, die etwas fassen sollen, was niemand fassen kann. Ein Trennungsstrich wird von den Rednern gezogen zwischen zivilisierten Menschen und diesen abscheulichen Verbrechern, ein Seil, auf dem man weitertanzen kann. Wer will sich guten Gewissens zu dieser zivilisierten Gesellschaft rechnen, die im Rahmen der Regeln täglich Unrecht produziert. Die Tünche ist mit einem Schlag abgegangen und dahinter werden die tiefen Risse sichtbar. Auch die Attentäter zählen zur Jugend der Welt. Nach unserem Gesetz fast volljährig, fühlten sie sich als Soldaten einer Idee.

Eine „Idee“ war es auch, die IOC-Präsident Avery Brundage dazu bewog, die Olympischen Spiele weiterzuführen. Haben die Spiele von München sie bestätigt oder ad absurdum geführt? Wenn Heinemann, so eine Schlagzeile, „die wahren Schuldigen genannt“ hat, nämlich, daß hinter dem Häufchen der Verbrecher die Staaten stehen, die sie unterstützten, so fragt man sich, ob dieser Hintergrund nicht noch ein paar Stützen hat, die ihn halten.

Willi Daume bat darum, die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung zu meiden und zu ächten. Ein guter Appell, dem die Wirklichkeit Hohn spricht. Die Empörung und Trauer weicht wenige Stunden nach der Tat der politischen Überlegung. Die arabischen Staaten nehmen an der Trauerfeier nicht teil. Fast der gesamte Ostblock auch nicht. Schließlich ist Israel dem „imperialistischen“ Teil der Welt verbunden, und Arabien dem „revolutionären“. Die Politik, der Kampf, die Aggression greifen wieder nach den Olympischen Spielen. Sie können weitergehen. 

Und so klatschen bei der Trauerfeier die hunderttausend, die den Gegner ausgemacht und sich selbst als Sieger glauben. Die Mannschaften, halb im Trainingsanzug, können wieder mit dem Alltag der letzten Tage beginnen. So als wäre nichts, zumindest nichts Wesentliches geschehen.

Die Jugend der Welt agiert, wie die Alten sungen. Unser Super-Schwergewichtler im Gewichtheben, Rudolf Mang, hat es beispielsweise trotz seines zarten Alters schon zu einem BMW 2002 und bald zu einem Häuschen gebracht – von zahlreichen zusätzlichen Pfunden ganz abgesehen. Zwar schaffte er nur die Silbermedaille – aber der Russe, der ihm die Goldmedaille noch einmal vor der Nase wegschnappte, ist für den Leistungssport alt, Mang aber im Kommen. Stolz berichtet der Jüngling, er habe den gefräßigsten und aggressivsten Fisch in seinem Aquarium nach seinem russischen Gegner benannt. Welche Heiterkeit gibt diese menschliche Seite den Spielen!

Ein anderer hat das Bild seines Konkurrenten auf dem Nachttisch – „nun Brüder eine gute Nacht … er laß uns ruhig schlafen … und unseren … Nachbarn auch“. Oder Goldkind, Publikumsliebling und Geschäftsmann Mark Spitz hebt fairerweise mal die eine und mal die andere der großen deutschen Sportschuhmarken in die Kameras und möchte, wenn er nicht Mark Spitz wäre, sein: „ein Mann der aussieht wie Mark Spitz und so gut schwimmen kann wie Mark Spitz“. Augenblicklich überlegt er, ob er – wie ursprünglich geplant – Zahnarzt oder doch lieber Hollywoodstar werden soll. Kann man Mark Spitz seinen guten Sinn für Public Relations ankreiden, wenn beispielsweise Rainer Barzel darauf verweist, er sei mit den Eltern des amerikanischen Juden Mark Spitz im Hubschrauber von Garmisch nach München gereist.

Wie er suchten viele, und auf alle politischen Parteien gleichmäßig verteilt, die Katastrophe umzumünzen, gaben Presseerklärungen und Interviews und Statements ab und hielten Reden zum Fenster, sprich zur Fernsehkamera, hinaus. Die einen waren schon immer für Recht und Ordnung und ein schärferes Vorgehen zum Schutze des Staates, die anderen wollten auf einmal von einer Liberalisierung nichts mehr wissen und suchten auf den fahrenden Law-and-order-Zug aufzuspringen.

Der Bundeskanzler soll erst die Schüsse von Fürstenfeldbruck mißbilligt haben und dementiert es dann wieder. Der Araberfreund in der SPD, Jürgen Wischnewski, wittert die Stimmung der Nation und fordert plötzlich die Ausweisung aller Angehörigen von Staaten, die Terroristen unterstützen. Er träfe damit fast alle Araber der Bundesrepublik in Kollektivhaft. Und hier wäre der Hinweis auf die unselige jüngste Vergangenheit tatsächlich angebracht. Leider hat ein Bundesland diese Anregung bereits in die Tat umgesetzt. So blieben auch vor der Innenpolitik die Olympischen Spiele nicht verschont.

Natürlich haben sie auch zuvor die „heiteren“ Spiele von München als Plattform für ihren Wahlkampf angesehen. Niemand konnte voraussehen, daß die Tribüne für zwei Milliarden zusammenbricht. Was als glanzvolles Ereignis vorgesehen war, ist in den letzten Tagen zur Pflichtübung geworden. Das ist schon richtig, sagte der Nachbar neben mir in der U-Bahn, daß die Spiele weitergehen, schließlich haben die Leute alle schon ihre Karten. Und die Hotels wurden ganz gut mit den Gästen fertig, die infolge unvorhergesehener Ereignisse einen Tag länger bleiben mußten. Olympische Spiele verpflichten.

Heitere Spiele sind es nicht geworden. Der Herbst hat sich spürbar über den Frühling menschlicher Hoffnungen und Erwartungen, der alle vier Jahre einmal sprießt, gesenkt. Die „Spielstraße“, die das andere Olympia repräsentieren sollte, hatte schon vorher ihre Bretterbuden abgebrochen. Ist die Hoffnung, ist die Idee zerstört?

Man wird in vier Jahren wieder die Jugend der Welt rufen. Eine Jugend, die nicht besser und nicht schlechter als die Gesellschaft ist, die sie hervorgebracht hat. Am Rand der Olympischen Spiele hat es zahllose Begegnungen, Freundschaften, Gesten der Verständigung gegeben. Sie werden angesichts der tragischen Ereignisse um so schwerer wiegen. Die Illusion wurde in München endgültig zerstört, die Idee des Friedens unter den Völkern wird bleiben.

Fraglich bleibt, ob der Wettstreit, ob die Leistung als Bindeglied tragfähig ist. Oder ob nicht, wie es Willi Daume bei der Trauerfeier für die gemordeten Israelis andeutete, das Bewußtsein der Abstammung von und der Bestimmung zu etwas Höherem notwendig ist, um die Familie der Menschen zusammenzuhalten. Die einundzwanzigste Olympiade der Neuzeit hat begonnen.

Otto Walser 

Foto: © Archiv

Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management