Krisen und Chancen
06.03.2026

Wundheilung in Zentimetern

Anja Kronberger versorgt in der Arztpraxis Sankt Bonifaz in München akute Verletzungen und chronische Hautdefekte. Die Arbeit der Fachtherapeutin für Wundbehandlung braucht viel Geduld. Denn Heilung gelingt hier oft nur in kleinen Schritten. Wir haben Anja Kronberger einen Vormittag lang in der Wundambulanz begleitet.
    

Anja Kronberger bei den Vorbereitungen für die Behandlung der Patienten in der Wundambulanz Sankt Bonifaz. Anja Kronberger bei den Vorbereitungen für die Behandlung der Patienten in der Wundambulanz Sankt Bonifaz. Foto: © Hasel/SMB

Es ist Freitagvormittag in der Wundambulanz der Obdachlosenhilfe Sankt Bonifaz in der Münchner Maxvorstadt. Am Tor der Abtei hat sich bereits eine Patienten-Schlange gebildet, die auf Einlass wartet. 

Start in der Wundambulanz Sankt Bonifaz

Drinnen beginnt der Tag mit Handgriffen: Schränke auf, Material ordnen, Verbände bereitlegen. Anja Kronberger geht die Routine durch, als würde sie eine Checkliste abarbeiten – und genauso ist es auch. „Damit wir um halb neun startklar sind“, sagt sie, während der Computer hochfährt und die Desinfektionswanne vorbereitet wird. Instrumente, die am Vortag eingelegt wurden, werden fertig aufbereitet. Draußen warten Menschen, drinnen muss alles sitzen.


    

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Fachtherapeutin Wunde: Anja Kronberger

Kronberger arbeitet hier im vierten Jahr als „Fachtherapeutin Wunde“, zusammen mit Oliver Gunia in der Ambulanz der Arztpraxis. Früher war sie fast 14 Jahre Intensivkrankenschwester in München-Bogenhausen. Ekel vor offenen Verletzungen habe sie keinen, sagt sie, als es um das Thema Wundbilder geht. Der Ton bleibt ruhig, sachlich – wie der Raum selbst. Nichts wirkt hastig, auch wenn der Vormittag eng getaktet ist.


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Chronische Wunden bei Wohnungslosen

Gegen zehn Uhr zählt Kronberger schon einmal kurz zusammen: Vier Versorgungen hat sie da schon hinter sich, „mit Sicherheit“ kommen noch fünf oder sechs dazu. „Eher Männer“, sagt sie. Die Wunden, die sie hier sieht, sind akut oder chronisch – und häufig weiter fortgeschritten, als man es aus der Regelversorgung kennt.

Schnittverletzungen und Infektionen im Alltag

Akut sind Schnittverletzungen, etwa beim Flaschensammeln: Hände, die in Abfalleimer greifen, in Glasscherben, in scharfe Kanten. „Und die Wunden infizieren sich dann“, sagt Kronberger. Es gibt auch Verletzungen nach Raufereien. Chronisch sind Ulzera (Gewebedefekte der Haut), wie sie auch „draußen“ vorkommen: venöse oder arterielle Probleme, überwiegend an den Beinen. Doch hier kommen noch Faktoren dazu, die man in Arztpraxen selten so konzentriert sieht: Wohnungslose Menschen legen täglich lange Wege zurück, schonen ihre Beine nicht und kommen zu selten zur Kontrolle.

Kälte, Sitzen, falsche Schuhe: Risikofaktoren

Kronberger beschreibt den Alltag vieler ihrer Patienten in Sätzen, die wie Randnotizen klingen und doch viel erklären: „Die laufen bis zu 20 Kilometer am Tag.“ Und nachts liegen viele nicht – sie sitzen. Das knickt in der Leiste Gefäße ab. Der venöse Rückfluss ist schlechter, als wenn man liegt. Dazu kommt die Kälte: Sie verlangsamt die Wundheilung, feuchte Kälte im Herbst und Winter begünstigt Erfrierungen.

Auch die banalsten Dinge entscheiden mit: wie zum Beispiel das Schuhwerk. Die Ambulanz versucht, passende Schuhe zu organisieren – aus der Kleiderkammer oder über Spenden von Sanitätshäusern. „Aber das klappt nicht immer“, sagt Kronberger. Manchmal sind die Schuhe zu klein oder zu groß. Druckstellen entstehen, Entzündungen halten sich, Wege werden zur Belastung. „Die laufen wirklich lang damit rum – bis es nicht mehr geht“, sagt Kronberger.

