Krisen und Chancen
24.04.2025

Kreativität statt Ausgrenzung: Wie ein Kunstprojekt obdachlosen Menschen neue Perspektiven schenkt

Ein Hamburger Kunstworkshop gibt wohnungs- und obdachlosen Menschen Raum für Ausdruck, Begegnung und Selbstwert – mit Pinsel, Papier und viel Empathie. Wie Kunst im "Harburg-Huus" nicht nur Bilder, sondern auch Würde entstehen lässt.
    

Ein Mann zeichnet einen Hund bei einem Kunstworkshop für obdachlose Menschen Ein Mann zeichnet einen Hund bei einem Kunstworkshop für obdachlose Menschen Foto: © kna

Buntstifte, Pinsel und Farben liegen auf den Tischen, in der Ecke stehen einige große Rucksäcke, ein Hund wuselt zwischen den Stühlen umher. Sven hat das Foto eines anderen Hundes und ein leeres Blatt Papier vor sich liegen. Mit einem Bleistift beginnt er Strich für Strich die Konturen des Vierbeiners nachzuzeichnen. „Der gehört einem Freund", erklärt der hochgewachsene 58-Jährige. „Den wollte ich immer schon mal zeichnen."

Sven ist einer von mehreren Besuchern eines Kreativworkshops für Obdachlose und Bedürftige. Die Künstlerin und Kunsttherapeutin Freya Burmeister bietet ihn einmal wöchentlich für die Gäste des "Harburg-Huus" an, einer Tages- und Übernachtungsstätte für Obdachlose im Hamburger Süden vom Deutschen Roten Kreuz. Jeden Dienstag können die Gäste unter Anleitung Burmeisters für mehrere Stunden malen und zeichnen. Dafür stehen Farben, Pinsel, Papier und weitere Materialien zur Verfügung. Die Künstlerin bringt zudem Brote, Obst und etwas Süßes mit. „Weil ich nie weiß, ob die Menschen gegessen haben", erklärt sie.

Ein Raum für Ausdruck und Begegnung

„Ich möchte wohnungs- und obdachlose Menschen, die Kunst schaffen, sichtbar machen und ihnen Raum geben", so Burmeister. „Die Workshops bieten ihnen die Möglichkeit, ihre eigene Kreativität zu entdecken." Das Malen könne ihnen zudem helfen, in Kontakt mit sich selbst und mit anderen zu kommen. Außerdem könnten sie ihren oft sehr schwierigen Lebensumständen für einige Zeit entfliehen. Jeder darf zu Papier bringen, was er möchte; die Leiterin macht keine Vorgaben.

Kunsttherapeutin Freya Burmeister, Leiterin eines Kreativworkshops für Obdachlose und Bedürftige in Hamburg Kunsttherapeutin Freya Burmeister, Leiterin eines Kreativworkshops für Obdachlose und Bedürftige in Hamburg Foto: © kna
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Sven ist einer der regelmäßigen Teilnehmer. Der gelernte Maler lebt in einer WG und hat nur ein kleines Zimmer. „Hier habe ich Platz, hier kann ich mich entfalten", sagt er. Er zeichne schon seit vielen Jahren. Sven präsentiert eine ganze Mappe mit seinen Werken, darunter sowohl Landschaften als auch Porträts. Neben ihm sitzt ein Mann, der ein Fahndungsporträt seines Kumpels gezeichnet hat - mit dem Schriftzug "Most Wanted". Ein Ex-Kraftfahrer hat seinen früheren Lkw gemalt.

Kunst schafft Sichtbarkeit und Selbstwert

Das spendenfinanzierte Angebot besteht seit 2023 und ist offen für alle. Manchmal kämen nur ein oder zwei Gäste, manchmal zehn oder mehr, sagt Burmeister. „Ich weiß nie, was mich erwartet. Das ist das Herausfordernde und Schöne zugleich." Wichtig sei ihr, allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern achtsam und aufmerksam zu begegnen. „Mitunter entstehen so beeindruckende und tiefgründige Arbeiten." Ebenso wichtig wie die Kunst seien die Gespräche. „Menschen, die oft nicht wahrgenommen werden, werden hier gehört und gesehen. Das gibt vielen Teilnehmern unglaublich viel."

Kunstprojekte von und mit obdachlosen Menschen gibt es bundesweit nur vereinzelt. „Generell unterscheidet sich die Funktion von Kunst bei wohnungslosen und wohnenden Menschen nicht", erklärt der Politik- und Sozialwissenschaftler Dierk Borstel, der zur Lebenssituation wohnungsloser Menschen forscht. „Kunst und Kultur können die Sichtbarkeit der eigenen Ideen, Werte und Träume erhöhen", so der Professor von der Fachhochschule Dortmund.


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In seinen bisherigen Forschungen ist laut Borstel ein Thema besonders auffällig: „Viele wohnungslose Menschen wünschen sich vor allem Respekt und Normalität im Umgang mit ihnen." Sie wollten nicht objektiviert, sondern als Subjekt akzeptiert werden. „Kunst kann dazu sicherlich beitragen - mit einer Einschränkung: Die Lebenswirklichkeit vieler wohnungsloser Menschen ist so hart, ständig gefährdet und der Kampf um den nächsten Tag so drängend, dass oft Zeit und Muße für künstlerische Aktivitäten fehlen."

Gemalte Bilder bei einem Kunstworkshop für obdachlose Menschen Gemalte Bilder bei einem Kunstworkshop für obdachlose Menschen Foto: © kna

Vom Pinselstrich zur Ausstellung

Genau diese Zeit und Muße will das Hamburger Projekt bieten. Laut der Leiterin des "Harburg-Huus", Julia Malert, wird es sehr gut angenommen. „Der Dienstag ist immer der vollste Tag in unserer Einrichtung", sagt sie. „Es bringt den Menschen ganz viel, dass sie wertgeschätzt und wahrgenommen werden."

Nun wurden die entstandenen Werke zum zweiten Mal öffentlich ausgestellt und auch zum Verkauf angeboten. Der Erlös kommt zur Hälfte dem jeweiligen Künstler und zur anderen Hälfte dem Projekt zugute. Auch einige Zeichnungen von Sven waren Teil der Schau. „Das ist schon ein tolles Gefühl, die eigenen Werke in einer Ausstellung zu sehen", sagt er stolz.


KNA
Artikel von KNA
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