Krisen und Chancen
19.12.2024

Keine „Frohe Weihnachten“: Wenn die Trauer einen an Weihnachten einholt

Weihnachten ist für viele Trauernde eine „Zerreißprobe“. Die Erwartung, fröhlich sein zu müssen, steht im Widerspruch mit dem eigenen Empfinden. Was können Trauernde tun, um die Tage für sich zu gestalten? Und wie können Mitmenschen sie dabei unterstützen? Trauerbegleiterin Veronika Güldner-Zierer teilt ihre Erfahrungen aus der Trauerbegleitung.

Foto: © Ulivers_stock_adobe.com (KI-generiert)

In der Werbung sind glückliche Menschen an großen Tischen beim Weihnachtsessen zu sehen. Auf Christkindlmärkten stehen Gruppen in glühweinseliger Atmosphäre zusammen. Und eine Weihnachtsfeier folgt der anderen. Überall scheint es Harmonie in Überfluss zu geben. Für Menschen, die trauern, kann gerade die Zeit um Weihnachten sehr schmerzlich sein. Trauernde Menschen fühlen sich aus der Normalität herausgerissen und nicht mehr dazugehörig, so beschreibt es Veronika Güldner-Zierer, Sozialpädagogin bei der Ehe-Familien- und Lebensberatung im Erzbistum München und Freising. Durch den Weihnachtstrubel könne dieses Gefühl noch einmal verstärkt werden:

„Da ist einfach eine große Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung, fröhlich zu sein und dem inneren Erleben.“

Für viele sei das eine „Zerreißprobe“. In vielen Familien ist Weihnachten mit einem festen Ablauf mit Ritualen und Traditionen verknüpft, die können auch an eine Person gebunden sein: Zum Beispiel, das Vater und Sohn den Weihnachtsbaum aussuchen, die jüngste Tochter die Spitze befestigt oder die Mutter schon morgens früh aussteht, um sich um das Weihnachtsessen zu kümmern. Durch den Tod eines geliebten Menschen wird an solchen Tagen nochmal deutlicher sichtbar, wo jemand fehlt.


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Gedenken an Verstorbene an Weihnachten

Nach dem ersten Schock über den Tod des geliebten Menschen würden viele die Erfahrung machen „dass die Liebe auch über den Tod hinaus bleibt“, sagt die Sozialpädagogin. Da habe sich in den letzten Jahren der Trauerbegleitung viel getan. Früher hieß es, man müsse die Beziehung loslassen. Heute ist auch anerkannt, dass Trauernde in einer inneren Beziehung bleiben können, die auch lebendig gestaltet werden kann. Dazu gehört auch hinzuschauen, was kann ich an Weihnachtsritualen fortführen, was passt noch, und wo möchte ich etwas Neues tun.

Güldner-Zierer ist auch ausgebildete Trauerbegleiterin. Aus ihrer Beratungserfahrung weiß sie, dass Trauernde nach einem Verlust oft auf die Idee „Wir machen jetzt alles anders“ kommen. Sie fahren dann zum Beispiel in den Süden, um einfach ein Zeichen zu setzen: „Die Realität ist anders geworden, und wir können nicht weitermachen wie vor dem Tod des geliebten Menschen“. Ob der Trauernde wegfährt, oder ob es für ihn tröstlich ist, Traditionen soweit es geht, beizubehalten, das sei sehr individuell, so Güldner-Zierer. Eines wäre aber verbindend: Die Trauer könne einen an Weihnachten einholen, egal wo man dann auch gerade ist.

Der Sehnsucht Ausdruck verleihen

Während der Feiertage täte es vielen gut, aktiv der Sehnsucht nach dem Verstorbenen Ausdruck zu verleihen. Das könnte zum Beispiel dadurch passieren, dass ein Bild des Verstorbenen aufgestellt wird, ein Spaziergang zu Orten gemacht wird, wo die Verbindung zum Verstorbenen zu spüren ist, eine Kerze am Familientisch aufgestellt oder ein Fotoanhänger am Weihnachtsbaum aufgehängt wird. Die Familie des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer hat aus dem Christbaum – so wird berichtet – einen schönen Zweig herausgeschnitten und ihn dann auf das Grab des Verstorbenen gelegt. Die Liebe für den Verstorbenen könnte so durch die Lücke im Baum „greifbarer, sichtbarer“ werden, erklärt Güldner-Zierer das Ritual. Der innere Schmerz würde so einen äußeren Ausdruck bekommen.

