Fastenzeit
Seelenklima sichtbar machen: Fastenzeit mit Klimastreifen gestalten
Inspiriert von den Klimastreifen des britischen Klimawissenschaftlers Ed Hawkins dokumentiert der Pastoralreferent Raoul Rossmy seine Stimmung farblich – 40 Tage lang bis Ostern. So wird sichtbar, wie sich die eigenen Gefühle entwickeln.
In der Fastenzeit die eigenen Gefühle farblich dokumentieren. Foto: © Raoul R. M. Rossmy 2025
Eine Visualisierung aus der Klimaforschung wird mich dieses Jahr durch die Fastenzeit begleiten. Die Klimastreifen des britischen Klimawissenschaftlers Ed Hawkings haben schon vor längerer Zeit mein Interesse geweckt. Nebeneinander mit senkrechter Ausrichtung befinden sich Farbstreifen mit verschiedenen Blau- und Rottönen. Auf einen Blick erkennt man in den Farbstreifen eine Tendenz. Während die linke Seite mehrheitlich von satten Blautönen bestimmt ist, herrschen auf der rechten Seite Rottöne vor. Ganz rechts sind es nur noch kräftige und dunkle Rottöne. Die Farben machen es deutlich: Etwas verändert sich.
Um die Grafik entschlüsseln zu können, braucht es weitere Informationen: Ein Streifen steht für je ein Jahr und die Farben zeigen die Abweichung von der jährlichen Durchschnittstemperatur an. Je (dunkel)blauer umso tiefer lag die Temperatur des jeweiligen Jahres unterm Durchschnitt. Je röter der Streifen ist, umso heißer das Jahr. Auf einen Blick erkenne ich nun, dass sich die „heißeren“ Jahre in den letzten Jahrzehnten häufen und die dunkelsten Rottöne erst in den letzten Jahren zu finden sind.
Von der Klimaforschung zur Fastenzeit:
Warum Visualisierung hilft
Doch wie helfen mir die Klimastreifen in der Fastenzeit? Als Klimastreifen wenig, aber die Art der Visualisierung macht auf einen Blick Entwicklungen und Dynamiken deutlich, die dem ungeübten Auge im reinen Blick auf Zahlen und Tabellen entgehen. Etwas Verborgenes wird mit jedem Streifen sichtbarer.
Mit dem Beginn der Fastenzeit tauchen wir als Katholiken in eine bewusst erlebte Zeit ein, die im Höhepunkt des Osterfestes mündet. Fasten, Verzicht, bewusste Gebetszeiten, Exerzitien im Alltag – auf viele Weisen können diese 40 Tage vor Ostern gestaltet werden, um diese Zeit bewusst zu erleben. Wir alle wissen, dass diese „Fastenzeit-Vorsätze“ mal leichter von der Hand gehen und mal im Alltagsstress auf der Strecke bleiben. Der so entstehende Leistungsdruck führt bei mir meistens zu einem guten Start und eher einem schwachen Abschluss. Eher frustrierend als vorbereitend…
Den Überblick über das innere Chaos gewinnen
Der Sinn der Fastenzeit, die innere Vorbereitung auf das Osterfest, gerät aus dem Blick. Ich versuche doch in mir aufzuräumen und Ordnung zu machen, um für Gott Platz zu machen. Dazu gehört es, einen Überblick zu bekommen über das innere Chaos. Genau auf diesen Überblick, möchte ich mich diese Fastenzeit konzentrieren. Dabei sollen mir die Klimastreifen helfen.
Dieses Jahr liegt auf meinem Schreibtisch ein Zettel mit 48 Spalten (40 Tage der Fastenzeit + Palmsonntag bis Ostersonntag) und fünf Buntstifte. Meinen Arbeitstag beginne ich nun damit, kurz auf den letzten Tag zurückzuschauen. Ich stelle mir eine einfache Frage: Wie ging es mir gestern/an diesem Tag? Sehr gut, gut, neutral, schlecht, sehr schlecht?
Ich versuche meinen ersten Eindruck nicht zu zerdenken oder zu bewerten. Mein Gefühl darf sein, wie es ist. Dann wähle ich die Farbe, die für den jeweiligen Gemütszustand steht und male den Streifen aus. In meinem Fall zwei Lilatöne für die schlechten Tage, ein neutraler Braunton und zwei Gelbtöne für die guten und sehr guten Tage. Mehr ist vorerst nicht zu tun.
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Muster erkennen und reflektieren
Der einzelne Streifen wird nicht viel sagen. Es gibt immer gute und schlechte Tage. Aber nach ein paar ausgemalten Wochen werden sich Muster abzeichnen. Vielleicht Wiederholungen, Wellenbewegungen oder auch ein scheinbar zusammenhangsloses Farbenmeer.
Ich bin auf den Rückblick am Ende der Fastenzeit gespannt, wenn alle Streifen ausgemalt sind. Dann werde ich in der einen Hand meinen Kalender und in der anderen die Stimmungsstreifen mein inneres „Seelenklima“ reflektieren und überlegen:
Was hat meine Tage leuchten lassen? Was hat sie verdunkelt? Stress in der Arbeit? Der Kontakt mit bestimmten Personen? Hat das Osterfest meine Stimmung aufgehellt? Bin ich innerlich bereit für das Wunder der Auferstehung?
Raum schaffen für sich selbst und für Gott
Was auch immer ich entdecken werde, wird mir mehr über mich verraten als mein teils unmotiviertes Fasten der letzten Jahre. Zumindest erhoffe ich mir durch das Verständnis meines Seelenklimas Raum zu schaffen. Raum für das, was mein Leben mit sich bringt und für das, was Gott mit mir und meinem Leben vorhat.



