Interview
Beim Fotografieren Gott begegnen
Fotografieren lenkt den Blick auf den gegenwärtigen Moment und schärft die Wahrnehmung. Jonas Weinzierl erklärt, warum darin eine spirituelle Übung liegen kann, weshalb es nicht um perfekte Bilder geht – und wie Fotos zum Gespräch mit Gott führen können.
Fotografieren führt in die Gegenwart und damit in eine Möglichkeit hinein, Gott zu erfahren. Foto: © AdobeStock/Oleksii Synelnykov
Fotos entstehen heute meist schnell und beiläufig mit dem Smartphone. Eignet sich Fotografieren trotzdem als spirituelle Übung?
Ich kann immer nur jetzt gerade in diesem Augenblick ein Foto machen und immer nur an dem Ort, an dem ich bin. Damit führt mich Fotografieren automatisch in die Gegenwart und damit in eine Möglichkeit hinein, Gott zu erfahren. Ich kann Gott nicht in der Vergangenheit begegnen, ich kann ihm nicht in der Zukunft begegnen, sondern immer nur im gegenwärtigen Moment. Zudem öffnet und schärft das Fotografieren meine Wahrnehmung, denn auch die Sinne sind, denke ich, eine Zugangspforte zur Gotteserfahrung, mitten in der Welt, mitten in meinem Alltag.
Muss ich beim Fotografieren auf etwas Bestimmtes achten, damit ich dabei spirituelle Erfahrungen machen kann?
Das Einzige, was ich beachten muss, ist, nicht zu fotografieren, um mich darzustellen, zum Beispiel weil ich auf Instagram wieder neue Follower brauche, sondern mich auf ein Beziehungsgeschehen einzulassen mit dem, was ich fotografiere – sei es ein Mensch, ein Tier, eine Pflanze oder ein Bauwerk.
Brauche ich dafür fotografisches Vorwissen?
Nein. Es geht nicht so sehr um ästhetische Bilder, sondern um den Prozess des Fotografierens, den Prozess, mich im Anschauen vielleicht auch ein Stück verändern oder bewegen zu lassen.
Muss ich dafür schon eine Gottesbeziehung haben? Oder eignet sich das Fotografieren auch als spirituelle Übung für Menschen, die gerade zweifeln oder auf der Suche sind?
Ich denke, ich muss da wenige Voraussetzungen mitbringen, außer vielleicht eine gewisse Neugier, eine gewisse Offenheit, mich auch überraschen zu lassen, dass mir da etwas begegnen könnte.
[inne]halten - das Magazin 21/2026
Gemeinsam durchs Leben
Warum die christliche Ehe nicht irgendeine Institution, sondern ein mystisches Bündnis der Liebe ist
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Welche Rolle spielt dabei die Zeit? Brauche ich dafür länger Zeit oder geht das auch bei einem Schnappschuss?
Ich glaube, es kommt schon auch drauf an, ein Stück in eine Verlangsamung zu kommen, um wirklich wahrnehmen zu können. Wenn ich zu schnell an den Sachen vorüberhetze, dann fällt mir vielleicht der erste Krokus, der im Frühling aus einem Steinhaufen herauswächst, gar nicht auf. Damit mir etwas auffällt, muss ich ja erst mal die Möglichkeit haben, dass es mir auffallen fallen kann. Wenn ich mir fünf Tage Zeit nehmen kann, ist es natürlich super. Wenn ich mir mal zwei Stunden Zeit nehmen kann, ist es auch gut. Theoretisch kann mir das aber auch bei einem Schnappschuss gelingen, vielleicht nicht so sehr in dem Moment, in dem ich abdrücke, sondern wenn ich mir nochmal Zeit nehme, mich hinzusetzen und die Fotos anzuschauen.
Ist das anschließende Betrachten der Bilder also wichtiger als das Fotografieren selbst?
Beides hat seine Wichtigkeit und seine Berechtigung. Beim Anschauen fände ich es nochmal wichtig, sich da wirklich Zeit zu nehmen und auch von der Perspektive her nicht nur zu schauen: Was ist ein gelungenes Bild im Sinne von „Das ist fotografisch toll geworden!“ oder „Das ist schön geworden!“, sondern mit der Perspektive hinzuschauen: „Was löst dieses Bild jetzt, wenn ich es anschaue, in mir aus?“ Ich kann mich zum Beispiel am Abend hinsetzen und die Fotos des Tages nochmal anschauen, ganz ähnlich wie ich das auch bei einem ignatianischen Tagesrückblick machen würde, also quasi meinen Tag über das Medium Fotos noch einmal anschauen. Gibt es da vielleicht ein Bild, das gerade nochmal in besonderer Weise zu mir spricht? Darüber kann ich dann auch mit Gott ins Gespräch kommen.
Wenn ich bei Bildern spirituell nichts finde, was mache ich dann?
Das kann bei jeder spirituellen Übung passieren. Es gibt keine Garantie einer Gotteserfahrung. Ich kann mich immer nur innerlich bereiten und mich öffnen und meine Übungen tun. Alles andere liegt nicht in meiner Hand. Aber ich kann darauf vertrauen, dass Gott da ist, auch wenn ich ihn nicht spüre. Ich möchte jeden Menschen einladen, für sich selber auf die Spur zu kommen: Was sind denn Dinge, die mir Freude bereiten und mir eine Hilfestellung sein könnten, meine Gottesbeziehung zu vertiefen oder aufzufrischen oder überhaupt einmal auf die Suche nach Gott zu gehen? Wenn Fotografieren für mich ein guter Zugang ist, ist es wunderbar. Für andere ist es vielleicht Malen, für andere Schreiben und für wieder andere Wandern. Es darf also durchaus etwas sein, was mir auch Spaß macht.
Jonas Weinzierl leitet den Fachbereich Exerzitien und religiöse Begleitung Ehrenamtlicher im Erzbistum München und Freising. Foto: © Weinzierl
Anleitung zum ignatianischen Tagesrückblick
• Still werden. Den Atem spüren.• Mich in Gottes Gegenwart stellen.
• Gott um einen ehrlichen Blick bitten.
• Auf den Tag schauen.
• Verweilen, wo ich angesprochen bin.
• Dank für alles, was gut war.
• Bitte um Verzeihung für alles Ungute.
• Meine Pläne für morgen Gott anvertrauen.
• Vaterunser beten.



