Krisen und Chancen
27.01.2026

Porträt

Organist, Psychiater, Ethiker

Er spielt Orgel und ist Leitung in einer psychiatrischen Klinik, forscht zu Ausgrenzung und wurde kürzlich für seine Habilitation ausgezeichnet: Tobias Skuban-Eiseler hat zahlreiche Wege beschritten. Ein Porträt über einen vielseitigen Münchner Katholiken.
   

Tobias Skuban-Eiseler wirkt als Organist in der Münchner Pfarrei St. Bonifaz. Tobias Skuban-Eiseler wirkt als Organist in der Münchner Pfarrei St. Bonifaz. Foto: © privat

„Ich bin ein Organist, der sein Geld als Arzt verdient.“ So beschreibt sich Tobias Skuban-Eiseler. Seine Begeisterung für dieses Instrument reicht in der Tat weiter zurück als sein Interesse an der Medizin. Schon als Ministrant in seinem Heimatort Geretsried bei München faszinierte ihn die dortige Orgel und er begann, sich das Spielen darauf selbst beizubringen. Später übte er in Wolfratshausen weiter, wohin er als 16-Jähriger mit seinen Eltern zog. Sein Vater wirkte dort als Mesner, seine Mutter putzte die Kirche.

So war es für Skuban-Eiseler nur konsequent, dass er nach Abitur und Zivildienst die Aufnahmeprüfung an der Münchner Hochschule für Musik und Theater absolvierte – und bestand. Das dort begonnene Orgelstudium setzte er bei Martin Lücker in Frankfurt fort, der ihm auch Jahre später noch Orgelunterricht erteilte, als Skuban-Eiseler längst eine medizinische Laufbahn eingeschlagen hatte.
  

Tobias Skuban-Eiseler leitet das Atriumhaus des kbo-Isar-Amper-Klinikums in München. Tobias Skuban-Eiseler leitet das Atriumhaus des kbo-Isar-Amper-Klinikums in München. Foto: © GELLNER MEDIA

Ein Fach, das er nie wollte

Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg lautete zunächst sein Berufswunsch. Heute ist er Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitet das Atriumhaus des kbo-Isar-Amper-Klinikums in der bayerischen Landeshauptstadt. „Das ist ein bisschen verrückt, oder?“, meint der 47-Jährige mit kurzem ergrauten Haar augenzwinkernd. Schließlich sei die Psychiatrie gerade das Fach gewesen, das er für sich eigentlich immer ausgeschlossen habe.

Seine Einstellung änderte sich, als er einen besonders eindrücklichen Behandlungserfolg miterlebte. Damals arbeitete er als angehender Neurologe am Münchner Friedrich-Baur-Institut, einer Forschungs- und Behandlungsstation für neuromuskuläre Erkrankungen, eng mit Psychiatern zusammen. Dort war er dabei, als eine junge Patientin mit einer Lähmungserkrankung aus ihrem Rollstuhl aufstand, während ein Kinder- und Jugendpsychiater mit ihr sprach. Die Situation ähnelte aus seiner Sicht ein bisschen einem biblischen Wunder. Skuban-Eiseler erinnert sich, es sei ihm damals „richtig kalt den Rücken runtergelaufen“. Sein Interesse an der Psychiatrie war geweckt – und er ließ sich an der Psychiatrischen Universitätsklinik Köln zum entsprechenden Facharzt ausbilden.

Erfüllung als Psychiater

Zwar seien solche Erfolge auch in diesem Fachgebiet nicht an der Tagesordnung, doch verzeichne er in seinem Berufsalltag „sehr viele positive Entwicklungen“, in deren Verlauf Menschen gesund würden. „Das erleben wir in der Psychiatrie tatsächlich viel mehr, als man denkt. Deswegen ist es so ein unglaublich befriedigender Job“, schwärmt Skuban-Eiseler.


Dabei hätte er auch andere Berufswege einschlagen können. Zum Beispiel als hauptberuflicher Organist. Als Chirurg. Oder als Theologe. Immerhin hatte er auch einmal ein Studium der katholischen Theologie erwogen. Tatsächlich studierte er noch berufsbegleitend Medizinethik an der Münchner Hochschule für Philosophie. Bei der Erinnerung daran kommt er ebenfalls ins Schwärmen: „Ich fand es eine unheimlich horizonterweiternde Zeit. Es war einfach ein extrem freies, Denken förderndes und inspirierendes Umfeld.“


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Anerkennung für leise Themen

