Krisen und Chancen
05.10.2024

Was ich gerne vor dem Tod meines Opas über das Sterben gewusst hätte

Der Erste-Hilfe-Kurs hat Ines Schaberger darauf vorbereitet, Ersthelferin bei einem Unfall oder Notfall zu sein. Doch nichts hat sie dafür ausgebildet, ihren sterbenden Großvater zu begleiten und mit der Trauer nach seinem Tod umzugehen.

Foto: © Komkrit - stock.adobe.com

Für die Führerscheinprüfung besuchte ich wie so viele Menschen gewissenhaft den Erste-Hilfe-Kurs, übte die stabile Seitenlage und die Herzmassage und prägte mir die Notfall-Nummern ein. Bislang brauchte ich – Gott sei Dank – nichts davon. Was ich jedoch sehr wohl bereits benötigt hätte, wäre ein „Letzte-Hilfe-Kurs“. Denn als mir als junge Erwachsene klar wurde, dass mein Opa unheilbar krank ist und sterben wird, war ich erst mal überfordert. Ich tat, was eine Journalistin eben so tut, wenn sie mit einem neuen Thema konfrontiert wird: Ich begann, zu recherchieren. Dabei lernte ich, dass es normal ist, wenn…

  • Sterbende aufstehen oder sich aufsetzen wollen, um selbst zu spüren, dass ihre Kraft weniger wird – und man nicht versuchen sollte, sie in diesem Moment zu schonen und daran zu hindern.
  • Hände und Beine kälter werden, weil sich der Körper auf die Durchblutung des Rumpfes fokussiert.
  • es zu einer Rasselatmung oder Atemaussetzern kommen kann und es nicht bedeuten muss, dass der Sterbende Atemprobleme hat.
  • Sterbende nichts mehr essen wollen – man jedoch ihren Mund mit einem feuchten Tuch benetzen kann.

Die wenigsten Menschen haben diese Fakten rund um Sterben und Tod in der Schule gelernt – obwohl es so essentiell zum Menschsein gehört.


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Fünf Tipps einer Sterbebegleiterin

Isabel Spirig ist diplomierte Sterbe- und Trauerbegleiterin und entlastet zum Beispiel Familien im Sterbeprozess. Im Telefongespräch bestätigt sie die Hilf- und Ratlosigkeit, die ich angesichts des Todes verspürte. „Oft hat man keine Ahnung, was man tun soll“, so Spirig. „Die Emotionen überwältigen einen und man verharrt im Schockzustand.“ Als Sterbebegleiterin ist sie besonders dafür ausgebildet zu spüren, was der sterbende Mensch im Moment braucht oder was seine Gesten bedeuten könnten. Und sie versteht sich auch als Sprachrohr für seine Bedürfnisse. Fünf Haltungen im Umgang mit Sterbenden findet sie daher besonders wichtig:

  1. «Dasein»
    „Man kann viel für die sterbende Person tun, indem man wenig macht“, sagt Isabel Spirig. Es gehe darum, einfach da zu sein und durchzuatmen. Eine möglichst neutrale und aufrechte Körperhaltung könne dabei helfen, die eigenen Emotionen zu regulieren. „Das gibt eine Schwingung im Raum, welche die sterbende Person merkt.“

  2. Selbstbestimmung ermöglichen
    „Ein Mensch soll nach Möglichkeit bis zu seinem letzten Atemzug selbst bestimmen dürfen“, dafür plädiert Isabel Spirig. Wenn die sterbende Person zum Beispiel nichts mehr essen möchte, dann müssen die Angehörigen dies akzeptieren. Ärztliche Diagnosen dürfen nicht einfach verheimlicht werden, sondern die Person sollte selbst bestimmen dürfen, wie viel sie gegen Ende des Lebens zu ihrer Situation erfahren möchte. Dazu reicht eine einfache Frage wie: „Ich habe Neuigkeiten von deiner Ärztin. Möchtest du informiert werden?“

  3. Informieren
    „Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass die sterbende Person mitbekommt, was gesprochen wird, auch wenn sie nicht mehr reagieren kann“, sagt Isabel Spirig. Sie rät dazu, beispielsweise mit Worten wie diesen zu informieren:
    - „Ich gehe jetzt in die Kaffeepause. In zehn Minuten bin ich wieder zurück.“
    - „Ich hole jetzt die Kinder von der Schule ab. In einer Stunde bin ich wieder bei dir.“
    - „Ich gehe jetzt nach Hause, um zu schlafen. Morgen um 08.00 Uhr bin ich wieder bei dir.“
    Durch diese Information könne man der Sterbenden die Entscheidung überlassen, ob sie alleine oder im Beisein der Angehörigen gehen möchte.

