Krisen und Chancen
04.11.2025

Fünf Strategien gegen Einsamkeit

Die Tage werden kürzer, das Licht schwindet – und mit dem Nebel kriecht auch die Einsamkeit in so manche Wohnung. Ines Schaberger hat fünf Wege ausprobiert, die gegen die Isolation helfen können. Ihr Ziel: Sich mehr verbunden zu fühlen mit anderen und mit sich selbst.
    

Foto: © bazou-stock.adobe.com

1. Einfach mal anrufen -
zum Beispiel beim Plaudernetz

Es gibt diese Tage, da fühle ich mich alleine und irgendwie isoliert. Manchmal reicht dann schon ein kurzes Gespräch, um mich daraus zu befreien: Ich wechsle ein paar Worte mit der Kassiererin im Supermarkt, mit dem Kellner im Kaffeehaus oder mit der Person, die neben mir an der Bushaltestelle wartet.

Neulich war mir jedoch gar nicht nach Smalltalk. Doch einige meiner liebsten Menschen wohnen teils hunderte Kilometer von mir entfernt. Also vereinbarte ich ein Telefonat mit einer guten Freundin. Während sie in Bayern Mittagessen kochte und ich in Wien die Wohnung aufräumte, sprachen wir über das, was uns bewegt. Schon nach wenigen Minuten spürte ich, wie die Einsamkeit einer tiefen Verbundenheit wich. Und einer Dankbarkeit, dass ich Freundinnen habe, die ich – obwohl sie weit weg wohnen – jederzeit anrufen kann.

Bei meiner Oma erlebe ich aber auch, dass viele ihrer Freunde und Freundinnen bereits gestorben sind und neue Kontakte zu knüpfen schwer fällt. Für sie und alle, die nicht wissen, wen sie anrufen können, könnte das „Plaudernetz“ interessant sein: Die Caritas in Österreich sowie die Malteser in Deutschland  verbinden Menschen, die jemanden zum Reden suchen. Wer anruft, landet bei einer freiwilligen Gesprächspartnerin oder einem Gesprächspartner, die das Zuhören und Plaudern lieben. Die Gespräche sind anonym und kostenlos (bzw. zum gewöhnlichen Gesprächstarif). Das ersetzt natürlich nicht die beste Freundin. Und doch kann der Austausch mit einer anderen Person die Einsamkeit lindern.

Umsetzbarkeit: sehr leicht
Ressourcen: Telefon/Handyvertrag
Effektivität: 8/10 Punkte gegen Einsamkeit

2. Zusammen in Bewegung kommen

Bewegung bringt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele in Schwung. Ich liebe es, beim Spazierengehen zu beobachten...

... wie bunte Blätter von den Bäumen fallen,
... Pilze aus dem Waldboden sprießen,
 ...der Nebel sich als Wassertropfen auf Grashalmen festsetzt.

Dabei fühle ich mich mit der Natur verbunden – ein Wundermittel gegen die Einsamkeit!

Für noch mehr Verbundenheit verabrede ich mich mit anderen zu einem Spaziergang. Schritt für Schritt und Wort für Wort trotzen wir dem Herbstblues. Oder wie wäre es mit einer geführten Wanderung oder einem gemeinsamen Pilgertag? In der Schweiz trifft sich eine Gruppe beispielsweise alle zwei Wochen zu einem gemeinsamen Pilgerweg.

Umsetzbarkeit: leicht 
Ressourcen: Wanderschuhe, Regenjacke 
Effektivität: 8/10 Punkte gegen Einsamkeit

    


    

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3. Engagement statt Rückzug

Manchmal verwandelt sich die Einsamkeit, wenn wir uns jemandem zuwenden. Wer sich freiwillig engagiert – etwa beim Besuchsdienst im Altersheim, bei der Lebensmittelausgabe oder als Lesepate –, erfährt: Ich werde gebraucht. Als mein Mann und ich eine Familie gründen wollten und Monat für Monat wieder einen negativen Schwangerschaftstest in den Händen hielten, begann ich, als Kellnerin im VinziRast Restaurant „Mittendrin“ auszuhelfen. Hier kochen und servieren ehemalige Obdachlose und Geflüchtete köstliche Mittagsmenüs. Die ganze Woche freute ich mich auf den Freitag, meinen Freiwilligen-Tag im Restaurant. Während ich Besteck polierte, schmutziges Geschirr abservierte oder Kaffee zubereitete, vergaß ich für ein paar Stunden meinen Kinderwunsch und die damit verbundene Einsamkeit.

