Dreifach-Jubiläum
Kraftakte hinter Klostermauern
In der Oberpfälzer Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen gibt es heuer gleich drei Gründe zu feiern: Vor 100 Jahren wurde das Frauenkloster zur Abtei erhoben, seit 160 Jahren werden dort Mädchen unterrichtet und seit 30 Jahren ist Äbtissin Laetitia Fech im Amt.
In der Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen gibt es heuer drei Jubiläen zu feiern. Foto: © imago/imagebroker
„Als ich zum ersten Mal im Kreuzgang des Klosters Waldsassen stand, habe ich einfach im Herzen gespürt: Das ist der Ort, an dem dich der Herrgott haben will“, erinnert sich Äbtissin Laetitia Fech. Das war Anfang der 1990er Jahre. Die gebürtige Münchnerin, die in Augsburg aufgewachsen ist, war damals Zisterzienserin der Abtei Lichtenthal in Baden-Baden. Gemeinsam mit ihrer Mitschwester Agnes Richter trat die Hauswirtschafts- und Paramentenstickmeisterin in das Kloster Waldsassen im Oberpfälzer Landkreis Tirschenreuth über. Am 26. August 1995 wurde sie von dem damals zwölfköpfigen Konvent mit gerade einmal 38 Jahren zur jüngsten Äbtissin ihres Ordens gewählt. Aus heutiger Sicht kann dieses Datum als vierte Gründung der 1133 errichteten Abtei bezeichnet werden – nach der Wiederbesiedlung durch Zisterzienser aus Kloster Fürstenfeld nach der Reformationszeit 1661 und durch Zisterzienserinnen aus der Abtei Seligenthal in Landshut nach der Säkularisation 1864.
Sie habe ihr Amt „im Vertrauen auf Gottes Hilfe“ angenommen. „Das weiß ich noch wie heute“, sagt Äbtissin Laetitia rückblickend. Entsprechend lautet ihr Wahlspruch: „Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft“ (Jes 40,31). Aus diesem Gottvertrauen heraus gestaltet sie jeden Tag: „Das ist für mich nicht bloß ein schöner Satz, sondern gelebte Erfahrung“, bekennt die Äbtissin. „Gerade dann, wenn es eng wird oder Dinge unklar sind, gibt mir diese Schriftstelle Halt und Ausrichtung.“
Erste Generalsanierung seit der Barockzeit
Vor Herausforderungen stand die Klosterleiterin in den vergangenen drei Jahrzehnten häufig, nahm sie doch die erste Generalsanierung der Abtei Waldsassen seit der Barockzeit in Angriff. Diese erstreckte sich über vier Bauabschnitte mit einem Volumen von jeweils rund 8,5 Millionen Euro. Für 90 Prozent der Kosten gelang es, insgesamt zehn Zuschussgeber zu gewinnen. Die restlichen zehn Prozent musste die Schwesterngemeinschaft aus Eigenmitteln bestreiten. Anders als heute verfügte sie während der ersten Maßnahmen über so gut wie keine Einnahmen und führte daher eine Reihe von Benefizaktionen durch.
Die Abtei Waldsassen mit Basilika, Bibliothek, Gästehaus, Mädchenrealschule und Umweltstation. Foto: © Abtei Waldsassen
Als Türöffner erwies sich Monika Hohlmeier: Äbtissin Laetitia besuchte die damalige Staatssekretärin wenige Monate nach deren Amtsantritt im Kultusministerium in München. Schließlich gehört zum Kloster Waldsassen auch eine Schule. „Monika Hohlmeier ist sicher für mich vor allem zu Beginn meiner Amtszeit der Schlüssel gewesen“, betont die Äbtissin. „Das ist dann auch wieder ein Geschenk Gottes, dass man diese Leute im richtigen Augenblick treffen darf.“ Im März 1996 übernahm Hohlmeier den Vorsitz des Freundesvereins der Abtei. „Da ist eine Herzensfreundschaft zwischen ihr und mir und unserem Kloster entstanden“, charakterisiert Äbtissin Laetitia die Beziehung zwischen der CSU-Politikerin und der Abtei Waldsassen.
