Warum Nähe allein nicht reicht
Viele Menschen fühlen sich allein. Um Einsamkeit zu überwinden, empfiehlt der Wiener Philosoph Patrick Schuchter, eine Kultur der echten Verbundenheit zu entwickeln.
Foto: © KI-generiert mit OpenAI
Das Café ist voll, das Smartphone summt ununterbrochen, am Abend wartet die Familie zu Hause. Und trotzdem beschleicht manche Menschen das Gefühl, allein zu sein. Einsamkeit hat oft wenig damit zu tun, wie viele Menschen uns umgeben. Sie beginnt dort, wo die innere Verbundenheit verloren geht. Das ist die Kernthese des Wiener Pflegewissenschaftlers und Philosophen Patrick Schuchter.
Für ihn hat Einsamkeit viele Seiten und Tiefen. Da ist zum einen das persönliche Empfinden: Ein Mensch könne von Familie und Freunden umgeben sein und sich dennoch zutiefst verlassen fühlen. Umgekehrt könne jemand mit wenigen Kontakten zufrieden und erfüllt leben. Deshalb dürfe Einsamkeit niemals allein nach der Zahl der Begegnungen beurteilt werden.
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Ebenso wichtig ist für Schuchter die Unterscheidung zwischen schmerzhafter Einsamkeit und bewusstem Alleinsein. Rückzug könne eine Kraftquelle sein – etwa in der Natur, im Gebet oder in der Stille. Wer sich dabei innerlich verbunden fühle, sei nicht einsam. Schmerzhaft werde Einsamkeit dort, wo das Gefühl entsteht, von anderen oder sogar von sich selbst abgeschnitten zu sein.
Patrick Schuchter. Foto: © Manuel Schaffernak
Manche Formen der Einsamkeit seien zudem nur vorübergehend - nach einem Umzug, einem Arbeitsplatzwechsel oder in unbekannten Situationen. Andere reichen tiefer. Nach dem Tod eines geliebten Menschen oder angesichts des eigenen Sterbens bleibe eine Leerstelle, die sich nicht einfach schließen lasse. Schuchter spricht hier von einer existenziellen oder spirituellen Einsamkeit. Sie gehöre zur menschlichen Existenz und lasse sich nicht mit gut gemeinten Angeboten beseitigen. Vielmehr stelle sie die Frage nach der Verbundenheit mit Gott, mit anderen Menschen und mit dem eigenen Leben.
Bedeutung statt Beschäftigung
Gerade deshalb sieht der Gesundheitswissenschaftler die Lösung nicht in immer neuen Freizeitangeboten oder Gesprächskreisen. Menschen wollten nicht nur beschäftigt oder versorgt werden. Sie wollten gebraucht werden. Der entscheidende Schlüssel gegen Einsamkeit sei, „Bedeutung für andere“ zu haben. Wer erlebt, dass sein Engagement zählt und anderen hilft, fühle sich als Teil einer Gemeinschaft.
Kirchen, Bildungseinrichtungen und soziale Initiativen könnten dafür wichtige Orte schaffen. Schuchter spricht von „dritten Orten“. Damit meint er Räume zwischen Familie und Beruf, an denen Menschen einander begegnen, miteinander essen, reden und Verantwortung übernehmen. Gerade die Kirchen hätten hierfür eine lange Tradition. Allerdings müssten sie neue Formen der Begegnung entwickeln, statt sich auf Bewährtes zu verlassen.
Zur Person
Prof. Dr. Patrick Schuchter forscht am Zentrum für Angewandte Pflegeforschung der Hochschule Campus Wien zu den Themen Sorgekultur, Palliative Care, Hospizarbeit, philosophische Praxis sowie ethischen und gesellschaftlichen Fragen des Zusammenlebens. Außerdem leitet er den Bereich Hospiz, Palliative Care und Demenz im Kardinal König Haus, Bildungszentrum der Jesuiten und der Caritas in Wien.
Eine Aufgabe für alle Generationen
Entscheidend ist für Schuchter auch, dass die politische Debatte, wie wir mit Einsamkeit umgehen, sich nicht nur auf Senioren beschränkt, auch wenn wir in einer zunehmend alternden Gesellschaft leben. Denn die Statistik zeige, dass nicht ältere Menschen sich am häufigsten einsam fühlen, sondern Jugendliche und junge Erwachsene. Die Lösung liegt für den Philosophen in generationenübergreifenden Begegnungen, in denen Menschen voneinander lernen und einander bereichern. Gemeinsame Unternehmungen, Gespräche und konkrete Verantwortung seien oft wirksamer als jede Kampagne.
Einsamkeit als gesellschaftliches Phänomen ist für Patrick Schuchter also kein unabwendbares Schicksal. Sie lasse sich überwinden – wenn wir Räume schaffen, in denen Menschen nicht nur Hilfe erhalten, sondern selbst gebraucht werden und Sinn stiften können.
Wissenswert
Die Katholische Erwachsenenbildung im Erzbistum München und Freising bietet mit dem Lernraum „Einsamkeiten“ auf der Lernplattform des Erzbistums (https://lernplattform.erzbistum-muenchen.de) eine interaktive Plattform an, die Impulse, Materialien und Veranstaltungstipps rund um das Thema Einsamkeit bündelt. Eine digitale Anlaufstelle für Ehren- und Hauptamtliche, die sich mit dem Thema auseinandersetzen oder Angebote für das kirchliche Leben entwickeln möchten.