Umsetzbarkeit: mittel 
Ressourcen: ein paar Stunden pro Woche 
Effektivität: 10/10 Punkte gegen Einsamkeit


Singen verlängert das Leben! Konzert des KHJ-Chores in Wien Singen verlängert das Leben! Konzert des KHJ-Chores in Wien Foto: © Thomas Gramm

4. Musik – zusammen im Chor singen

Immer wieder zeigen Studien: Beim regelmäßigen Hören der Lieblingsmusik sinkt der Stresspegel, Glückshormone werden ausgeschüttet und das allgemeine Wohlbefinden gesteigert. Was könnte also besser gegen Isolation helfen, als das Radio oder die Lieblingsmusik aufzudrehen und sich dazu entspannt in einen gemütlichen Sessel zu kuscheln oder durch die Wohnung zu tanzen? 

Selbst zu singen, verlängert sogar das Leben! Wenn ich müde und gestresst zu meiner wöchentlichen Chorprobe komme, passiert schon in den ersten Minuten etwas Faszinierendes: Mein Herzschlag und meine Atmung beruhigen sich. Ich entspanne und nehme mich sowie die anderen Chormitglieder ganz bewusst wahr. Es braucht gar nicht viel und schon entsteht ein mehrstimmiges Lied. Durch das Singen fühle ich mich mit mir selbst verbunden und knüpfe gleichzeitig Bekanntschaften mit Gleichgesinnten.

Chöre für verschiedene Genres gibt es in jeder Stadt, einen Kirchenchor sogar fast in jedem Dorf und damit viele musikalische Möglichkeiten, gegen die Einsamkeit anzusingen. 

Umsetzbarkeit: mittel 
Ressourcen: ein paar Stunden pro Woche, Freude am Singen, ggf. Teilnahmebetrag für den Chor 
Effektivität: 7/10 Punkten gegen Einsamkeit


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5. Sich um ein Tier kümmern

Tiere sind treue Gefährten. Manchmal eigenwillig fordern sie Aufmerksamkeit, Struktur und Zuneigung. Ich kannte einen Jungen, der in der Schule eine Zeit lang gemobbt und ausgeschlossen wurde. Trost fand er durch den Familienhund. Der Golden Retriever kam ihm nach der Schule voller Freude entgegen, lief begeistert den Stöckchen hinterher, die er für ihn warf und kuschelte sich abends an ihn. Einige Jahre später tröstete derselbe Hund die Oma des Jungen, die um ihren verstorbenen Mann trauerte.

Wer aus finanziellen und zeitlichen Ressourcen nicht selbst ein Haustier halten kann, findet vielleicht Freude daran, mit Hunden aus dem Tierheim Gassi zu gehen. Der Tierschutzverein München e.V.sucht immer wieder Freiwillige dafür und bietet sogar ein „Gassigehseminar“ an.

Umsetzbarkeit: schwer
Ressourcen: finanziell und zeitlich, Ausrüstung und Futter für das Tier 
Effektivität: 8/10 Punkten gegen Einsamkeit

Mein Fazit

Ich kann nicht verhindern, mich hin und wieder einsam zu fühlen – gerade in der dunklen Jahreszeit. Doch ich kann etwas dagegen tun: Manchmal genügt ein Anruf, ein Lied oder eine nasse Hundepfote, um das Licht wieder hereinzulassen. So fühle ich mich verbunden – mit der Natur, mit anderen Menschen und mit mir selbst.


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Ines Schaberger
Artikel von Ines Schaberger
Journalistin und Theologin
Jahrgang 1993, ist Pilgerseelsorgerin in St. Gallen und Gastgeberin des Podcasts „fadegrad“ mit inspirierenden Lebensgeschichten.