  4. Nicht festhalten
    Angehörige versuchen oft, den sterbenden Menschen festzuhalten. „Diese Haltung kann es jemandem jedoch sehr schwer machen, den letzten Schritt zu gehen und zu sterben“, sagt Spirig. Sie rät, die Hand des Sterbenden nicht festzuhalten, sondern wenn, dann die eigene Hand unter dessen Hand zu legen. Denn dann hat dieser die Möglichkeit, seine Hand auch wegzuziehen. Manchmal könne es helfen, dem Sterbenden auch laut zuzusprechen: „Ich lasse dich gehen.“

  5. Nichts persönlich nehmen
    Wenn die sterbende Person die Hand wegzieht oder verletzende Dinge sagt, sollte man als Angehöriger versuchen, dies nicht persönlich zu nehmen, rät Spirig. Verletzungen könne man im Nachhinein aufarbeiten. Denn: „Viele Sterbende reden nicht mehr dieselbe Sprache wie die Zurückbleibenden. Meine Oma sprach beispielsweise am Sterbebett von einem Zwetschgenbaum mit einem Kind darunter. Bis heute weiß ich nicht, was diese Symbolik bedeutet und lasse es als ihr Geheimnis stehen.“


Bevor mein Opa starb, hätte ich nicht gedacht, wie viele Tränen ich weinen könnte.

In den ersten Tagen nach seinem Tod, aber auch Monate später flossen immer wieder Tränen, wenn mich ein Geruch, ein Lied oder ein Festtag an meinen Opa erinnerte. Meistens fühlte ich mich nach dem Weinen leichter und so, als hätte ich ein Stück Trauerarbeit „geschafft“. Ich lernte, dass es in Ordnung ist, der eigenen Trauer Raum zu geben, und dass Menschen unterschiedlich trauern dürfen. Während einer schnell aufräumen und Kleidungsstücke des Verstorbenen weiterschenken möchte, will ein anderer das Zimmer des Verstorbenen über Monate und vielleicht sogar Jahre genau so belassen, wie es war.

„Trauer ist keine Krankheit“, sagt mir Pfarrerin Ute Latuski-Ramm von der ökumenischen Fachstelle Begleitung in der letzten Lebensphase (BILL) im schweizerischen St. Gallen. Die Trauer höre wohl niemals ganz auf, aber verändere sich und werde ins Leben integriert. Rituale, Orte oder Jahrestage können dabei helfen, der Trauer einen Platz im Leben einzuräumen.


In der Trauer unterstützen: Drei Tipps von Trauerbegleiterin Isabel Spirig

  • Bedingungslos dasein und zuhören.
  • Verzichten auf gut gemeinte, aber leere Vertröstungen wie „Du findest schon einen neuen Partner“. Stattdessen lieber nichts sagen und die trauernde Person ernst nehmen.
  • Den trauernden Menschen an die Hand nehmen und durch kleine Gesten unterstützen, wie zum Beispiel durch Teekochen, Wäschewaschen oder am Sonntag Brötchen vorbei bringen.

Gerne hätte ich zusätzlich zu meinem „Erste-Hilfe-Kurs“ einen Kurs für die sogenannte „Letzte-Hilfe“ besucht: um meinen Opa besser begleiten und selbst besser mit dem Abschied umgehen zu können. Was ich damals nicht wusste, ist: Diese Kurse gibt es tatsächlich! „Ein Letzte-Hilfe-Kurs ermutigt dazu, sich sterbenden Menschen und der eigenen Endlichkeit zuzuwenden“, sagt Ute Latuski-Ramm. Neben Basiswissen über Sterben, Tod und Trauer lernt man im eintägigen Kurs, wie man körperliche und seelische Nöte rund ums Sterben lindern und am besten Abschied nehmen kann. „Letzte-Hilfe-Kurse“ werden unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten. Ich wünsche mir, dass solche „Letzte-Hilfe-Kurse“ einmal so selbstverständlich werden wie die Kurse zur Ersten Hilfe.

Ines Schaberger
Artikel von Ines Schaberger
Journalistin und Theologin
Jahrgang 1993, ist Pilgerseelsorgerin in St. Gallen und Gastgeberin des Podcasts „fadegrad“ mit inspirierenden Lebensgeschichten.