Niemand hat das Recht zu gehorchen (Hannah Arendt)
Melanie Wolfers zeigt, warum es im christlichen Leben beides braucht: Freimut und die Fähigkeit zum aufmerksamen Hören. Ein Denkanstoß, der den traditionellen Gehorsamsbegriff auf den Kopf stellt.
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„Was, du bist Ordensfrau? Und hast Gehorsam versprochen? Du wirkst doch wie eine moderne, selbstbewusste Frau!“ – Diese erstaunte Frage wird mir immer mal wieder gestellt, und ich bin froh darüber. Denn sie fordert mich heraus, tiefer zu verstehen, warum es im Leben eines jeden Christenmenschen Freimut und die Bereitschaft zum Hören braucht.
„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“ Seitdem ich diesen markanten Satz von Hannah Arendt zum ersten Mal gelesen habe, ist er mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. „Niemand hat das Recht zu gehorchen“: Dies hat Hannah Arendt geschrieben im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess: Der SS-Mann Adolf Eichmann hatte seine Mitschuld an der Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen von sich gewiesen mit dem Hinweis, er habe nur gehorcht.
In der Tat gab und gibt es das immer: Das Mitlaufen mit gesellschaftlichen, kirchlichen oder politischen Trends. Das gleichgültige oder ängstliche Sich-Anpassen an Autoritäten. Doch niemand hat das Recht, ein falsches Handeln damit zu begründen, „nur“ gehorcht oder dem Mainstream entsprochen zu haben. Zugleich gibt es nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zu gehorchen – nämlich dem Anspruch des Guten. Dieser Anspruch gebietet beispielsweise, dass ich die Würde eines jeden Menschen respektiere und mich aktiv für deren Schutz einsetze.
Tja, und wie ist das nun mit dem Gehorsam gegenüber Gott, der in der Bibel den Gläubigen empfohlen wird, und dem „evangelischen Rat“ des Gehorsams, den Ordensleute versprechen?
Im Anfang ist das Ohr
Das erste Organ, das sich – nach der Haut – beim menschlichen Embryo ausbildet, ist das Gehör. Dem Körper ist das Ohr so wichtig, dass nirgendwo am ganzen Körper so viele Nerven enden wie am Ohr. Lange bevor wir das Licht der Welt erblicken, nehmen wir hörend Kontakt auf: mit dem Herzschlag der Mutter, mit ihrer Stimme, mit den Geräuschen der Welt.
Von Anfang an leben wir von dem, was uns zugesagt wird: Dass wir willkommen sind, erwartet, geliebt. Durch Hören erfahren wir, ob wir dazuge-hören. Wir sind auf Worte lebensnotwendig angewiesen. Mit einem Buchtitel von Karl Rahner gesagt: „Der Mensch ist Hörer des Wortes“. Und das bedeutet auch: Durch zugewandte, wertschätzende Worte und Gesten können wir einander zu Geburtshelferinnen echten Lebens werden.
Die Jüngerinnen und Jünger Jesu machten die umwerfende Erfahrung, dass die Worte Jesu sie in ungeahnter Weise ansprach. Die Leute hingen an seinen Lippen, weil seine Worte sie nährten, aufrüttelten, veränderten. In der Begegnung mit ihm entdeckten sie ihr wahres Selbst. – Und deswegen laden die Evangelien ein, auf die Botschaft und das Leben Jesu zu hören.
Be-herzigen
Andreas Knapp fragt in seinem Gedicht „und das wort ist fleisch geworden“:
Kann man vom Hören Kinder kriegen?
das WORT tritt durch das Ohr
trifft mitten ins Herz
und zeugt dort neue Wirklichkeit
aus Fleisch und Blut
Maria ganz Ohr
und Gott ganz WORT
Synergie von menschlichem
und göttlichem Ja
(entnommen aus: Andreas Knapp, Tiefer als das Meer, Gedichte zum Glauben, Echter Verlag, 6. Auflage 2018, S. 32)
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Für den biblischen Menschen ist das Herz das Zentrum allen geistigen Lebens. Hier haben das menschliche Fühlen, Denken, Wollen und Entscheiden ihren Ursprung. Maria lässt sich in ihrem Herzen von Gott berühren. Sie sinnt darüber nach. Be-herzigt die leise Stimme Gottes. Und so kommt es zu einer „Synergie von menschlichem und göttlichem Ja“. Und dieses Zusammenwirken wird zum Ursprung neuen Lebens.
Wie kann es geschehen, Gottes Wort so zu be-herzigen, dass es das eigene Leben verwandelt? Dass die Gesinnung Jesu Christi mein Selbstverständnis prägt? Die Antwort lautet: hören! Hören auf das Wort Gottes in der Bibel; in der Stimme des Gewissens; in anderen Menschen; in der Schönheit und im Schrei der Schöpfung … Dann kann der „neue Mensch“ in uns geboren – der Mensch, der aus Vertrauen und Liebe lebt und sich die Hoffnungen Gottes für diese Welt zu eigen macht.
Freimut und Gehorsam
Sich Gottes Hoffnungen für diese Welt zu eigen machen: Das kann bedeuten, gegen eigene destruktive Haltungen anzugehen. Gegen den Strom zu schwimmen. Widerstand zu leisten, wo Mitmachen oder Gleichgültigkeit erwartet wird. Daher gibt es im Evangelium neben dem Rat des Gehorsams auch den Rat, freimütig zu sein. Gehorsam und Freimut gehören aus biblischer Sicht zusammen.



