Geld oder Liebe?
Geld beruhigt, aber Liebe macht glücklicher. Was Glücksforscher über Einkommen, Großzügigkeit und die Bedeutung enger Beziehungen herausgefunden haben.
Enge Beziehungen sorgen mehr noch als Geld dafür, dass Menschen ihr Leben lang glücklich sind. Foto: © AdobeStock - Charnchai saeheng
Macht Geld glücklich? Die kurze Antwort der Wissenschaft lautet: ja, solange es Sorgen reduziert und Handlungsspielräume öffnet. Entscheidend sei aber weniger die Summe auf dem Konto als die Frage, ob sie Sicherheit, Sinn und Beziehungen stärkt - oder nur Status und Vergleich dient.
Die Künstlerin Jenny Brosinski brachte es neulich im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ so auf den Punkt: „Geld löst keine Probleme, heilt keine Krankheiten und macht mich nicht zu einem besseren Menschen.“ Aber: Geld gebe ihr finanziellen Rückhalt und damit Sicherheit und Freiraum. „Denn wenn ich nicht darüber nachdenken muss, wie ich Essen oder Miete bezahlen kann, bin ich glücklicher und stehe weniger unter Druck.“
So viel Geld macht glücklich
Studien zur Glücksforschung, darunter bekannte Arbeiten der Nobelpreisträger Daniel Kahneman und Angus Deaton sowie des Forschers Matthew Killingsworth, zeigen übereinstimmend, dass Geld das emotionale Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit maßgeblich steigert: Es lindert Armut und Sorgen und schenkt individuelle Handlungsfreiheit.
Während Kahneman 2010 noch davon ausging, dass die tägliche Stimmung ab einem Jahresgehalt von etwa 75.000 US-Dollar (damals etwa 56.000 Euro) ein Plateau erreicht, wies Killingsworth 2021 nach, dass das Glücksgefühl auch weit darüber hinaus mit steigendem Einkommen wächst.
In einer gemeinsamen Analyse aus dem Jahr 2023 lösten die Forscher diesen scheinbaren Widerspruch auf: Für die glücklichere Mehrheit der Menschen steigt das Wohlbefinden mit dem Einkommen weiter - in ihren Daten bis mindestens 200.000, eher 500.000 Dollar jährlich (damals rund 460.000 Euro), ohne klares Plateau.
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Geld löst nicht alle Probleme
Einzig bei einer unglücklichen Minderheit von etwa 15 bis 20 Prozent flacht der positive Effekt ab einem Einkommen von rund 100.000 US-Dollar (damals rund 92.000 Euro) im Jahr deutlich ab. Finanzielle Mittel allein lösen eben keine tieferliegenden emotionalen Probleme, so die Wissenschaftler.
„Wir brauchen ein gewisses Maß an Einkommen, um unsere wesentlichen materiellen Bedürfnisse zu befriedigen“, erklärt der Volkswirtschaftler und Glücksforscher Karlheinz Ruckriegel. „Darüber hinaus hat Einkommen beziehungsweise Geld kaum noch Einfluss auf das Glück.“
Wenn die Ansprüche mitwachsen
Wenn die wesentlichen materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, komme es zu einer bloßen Anpassung, führt der Wissenschaftler aus: „Die materiellen Ansprüche und Ziele passen sich an die tatsächliche Entwicklung an, das heißt, mit steigendem Einkommen steigen auch die Ansprüche, sodass daraus keine größere Zufriedenheit erwächst.“ Wer Auto, Wohnung oder Urlaub ständig vergleicht, läuft also in eine hedonistische Falle: Das Einkommen wächst, das Glücksempfinden bleibt aber gleich.
Vor über 20 Jahren ging die Geschichte eines Lottogewinners durch die Medien, der mit seinem Gewinn von rund sechs Millionen Euro die Firma seines Arbeitgebers vor der Pleite rettete und so nicht nur seinen, sondern auch 15 weitere Arbeitsplätze sicherte. Dieser Fall zeigt: Geld macht dann glücklich, wenn es Sinn stiftet und Beziehungen stabilisiert.
Geld als Weg zum Sinn
Forschungen unterstreichen diesen Eindruck. Eine Studie der Universität Harvard von 2010 liefert Hinweise darauf, dass Menschen weltweit emotional davon profitieren, wenn sie Geld für andere ausgeben. Die Forscher werteten Umfragedaten aus 136 Ländern aus und fanden einen Zusammenhang zwischen sogenanntem prosozialem Ausgeben, also etwa Spenden oder Geschenken für andere, und größerem Glücksempfinden.
Um zu prüfen, ob dieser Zusammenhang tatsächlich ursächlich ist, führten sie Experimente in Kanada und Uganda durch. Dabei zeigte sich, dass Menschen, die Geld für andere ausgaben, anschließend glücklicher waren - unabhängig vom kulturellen oder wirtschaftlichen Hintergrund..
Beziehungen sind der eigentliche Glücksfaktor
Die Ergebnisse stellen die traditionelle Annahme infrage, dass vor allem Eigennutz menschliches Verhalten bestimmt, und deuten darauf hin, dass die Freude am Helfen tief in der menschlichen Natur verankert sein könnte.
Was wirklich glücklich macht, verrät die „Harvard Study of Adult Development“, einer der weltweit längsten Langzeitstudien zur körperlichen und psychischen Gesundheit von Erwachsenen: Demnach sorgen enge Beziehungen – mehr noch als Geld oder Ruhm – dafür, dass Menschen ihr Leben lang glücklich sind. Diese Bindungen schützen demnach vor Unzufriedenheit, tragen dazu bei, den geistigen und körperlichen Verfall hinauszuzögern, und sind bessere Indikatoren für ein langes und glückliches Leben als die soziale Schicht, der IQ oder sogar die Gene.
Christiane Laudage