In Südamerika sei es selbstverständlich, die Toten auch in lebendiger Weise mit ins Leben zu holen, so die Trauerbegleiterin. Eine Möglichkeit sei daher zum Beispiel mit Freunden und Familie bei Punsch und Plätzchen auf dem Friedhof eine Zeit des Erinnerns zu gestalten. Auf manchen Friedhöfen findet dazu auch ein Weihnachtssingen statt.


Anlaufstellen für Trauernde

Manchen Menschen in Trauer tut es gut, sich mit anderen Trauernden zu treffen und auszutauschen.


Viele Trauernde haben Angst vor den Weihnachtstagen, Angst in eine Hilflosigkeit und eine Starre zu verfallen. Da sei es gut, wenn Menschen nachfragen und im Gespräch dabei helfen, den eigenen individuellen Weg zu finden. Oft würde es vermieden, jemanden auf den Verlust anzusprechen. Dabei sei es wichtig für Trauernde, dass das Umfeld sensibel reagiert. Dem „Tabu-Thema“ nicht auszuweichen, sondern da sein, appelliert die Sozialpädagogin: „Wir dürfen uns mehr trauen, aufeinander zuzugehen“. Sie rät, Betroffene einfach anzusprechen – „Bei Euch ist es dieses Jahr nicht so einfach“ - und konkret nachzufragen „Was habt ihr euch überlegt? Bist Du eingeladen?“, um so ein Gefühl zu bekommen, wo jemand steht.

Trauernde an Weihnachten einladen

Eine Möglichkeit wäre auch, Betroffene zu sich einzuladen. Man sollte sich jedoch vorher darüber Gedanken machen, ob man offen dafür sei. Der Eingeladene bringt seine Trauer mit, dessen sollte sich der Gastgeber bewusst sein. Güldner-Zierer ist sich sicher, dass das aber auch eine Tiefe in das Weihnachtsfest bringen könnte. Denn es wird gefeiert, dass Gott Mensch wird, „mit allem, was dazugehört, auch mit dem Leid“. Es könnte eine große Zusage sein, Weihnachten in Gemeinschaft zu feiern mit jemand am Tisch, der „vielleicht gerade in Gedanken ganz woanders und traurig ist, aber trotzdem dabei“. Denn eins ist unausweichlich: „Wie werden alle im Laufe unseres Lebens mit dem Thema konfrontiert werden, einen Verlust zu erleben, wodurch sich das Leben verändert“.

Trauer ist ein „lebenslanger Prozess“

Nicht-Trauernde unterschätzen, dass ein Trauerprozess ein lebenslanger Prozess sei: „Nicht in der Intensität wie am Anfang, und es verändern sich auch Dinge, aber es holt dich immer wieder ein“. Die Ehe-Familien- und Lebensberaterin spricht sich dafür aus, Sprachlosigkeit zu überwinden, die Trauernden mit ihrem Verlust zu sehen und sensibel dafür zu sein. Das kann Trauernden dabei helfen einen Weg finden, Weihnachten für sich stimmig zu gestalten.


Die Telefonseelsorge ist in Deutschland ein Angebot der Evangelischen und der katholischen Kirche. Rund um die Uhr ist dort jemand erreichbar. Telefonisch unter: 0800 1110111 oder 0800 1110222 Sie können aber auch mailen, chatten oder in die Beratung kommen.

Zum Nachhören

"MKR - das Magazin" Episode vom 18.12.2024, Kapitelmarke "Trauernde in der Weihnachtszeit" ab Min. 5:53.


Katharina Sichla
Artikel von Katharina Sichla
Redakteurin
Berichtet über aktuelle und bunte Themen rund um Kirche und Glaube.