Rituale
16.02.2026


Selbstversuch

Fastenzeit mal anders

Statt in der Fastenzeit auf Schokolade zu verzichten, will Ines Schaberger 40 Tage lang ungewöhnliche und kreative Übungen für ihre Spiritualität testen.

Foto: © blackdiamond67/AdobeStock

Alle Jahre wieder stellt die Fastenzeit mich und so viele andere vor eine Herausforderung: Worauf will ich verzichten? Diese Fastenzeit möchte ich etwas Neues ausprobieren:

Ab dem Aschermittwoch will ich nicht weniger, sondern „mehr“ in mein Leben integrieren.

Anstelle auf etwas zu verzichten, werde ich ungewöhnliche Übungen für meine Spiritualität testen. Damit will ich mich dem ursprünglichen Sinn der Fastenzeit nähern, einer Zeit der inneren Einkehr und Vorbereitung auf Ostern. Dabei begleiten soll mich das Buch „40 Dinge, die du ausprobieren musst, bevor du aufhörst, zu glauben“.

„Willkommen auf deiner Abschiedsrunde“ – so lautet der provokante Titel zum ersten Kapitel des Buches. Darin erklären die Herausgebenden Lisa Menzel, evangelische Religionswissenschaftlerin, und Tobias Sauer, katholischer Theologe, ihr Anliegen: Sie wollen verschiedene Methoden und Übungen aus der christlichen Tradition aufgreifen und für das 21. Jahrhundert erfahrbar machen. Ihr Buch soll Menschen dazu einladen, den christlichen Glauben mit seiner reichhaltigen Spiritualitätspraxis als Ressource zu entdecken und ihm noch eine Chance zu geben. „Du kannst nun 40 Tage lang jeden Tag (…) eine Methode ausprobieren, um sie in deinen Alltag zu integrieren oder sie für immer wegzulegen“, schreiben sie

Das Buch ist wie ein Reiseführer aufgebaut. Die 40 Übungen sind nach Orten bzw. Themenblöcken geordnet. Es ist möglich, das Buch Seite für Seite zu lesen – oder aber sich nach Belieben aus den Übungen einen eigenen Reiseplan zu erstellen. Drei dieser Übungen teste ich schon vor der Fastenzeit:


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1. Von 100 herunterzählen

Eine der ersten Aufgaben im Buch lautet, von 100 auf 0 runterzuzählen. Diese Grundlagenübung soll dabei helfen, das Tempo aus dem Alltag zu nehmen und den Autopiloten auszuschalten. Zu zählen wirke schneller und brauche weniger Kraft als meditieren, verspricht der Autor des Kapitels, Tobias Sauer. Während ich also im Zug sitze, schließe ich meine Augen und beginne: „100, 99, 98, 97…“ Da höre ich die Stimme der Zugbegleiterin: „Ticketkontrolle!“ Ich zeige ihr meine Fahrkarte. Wo war ich nochmal? Ach ja: „96, 95, 94…“ Jemand stolpert über mein Bein, das ich aus Platzgründen wohl etwas zu sehr in Richtung Gang ausgestreckt hatte. „Entschuldigung!“ Weiter geht es: „93, 92, 91…“ Als ich bei „80, 79, 78“ ankomme, ertönt scheppernd eine Durchsage aus den Lautsprechern: „Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze … Ausstieg in Fahrtrichtung links!“ Ich seufze. „Welche Zahl kommt nochmals nach 78? Ach ja, 87!“ Nein, doch nicht. Ich beginne darüber nachzudenken, warum es so schwer ist, verkehrt zu zählen, und wann ich mich wohl das letzte Mal so bewusst ohne Grund aufs Zählen konzentriert habe (vermutlich im Kindergarten!). Irgendwann schließlich bin ich bei „0“ angelangt und erleichtert, dass die Übung zu Ende ist.

Fazit: Von 100 auf 0 runterzuzählen hat definitiv meinen Alltag unterbrochen. Doch umgekehrt hat der Alltag im Zug noch vielmehr meine Übung unterbrochen. Als hilfreich empfand ich sie nicht. Zum Glück gibt es noch 39 weitere Methoden zu entdecken.

2. Sich selbst in der Musik hören

Die folgende Übung ist Teil des Themenblocks „Kreativwerkstatt“: Stella Berker beschreibt darin die Kraft der Musik, die Menschen zum Weinen oder zum Tanzen bringen kann und auch im Glauben eine große Rolle spielt. Sie lädt dazu ein, ein Lied nach dem anderen bewusst zu hören und sich zu fragen: Welche Themen behandelt das Lied? Welche Gefühle spricht es in mir an? In welchen Momenten könnte es mir guttun?

