Beziehung
22.06.2026

Küssen: Mehr als Romantik?

Küsse gelten heute als der ultimative Ausdruck von romantischer oder sexueller Zuneigung. Dabei kann der Kuss viel mehr sein – ein Zeichen von Freundschaft, familiärer Nähe oder Spiritualität.
    

Eines ist überall auf der Welt verbreitet: Eltern küssen ihre Kinder. Eines ist überall auf der Welt verbreitet: Eltern küssen ihre Kinder. Foto: © StockAdobe/sutadimages

Küssen ist der wohl deutlichste Ausdruck von „Ich liebe dich“ – dazu gehören auch die Liebe eines Vaters zu seinem Kind oder die Liebe zur besten Freundin. Trotzdem kommt ein platonischer oder familiärer Kuss nicht direkt in den Sinn, wenn es um das Küssen geht, obwohl er doch eigentlich ein universeller Ausdruck von Respekt, Liebe und Wertschätzung sein könnte.  

Wie Menschen weltweit küssen –
von Familie bis Freunden

Die deutsche Sprache hat über 30 Bezeichnungen für verschiedene Arten von Küssen – vom Schmatzer über den Abschiedskuss bis hin zum Bruderkuss. Andere Sprachen haben kein einziges Wort, das mit „küssen“ übersetzt werden könnte. Überraschend: Der romantische oder sexuelle Kuss ist weltweit keineswegs universell, da ist sich die Forschung einig. Mit der Geschichte des Kusses hat sich Linguist und Anthropologe Marcel Danesi eingehend beschäftigt: Er schreibt, dass sich der Kuss auf die Lippen in China und Japan erst durch Einflüsse des Westens verbreitet habe. Ebenso weist er auf darauf hin, dass Küsse bei einigen indigenen Völkern in Südamerika, Ozeanien, Afrika und Eurasien als gefährlich und unhygienisch gelten. Eine Form des Küssens ist laut Forschung aber in allen Kulturen und zu jeder Zeit verbreitet gewesen: der elterliche Kuss. 
    

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Die berühmtesten Küsse der Kirchengeschichte

Der wohl berühmteste Kuss der Kirchengeschichte ist derjenige, mit dem Judas Jesus ausgeliefert hat: „Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es. Nehmt ihn fest, führt ihn ab und lasst ihn nicht entkommen.“ (Mk 14,44) Diese Verbindung zwischen einem Verrat und einem Kuss passt laut Forschungen nicht in die generelle Praxis des Küssens im frühen Christentum. Von Anfang an sei der Kuss ritualisiert und sakramental gewesen – damit habe Judas nicht nur Jesus, sondern auch das heilige Ritual des Kusses verraten.    

Der wichtigste Kuss im frühen Christentum war der „Friedenskuss“. Er beruht laut Danesi unter anderem auf der Aufforderung des Petrus: „Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe.“ Auch bei Paulus sei er ein Zeichen von Versöhnung und spiritueller Einheit gewesen. So küssten sich Anhänger des frühen Christentums untereinander wohl recht häufig und zu verschiedenen Gelegenheiten. Augustinus schreibt zum Beispiel, dass sich Gläubige nach dem „Friede sei mit dir“ und kurz vor der Eucharistie auf den Mund geküsst hätten. Der Kuss ist damit auch spirituell mit der Eucharistie und dem Empfang des Leibes Christi verbunden. 

Pfarrer Schießler: Wann wird
in der Liturgie geküsst?


Solche Küsse zwischen Gläubigen sind in der katholischen Kirche heutzutage – wenn überhaupt – vor allem in südlichen Ländern verbreitet, sagt Pfarrer Rainer Maria Schießler. Während der Heiligen Messe gebe es trotzdem noch mehrere Küsse: Zu Beginn und zum Abschluss küsst der Priester den Altar; nachdem er aus dem Evangelium vorgelesen hat, küsst er auch die Bibel.  Denn sowohl der Altar als auch das Evangelium repräsentieren Jesus Christus. Der Kuss des Evangeliums sei dabei der Höhepunkt des gesamten Wortgottesdienstes – damit verabschiede sich der Priester von Jesus. Für Pfarrer Rainer Maria Schießler sind diese Küsse eine ganz bewusste, intime Geste. „Ich trete an diesen Altar nicht, weil ich mich selbst dazu bestimmt habe oder die Kirche keinen Besseren gefunden hat, sondern weil ich in diesem Moment wirklich der Liebespartner Jesu bin“ – ein zärtlicher Akt, der in der Liturgie oft übersehen werde.    

Küssen und Liebe werden traditionell auch mit Essen verbunden – eine Symbolik, die sich auch in der Verbindung zwischen dem Kuss und der Eucharistie wiederfindet. Auch im Hohelied Salomons lassen sich einige Vergleiche zwischen Küssen und Essen entdecken. So heißt es: „Wie süß schmeckt seine Frucht meinem Gaumen“ und „Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig“. Pfarrer Schießler sieht ebenfalls eine positive Verbindung zur Nahrungsübergabe: Vögel, die ihre Jungen füttern, oder eine Mutter, die ihr Kind an der Brust stillt. Solche Bilder hätten auch die kirchliche Bedeutung des Kusses geprägt – es gehe darum, Leben weiterzugeben: „Nicht stoffliches, materielles Leben, sondern Leben im Sinne von Liebe, Zuneigung, Schutz und Wärme.“  


Wissenswert

Der 6. Juli ist der internationale Tag des Kusses. Seinen Ursprung soll der „Feiertag“ 1990 in Großbritannien haben. Eine mögliche Erklärung: Der Tag könnte als Zeichen gegen die damalige, streng konservative Premierministerin Margaret Thatcher – auch „Eiserne Lady“ genannt – gedacht gewesen sein.
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Lilly Krka
Artikel von Lilly Krka
Volontärin