Krisen und Chancen
13.08.2025

Essstörungen bei Männern: Warum der Drang nach dem perfekten Körper krank macht 

Immer mehr Männer geraten in den Strudel aus striktem Diätplan, exzessivem Training und unrealistischen Körperidealen. Besonders Muskelsucht – eng verknüpft mit krankhaftem Essverhalten– bleibt lange unerkannt und wird gesellschaftlich verharmlost. 
    

Foto: © Kzenon – stock.adobe.com

Ein strenger Diätplan, gezielt herbeigeführtes Erbrechen und Sport bis zum Umfallen - Essstörungen gibt es in den unterschiedlichsten Erscheinungs- und Mischformen. Entgegen verbreiteter Annahmen sind davon nicht ausschließlich Frauen betroffen. „Krankhaftes Essverhalten kann bei beiden Geschlechtern beobachtet werden", erläutert Luisa Frinter, Psychologin bei der Caritas Fachambulanz für Essstörungen in München. Allerdings hätten betroffene Männer eine deutlich höhere Hemmschwelle, sich in Therapie zu begeben, so dass ihr Leiden häufig unerkannt bleibe. 
 
Studien belegen zwar, dass die „klassischen" Essstörungen überwiegend bei Frauen diagnostiziert werden: Dazu zählt neben Bulimie und Magersucht auch die sogenannte Binge-Eating-Störung, also ein Verlust von Kontrolle über das Essverhalten. Männer machen nur sieben Prozent aller behandelten Fälle aus, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. In den vergangenen Jahren zeigt sich jedoch zunehmend ein weiterer Bereich, der insbesondere männliche Patienten betrifft. 

Muskelsucht bei Männern:
Wenn Training zur Obsession wird 

Typisch bei Männern ist laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zudem die Muskelsucht, die eng mit einem krankhaften Essverhalten einhergeht, genau genommen aber zu den körperdysmorphen Störungen zählt. Sie werden auch „Entstellungssyndrom" genannt: Betroffene nehmen ihren Körper auch dann noch als zu schmächtig wahr, wenn sie längst wie ein Bodybuilder aussehen. 
 
Der Tagesablauf muskelsüchtiger Patienten ist Frinter zufolge von einem rigiden Trainingsplan und einer strikten Diät bestimmt, die ausschließlich dem Zuwachs an Muskelmasse dienen sollen. Um den Effekt zu steigern, würden Erkrankte häufig in Eigenregie Eiweiß- oder Hormonpräparate einnehmen. „Können sie an einem Tag keinen Sport treiben, wirkt sich das sofort negativ auf ihre Stimmung aus", berichtet die Expertin. 
 
Letztlich legten Muskelsüchtige ein ähnlich zwanghaftes Suchtverhalten an den Tag wie essgestörte Personen, die ständig Kalorien zählten und zur Gewichtskontrolle ebenfalls übermäßig Sport trieben. Betroffene würden sich sozial zurückziehen, da der Besuch im Fitnesscenter stets Vorrang habe und die Angst, in Gesellschaft etwas „Unerlaubtes" essen zu müssen, übergroß sei. 
     

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Psychische Belastung: Depressionen,
Ängste und sozialer Rückzug 

Wie häufig die Muskelsucht, auch Biggerexie oder Adonis-Komplex genannt, mittlerweile vorkommt, ist unklar. Die Bundeszentrale verweist auf Schätzungen, die von einem Prozent in der Allgemeinbevölkerung bis zu 54 Prozent in der Gruppe der Bodybuilder reichen. „Viele Männer verfügen von der Genetik aus über eine mehr oder weniger ausgeprägte und schnell trainierbare Muskulatur, so dass man krankhaftes Verhalten nicht erkennen kann", gibt Psychologin Frinter zu bedenken. 

 
Am ehesten würden die Angehörigen der Erkrankten auf seelische Begleiterscheinungen aufmerksam, etwa Depressionen oder Angstzustände. An körperlichen Gesundheitsrisiken nähmen Betroffene neben Gelenkschäden und Herzmuskelentzündungen einen drohenden Herzinfarkt in Kauf, da sie selbst bei körperlichen Verletzungen oder Erkältungen das Training nicht sein lassen wollen. 

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Die Rolle von Social Media
bei der Entstehung von Muskelsucht 

Ein „perfekt" gestylter Körper, muskulös, kein Gramm Fett zu viel - dieses männliche Schönheitsideal verbreitet sich vor allem auf Social Media. Besonders problematisch: Die Vorbilder sind meist digital bearbeitet, also unrealistisch und unerreichbar. Menschen mittleren Alters hätten, so Frinters Erfahrungen, eher die Tendenz, auf den gesellschaftlichen Druck, individuelle Stressfaktoren und intensive unangenehmene Emotionen mit unkontrollierten Essanfällen zu reagieren, die dem "Binge-Eating" zuzuordnen sind und zu Übergewicht führen können. 
 
Junge Erwachsene hingegen - zumal in Kombination mit ehrgeizigen, perfektionistischen Persönlichkeitsstilen - liefen eher Gefahr, eine Muskelsucht zu entwickeln. In allen Altersklassen gehe der Kampf um die ständige Optimierung des Äußeren meist mit dysfunktionalen Glaubenssätzen einher, warnt die Expertin: etwa, dass nur gut genug sei, wer mit den vermeintlich tollen Typen im Netz Schritt halten könne. 

Therapiehürden: Wenn Kontrolle Sicherheit gibt 

Entsprechend schwierig ist es nach Worten Frinters, diese Vorstellungen etwa bei einer Therapie zu hinterfragen und durch „gesunde" Vorstellungen zu ersetzen. So habe die Kontrolle, die durch den Sport und das reglementierte Essen über den Körper ausgeübt werde, oft die wichtige Aufgabe übernommen, in einem von Unwägbarkeiten geprägten Leben für Sicherheit zu sorgen. 
 
Die Heilung einer Essstörung oder Muskelsucht sei durchaus möglich, werde aber vom Umfeld oft erschwert. „Regelmäßiger Sport und ein fitter Körper werden in unserer Gesellschaft geradezu glorifiziert," sagt die Therapeutin. Statt Hinweisen auf ein mögliches Problem bekämen Betroffene häufig Komplimente für ihr konsequentes Training und ihre tolle Statur. 

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KNA
Artikel von KNA
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