Ich öffne also meine Musik-App und starte die Zufallswiedergabe. Angesichts der Vielfalt der Musikstile muss ich immer wieder lachen. Welche Lieder mich schon alle begleitet haben!

 

Musik begleitet mich schon mein ganzes Leben. Musik begleitet mich schon mein ganzes Leben. Foto: © Ines Schaberger

Doch die Übung geht noch weiter: Nun gilt es, ganz bewusst Lieder zu bestimmten Lebensthemen auszuwählen und sich eine „Playlist fürs Leben“ zu erstellen. Denn: Lieder können wichtige Ressourcen sein und dabei helfen, einen Zugang zu persönlichen Werten, Haltungen und Erfahrungen zu schaffen, schreibt Stella Berker.

Ich erstelle also eine Playlist mit je einem Lied:

Über mein Hobby
Über meine Wünsche
Das mich beruhigt
Das meinen Glauben ausdrückt
Das ich mit Freundschaft verbinde
Das ich mit meiner Familie verbinde
Das klingt, als wäre es über mich geschrieben worden

Fazit: Die Playlist zu erstellen, hat mir viel Spaß gemacht. Diese Auswahl mit anderen zu teilen, wie es die Autorin vorschlägt, kann ich mir (noch) nicht vorstellen: zu persönlich sind meine Herzenslieder. Jetzt eine Liste mit ermutigenden Liedern für alle Lebenssituationen bereit zu haben, stimmt mich zuversichtlich.

3. Einen Text kreativ bearbeiten

Eine der letzten Übungen im Buch erinnert an die sogenannten „Blackout-Poems“. Dabei geht es darum, einen fremden Text zu nehmen und alle Wörter zu markieren, die gefallen oder ansprechen. Mit schwarzer Farbe wird anschließend alles andere weggestrichen. So entsteht ein neuer Satz oder auch mehrere.

Wem beispielsweise biblische Texte allzu vertraut (und dadurch vielleicht langweilig) vorkommen, kann sich ihnen so auf eine neue Art und Weise nähern, erklärt der Autor des Kapitels, der Lyriker Marco Michalzik.

Diese Übung führe ich gleichzeitig mit zwei Freundinnen durch. Ich drucke Psalm 139 aus, eines meiner Lieblingsgebete in der Bibel und mir darum so bekannt, dass ich es teils auswendig sprechen kann. Zuerst lesen wir uns den gesamten Psalm Vers für Vers abwechselnd vor. Dann nimmt jede von uns einen leuchtenden Textmarker zur Hand. Bei entspannter Hintergrundmusik beginnen wir, Wörter zu markieren und streichen andere mit schwarzem Plakatstift durch. Schließlich lesen wir uns die neuen Sätze vor und staunen, zu welch unterschiedlichen Ergebnissen wir kamen, je nach unsere Lebenssituation und Erfahrungen.

Foto Blackout Poem mit Psalm 139. Foto Blackout Poem mit Psalm 139. Foto: © Ines Schaberger

Bei mir blieben diese kurzen Sätze:
„Gott, meine Gedanken kennst du. Wunderbar ist: Himmel, Morgenrot. Nacht sei das Licht um mich, leuchten wie der Tag, wie das Licht. Wunderbar meine Lebenskraft. Wie kostbar: Ich bin bei dir.“

Fazit: Mir half die Übung, mich einem Gebet aus der Bibel neu zu nähern und gemeinsam mit Freundinnen zu beten. Ich war überrascht, wie viel ich plötzlich wieder mit dem allzu oft gehörten Psalm anfangen konnte. Aber auch einen mir unbekannten Text würde ich gerne einmal so bearbeiten. Egal ob mit anderen oder alleine: Die Methode „Blackout-Poems“ werde ich sicher noch öfters anwenden!

Buchtipp

„40 Dinge, die du ausprobieren musst, bevor du aufhörst zu glauben“ ist im Ruach.Jetzt Verlag erschienen. Als alternativer Fastenbegleiter ist es ideal für alle, die 40 Tage lang mit kreativen Übungen und Methoden ihre Spiritualität bereichern möchten.

22,00 €
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(Erstveröffentlichung: 04.03.2025)

Ines Schaberger
Artikel von Ines Schaberger
Journalistin und Theologin
Jahrgang 1993, ist Pilgerseelsorgerin in St. Gallen und Gastgeberin des Podcasts „fadegrad“ mit inspirierenden Lebensgeschichten.