Digitales Projekt zu Suizidprävention: Wir schaffen das zusammen
Marco Krille hat zwei Suizidversuche hinter sich. Heute unterstützt er das Projekt „Mutpost“. Es soll verzweifelten Menschen helfen, sich für das Leben zu entscheiden.
Auf der Website werden kurze positive Nachrichten wie auf Post-its gesammelt. Foto: © StockAdobe/Pixel-Shot
Es ist okay, dass es dir gerade nicht gut geht. Aber sei dir sicher, es gibt viele, denen es gerade so geht wie dir. Wir schaffen das zusammen. Du bist keine Belastung, du bist wertvoll.
Es sind solche Sätze, die Marco Krille liest, wenn er traurig ist, sich depressiv fühlt. Persönliche Nachrichten von Menschen, hinterlassen auf kleinen, bunten Zetteln auf der Internetseite mutpost.de. Diese Seite ist ein Projekt des Dresdner Werner-Felber-Instituts für Menschen, die suizidgefährdet sind. Sie will ihnen Mut machen, sich für das Leben zu entscheiden.
Gemeinsam gesund werden -
Hoffnung bei Depressionen
Menschen, die suizidgefährdet sind, wollen das nicht sein. Es ist eine Krankheit – und wenn der Drang, sich das Leben nehmen zu müssen, präsenter wird, dann können die Briefe auf „Mutpost“ helfen. Darum klicken sich Menschen in der Krise durch die wohltuenden Botschaften: um sich zu vergewissern, dass dieses Gefühl vorbeigeht, dass es eine Krankheit ist – dass das Leben lebenswert ist. Denn die Botschaften kommen von Menschen, die selbst einmal suizidgefährdet waren – oder jemanden durch Suizid verloren haben.
Marco Krille hat versucht, sich umzubringen – so wie jedes Jahr 100 000 Menschen in Deutschland. Zweimal hat der 35 Jahre alte Berliner es versucht. Damals gab es „Mutpost“ noch nicht. Botschaften, wie sie dort zu lesen sind, hätten ihm geholfen, sagt Krille: „Sie zeigen einem, dass man mit seinen Gedanken nicht allein ist. Dass man nicht so anders ist, dass es vielen Menschen genauso geht wie einem selbst.“ Und dass es andere Wege aus der Depression gibt als den Suizid. Die „Mutpost“-Botschaften veränderten etwas: „Man sieht sich plötzlich als Teil einer Gemeinschaft, die es gemeinsam auch schaffen kann, wieder gesund zu werden.“
Damals, in seiner Krise, war Krille in einer psychiatrischen Klinik, er hatte sich nach den Suizidversuchen selbst eingewiesen. Heute geht es ihm häufiger gut als schlecht. Er unterstützt „Mutpost“ und bewirbt es in den sozialen Netzwerken. Oft gibt er den Initiatoren des Projekts Feedback – immer ist es gut.
[inne]halten - das Magazin 14/2026
Seit 1901 am Puls der Zeit
Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt
Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.
Gründe zu bleiben - von Anderen lernen
Christiane Felsenstein ist Sozialarbeiterin, arbeitet am Werner-Felber-Institut und engagiert sich seit Jahren in der Suizidprävention. Sie gehört zu denen, die „Mutpost“ ins Leben gerufen haben. Ihr Vorbild war die Website des britischen Influencers Ben West, „Reasons to Stay“. Übersetzt: Gründe zu bleiben. „Ich habe das gesehen und dachte: Wow, das ist richtig gut“, sagt sie. Denn der Influencer berichtete davon, wie sehr es suizidgefährdeten Menschen geholfen habe, von anderen Menschen zu lesen, warum sie sich für das Leben und gegen den Suizid entschieden haben.
„Wir bedienen uns dafür des Papageno-Effekts“, sagt Felsenstein. Der funktioniere wie eine Art umgekehrter Werther-Effekt – der ja besagt, die mediale Berichterstattung über Suizide führe zu Nachahmungen. Der Papageno-Effekt bedeutet: Wenn ein Mensch liest oder hört, wie ein anderer es aus der Depression herausgeschafft und seine Suizidalität überwunden hat, dann motiviert ihn das. „Ganz nach dem Motto“, sagt Felsenstein, „wenn andere das schaffen, dann schaffe ich das auch.“
1100 Botschaften für das Leben
Doch Mutpost ist keine Rettung in akuten Krisen. Das sagt auch Marco Krille. Für ihn füllt das Portal eine Lücke zwischen Psychotherapie und Notfalldiensten: „Es geht nicht um schnelle Antworten und Soforthilfen, sondern darum, zu erkennen, dass man gar nicht so allein ist, wie man sich vielleicht in dem Moment fühlt.“ Die Nachrichten auf der Seite sollen über einen langen Zeitraum Hoffnung geben. Auch Krille schreibt dort. Er will anderen zeigen, dass man den Mut zum Leben wiederfinden kann – auch in dunkelsten Momenten. Seine Botschaften beendet er immer mit denselben Worten: „Ich sende dir ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen.“ Lesen und reden, sagt Krille, könne Leben retten.
Das bestätigt Felsenstein. Sie erzählt, dass täglich etwa 360 Menschen „Mutpost“ besuchten. Mehr als 1100 Botschaften sind für das Portal bereits geschrieben worden. Spannend findet sie, dass die Zugriffszahlen der Website zeigen: Gerade in den Morgenstunden lesen viele Besucher die mutmachenden Briefe. „Ich finde das schön“, sagt Felsenstein. „Es ist, als kämen die Menschen auf die Seite und holten sich früh am Morgen ein bisschen Mut für den ganzen Tag.“ Einmal habe das Team von „Mutpost“ eine ganz besondere Rückmeldung erhalten. Das Lesen der Briefe, schrieb jemand, habe ihn vor dem Tod bewahrt.
Du bist wunderschön, liebenswert, bezaubernd und liebevoll. Du gehörst auf diese schöne Welt.
Kennst du das Lied „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst“?
Ich persönlich glaube an Gott, der die Menschen liebt, und Gott liebt auch dich.
Ich war schon selber an genau der gleichen Stelle. Glaub mir: Kein Schmerz ist für immer.
Du bist unglaublich stark – auch wenn keiner sieht, mit was du alles zu kämpfen hast.
Ich kann dir versichern, dass wieder andere Zeiten kommen. Bessere.
Erinner dich daran, wie stark du eigentlich bist, und es ist auch okay, mal nicht stark zu sein.
Die Sonne wird wieder scheinen und die grauen Wolken über deinem Kopf vertreiben.
Die Welt ist ein besserer Ort mit dir. Ich glaube daran, du auch?
Botschaften wie diese kann auf dem Internetportal mutpost.de jeder Mensch lesen.
Von Lisa Discher
Zu den Personen:
Christiane Felsenstein ist Sozialarbeiterin am Werner-Felber-Institut und gehört zu den Menschen, die „Mutpost“ ins Leben gerufen haben.
Marco Krille bewirbt „Mutpost“ in den sozialen Netzwerken. Seine Botschaften auf dem Portal beendet er immer mit denselben Worten: „Ich sende dir ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen.“