Skuban-Eiseler erwog deshalb kurzzeitig, eine zweite Doktorarbeit zu schreiben – in Philosophie. Stattdessen begann er am Ulmer Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin zu forschen: zu vulnerablen Gruppen in der Medizin. Aus seiner Arbeit wurde eine Habilitation, eine prämierte noch dazu. Kürzlich erhielt er dafür den Dr.-Bertold-Moos-Wissenschaftspreis. „Ich habe mich total gefreut, insbesondere dass so ein Thema ausgewählt wurde“, beschreibt der Geehrte seine Reaktion und betont im selben Atemzug: „Es ist ja nicht eine Auszeichnung nur für mich, sondern für alle Menschen, die mitgemacht haben, auch bei den Interviews, die ich für meine Forschungsarbeit geführt habe.“

Besonders in den Blick nahm Skuban-Eiseler ältere, behinderte und HIV-positive Menschen sowie Transpersonen, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Sie erlebten in Arztpraxen und Krankenhäusern vielfältige Diskriminierungen. Zum Beispiel, dass sie bei der Terminvergabe benachteiligt würden. Dass hinter vorgehaltener Hand schlecht über sie gesprochen werde. Dass sie belächelt würden. Dass ihnen indiskrete Fragen gestellt würden. Dass die Anrede nicht zu ihrer Geschlechtsidentität passe. Deshalb, so der Forscher, gingen die Betroffenen seltener zum Arzt und seien in einem auch psychisch schlechteren Gesundheitszustand.

Die Angst hinter der Abwertung

Diese Zurücksetzungen führt Skuban-Eiseler zum einen darauf zurück, dass diese Personen dem medizinischen Personal fremd erschienen. Andererseits verkörperten sie etwas, was auch mit ihrem Gegenüber zu tun habe: „Ich könnte auch geistig behindert sein, ich könnte einen Unfall haben, ich könnte HIV kriegen“, veranschaulicht der Psychiater seiner Ansicht nach unterschwellig vorhandene Ängste. „Ich glaube, diese Befürchtungen werden auf diese Personen projiziert und deswegen erleben sie Stigmatisierung.“

Als Lösung empfiehlt der Fachmann: „Wir müssen uns selbst reflektieren: Wie geht es mir mit meinen Ängsten davor, selber betroffen zu sein von bestimmten Dingen? Wie geht es mir mit meinem Geschlecht, mit meiner Sexualität?“ Zudem sei es wichtig, Angehörige dieser vulnerablen Gruppen „wirklich kennenzulernen“. So bindet er beispielsweise in Kurse, die er hält, nach Möglichkeit immer eine Transperson ein: „Ich habe das Gefühl, dass das die entscheidende Einstellungsveränderung bewirkt.“


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Forschung in Christi Nachfolge

Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro möchte Skuban-Eiseler für eine Interview-Studie zur Sexualität Obdachloser verwenden, die von der Münchner Benediktinerabtei St. Bonifaz unterstützt werden, denn er ist überzeugt: „Wenn wir uns auf den Weg machen in der Nachfolge Christi, dann darf es einfach keine Rolle spielen, wie Menschen geschaffen sind.“


Der Katholik fühlt sich bei all seinem Tun dem christlichen Menschenbild verpflichtet: „Jeder ist Geschöpf Gottes, jeder hat eine Würde, es ist nicht egal, wenn es jemandem schlecht geht.“ Auch die katholische Liturgie weiß er zu schätzen. Seine spirituelle Heimat hat er in der Münchner Pfarrei St. Bonifaz gefunden. Dort fühlt er sich auch in seiner eigenen sexuellen Identität angenommen – gemeinsam mit seinem Ehemann. Das Kirchenjahr gibt ihm Orientierung. Und das Leben als solches ist für ihn etwas Würdevolles. Doch er möchte diese christliche Grundhaltung niemandem aufzwingen. Lieber möchte er durch seine Lebensweise überzeugen. „Deswegen bin ich auch gar nicht so hoffnungslos, dass ich sage: ,Oh Gott, die Leute gehen nicht mehr in die Kirche, die sind alle so atheistisch.‘ Mitnichten. Sie können mit der Institution nichts mehr anfangen, aber sie können mit dem Glauben was anfangen und sie können mit Gott etwas anfangen, sie haben nur andere Worte dafür.“

Orgelspiel als „wortfreies Gebet“

Skuban-Eiseler selbst macht in der Musik spirituelle Erfahrungen: „Sie ist für mich etwas zutiefst Religiöses.“ Sein Orgelspiel bezeichnet er sogar als „wortfreies Gebet“: „Wenn ich spiele, hat das für mich etwas Gebethaftes. Wenn ich zum Beispiel die Pfingstmesse von Messiaen spiele, dann komme ich ja nicht umhin, mich auch inhaltlich mit dem Pfingstgeheimnis auseinanderzusetzen.“


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Karin Hammermaier
Artikel von Karin Hammermaier
Redakteurin
Recherchiert und schreibt Geschichten für [inne]halten.