Wenn kleine Wunden gefährlich werden

Aus einem Schnitt an der Glasflasche wird ein Eiterherd, aus einer Druckstelle eine tiefe Wunde. Alkohol kann Schmerzen überdecken. Erst wenn die Entzündung deutlich sichtbar wird, suchen manche Hilfe.

Sprache, Vertrauen, regelmäßige Wundtherapie

Am Eingang zur Wundambulanz stehen auch Menschen aus Osteuropa. Die Verständigung mit ihnen läuft über Englisch, Gesten, Handy-Übersetzung – manchmal hilft ein Dolmetscher im Haus. Kronberger sagt: „Man kann sich gut verständigen.“ Entscheidend ist weniger die perfekte Sprache als ein wiederkehrender Ablauf: begrüßen, erklären, versorgen, erneut einbestellen.

Kompressionstherapie: Kontrolle ist entscheidend

Denn Wundtherapie bedeutet selten: einmal verbinden und fertig. Viele müssen regelmäßig kommen, besonders bei Kompressionstherapie. Kompressionsstrümpfe oder Wickelungen müssen kontrolliert werden, damit nichts verrutscht und keine neuen Hautschäden entstehen. „Und da sind die unglaublich kooperativ“, sagt Kronberger. Sie wirkt selbst ein wenig überrascht, als sie sich daran erinnert, wie ein Patient einmal gesagt habe, die Ambulanz sei „wie eine Familie“: freundlich, ohne sichtbaren Stress.

Extremfall: Amputation nach Straßenwunden

Im Behandlungsraum nebenan versorgt Oliver Gunia den Fuß eines Mannes, dem bereits Zehen amputiert wurden. Er spricht von einer „typischen Folge einer Straßenwunde“: Bei Temperaturen um minus zehn Grad drohen Erfrierungen, besonders an den Extremitäten. Wenn sich das infiziert, kann es zur Blutvergiftung kommen – und dann steht mehr als nur ein Zeh auf dem Spiel.

Kaltplasma in der Wundbehandlung

Gunia setzt in diesem Fall bei der Wundbehandlung auf das 2022 angeschaffte Plasmagerät. Das Kaltplasma, das um den wunden Fuß des Patienten strömt, vernichtet Keime, verbessert die Sauerstoffversorgung in der Haut, regt das Zellwachstum an und fördert die Wundheilung.


Foto: © Hasel/SMB

Patient Andreas: Versorgung im Rollstuhl

Bei Anja Kronberger hat inzwischen der nächste Patient auf der Liege Platz genommen. Er heißt Andreas, ist 37 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Seit Dezember kommt er ein- bis zweimal pro Woche. Sein linkes Bein ist nach einem Unfall amputiert. Der Stumpf war wiederholt entzündet, außerdem hat er eine wunde Stelle am Gesäß vom Rollstuhl-Sitzen. Beides hat Anja Kronberger in den Griff bekommen.

Aufklärung gehört zur Versorgung dazu: nicht nur sitzen, sondern sich im Rollstuhl bewegen, Druck verändern, damit sich die wunde Stelle schließen kann, rät sie Andreas. Fürs Wochenende bekommt der Patient Material mit, um sich selbst zu versorgen. Andreas wird auf jeden Fall wieder kommen müssen, da macht er sich nichts vor: „Das sind so Geschichten, die können schon mal bis zu einem halben Jahr dauern.“ Andreas weiß, was er an der Wundambulanz hat: „Super. Top Team“, lautet sein knappes Lob, das aber von Herzen kommt.


Foto: © Hasel/SMB

Heilung in kleinen Schritten

Mittlerweile ist es später Vormittag, draußen stehen immer noch Menschen am Tor an. Drinnen arbeitet Anja Kronberger routiniert weiter: Wunden reinigen, verbinden, erklären, ein gutes Wort, dokumentieren. Nichts daran ist wirklich spektakulär – aber gerade das ist die Botschaft dieses Vormittags: die kontinuierliche, verlässliche Behandlung. Denn Wundheilung kommt nicht plötzlich, sondern nur in Zentimetern.


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Paul Hasel
Artikel von Paul Hasel
Redakteur, Channel-Management