Italienischer Freundeskreis
Bei einer Geburtstagsfeier der heutigen Europaparlamentarierin kam die Äbtissin mit Vittorino Beifiori aus Verona ins Gespräch, der daraufhin in der italienischen Stadt einen eigenen Freundeskreis des Klosters Waldsassen gründete. Dieser stiftete der Abtei einen Brunnen aus Veroneser Marmor, in dessen Boden Wappen und Wahlspruch von Äbtissin Laetitia eingearbeitet sind. Der Brunnen steht vor dem Gästehaus St. Joseph. Dieses sorgte für die wirtschaftliche Konsolidierung des Klosters und wurde mit dem Bayerischen Tourismus-Architekturpreis ausgezeichnet – für die moderne Bauweise im ältesten Gebäude der Abtei. „Unser Gästehaus ist inzwischen ein großer Magnetpunkt im Ort Waldsassen und im Landkreis Tirschenreuth“, freut sich Äbtissin Laetitia. Firmen veranstalten dort Tagungen, ehemalige Schülerinnen der klostereigenen Mädchenrealschule Hochzeits- und Tauffeiern.
Die Realschule ist ein weiteres wichtiges Standbein der Abtei. Die Mädchenbildung war Voraussetzung dafür, dass Seligenthaler Zisterzienserinnen Kloster Waldsassen im 19. Jahrhundert neu besiedeln durften. Heute besuchen knapp 300 Mädchen die sechsstufige Realschule. Im Zuge der Generalsanierung erhielt sie eine neue Turnhalle. Heuer sind die Achtklässlerinnen deutsche Meisterinnen im Rock 'n' Roll geworden. „Da sind wir schon stolz auf unsere Mädchen“, verrät Schwester Laetitia und führt aus, die Schule sei ganzheitlich ausgerichtet, sie forme Leib, Geist und Seele. Die religiöse Erziehung habe einen großen Stellenwert – im Sinne eines Angebots, das das Leben bereichern könne. Die katholischen, evangelischen, muslimischen und konfessionslosen Schülerinnen lernten, einander in ihrer Verschiedenheit zu akzeptieren. In den Tschechischstunden üben sie sich zudem im Verstehen über Staatsgrenzen hinweg – liegt Waldsassen doch nur fünf Kilometer vom einstigen Eisernen Vorhang entfernt.
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Limonade und Kräuteraufstriche
Ein besonderes Anliegen ist Äbtissin Laetitia die Umweltbildung. Über den Schulunterricht hinaus können Kinder die Umweltstation des Klosters besuchen. „Dann kochen sie Limonade und Suppen und machen Kräuteraufstriche, also ganz einfache Dinge, bei denen sie spielerisch lernen, dass diese im Garten wachsen“, erläutert die Äbtissin ihr „Herzensprojekt“, wie sie es nennt. Sie hofft, dass so Samenkörner in die Heranwachsenden gelegt werden, die später in deren Kindern aufgehen. Das Kultur- und Begegnungszentrum, zu dem die Umweltstation gehört, bietet jährlich etwa 120 Veranstaltungen für Erwachsene. Mehrere Hundert Frauen und Männer wurden bereits zu Kräuterführerinnen und -führern ausgebildet.
Für Menschen mit Einschränkungen wurde das denkmalgeschützte ehemalige Ökonomiegebäude des Klosters barrierefrei umgebaut. Die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg bietet dort nun 14 Wohnplätze im historischen Ambiente. Als Nächstes soll die Stiftsbibliothek saniert werden, die von 1689 bis 1726 mit Deckengemälden, Stuckreliefs und lebensgroßen Schnitzfiguren im Übergangsstil vom Hochbarock zum Rokoko ausgeschmückt wurde und jährlich Zehntausende Besucher anzieht. „Wir hoffen, im Herbst jetzt beginnen zu können“, sagt Äbtissin Laetitia. „Wir warten noch auf die Gelder des Bundes.“
Die Zisterzienserinnen von Waldsassen mit Äbtissin Laetitia Fech (Zweite von links). Foto: © Sünderhauf



