24 Stunden als Einsiedler in Bayern: Selbstversuch in der Klause von Nüchternbrunn
24 Stunden Einsiedlerleben im Selbstversuch: Unser Chefreporter Alois Bierl verbringt einen Tag in der alten Klause von Nüchternbrunn am Taubenberg – ohne Strom, ohne Handyempfang, mitten im Wald. Das Experiment zeigt, wie sich ein einfaches Leben als Einsiedler anfühlt.
Chefreporter Alois Bierl lebt einen Tag als Eremit in der Klause Nüchternbrunn. Foto: © SMB
Ursprünglich plante die TV-Redaktion des Sankt Michaelsbunds ein Interview mit einem „echten“ Einsiedler – für eine Sendung zum Thema Einsamkeit. Aber Frauen und Männer werden schließlich nicht zu Eremiten, um sich dann vor einem Fernsehpublikum zu präsentieren. Niemand wollte zusagen. „Dann probiert es eben ein Reporter aus“, meinte die Redaktion, und so wurde kurzerhand ich selbst zum 24-Stunden-Einsiedler: einen Tag und eine Nacht lang in Nüchternbrunn.
Das liegt mitten im Wald, auf dem Taubenberg im bayerischen Oberland. Es besteht aus einer Kapelle und einem wenige Meter entfernten Häuschen, der Klause. Ungefähr von 1700 bis 1966 war sie von einem Eremiten bewohnt. Seitdem steht der denkmalgeschützte Bau meistens leer. In der Kapelle wird im Sommerhalbjahr einmal wöchentlich der Rosenkranz gebetet, ansonsten ist sie Ziel von Bittgängen und Wallfahrten, auch Taufen und „Bergmessen“ finden dort sporadisch statt.
Eine lebendige Tradition
Ich erinnere mich, dass sich vor etwa 30 Jahren ein polnischer Priester und Professor für Bibelwissenschaften einige Wochen in Nüchternbrunn aufgehalten hat, um Texte zu studieren. Das sprach sich schnell herum, und ich besuchte ihn damals für eine Reportage. Zum Arbeiten ist er allerdings kaum gekommen. Denn viele Menschen waren begeistert davon, dass nun wenigstens für kurze Zeit wieder ein Einsiedler in Nüchternbrunn wohnte. Täglich nahmen Besucher den nicht ganz unbeschwerlichen Weg auf sich, um ihn zu sprechen und ihn ungefragt zu versorgen. „Ich werde mit ein paar Kilo mehr wieder heimkommen“, sagte er mir damals und war gleichzeitig gerührt über das Vertrauen und die Zuneigung der Einheimischen zu ihren Einsiedlern.
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Ankunft in der Klause – ein Ort ohne Komfort
Ein solcher sollte nun auch ich in einem kurzen Selbstversuch werden – tagsüber von der Kamera begleitet. Dem zuständigen Pfarrer Gottfried Doll gefällt die Idee, und er geht mit uns zur Klause hinauf, um uns alle Türen zu öffnen. Obwohl in Nüchternbrunn niemand mehr wohnt, wird das Häuschen ab und zu gereinigt. Aber beim Aufsperren bekommen wir zuerst Spinnweben an den Fenstern und tote Insekten auf dem Boden zu sehen, und die Luft ist abgestanden.
Leben ohne Strom und Handyempfang
Elektrischen Strom gibt es nicht, Mobilfunkempfang ebenso wenig. Dafür eine ständig rauschende Quelle, an der Menschen aus der Umgebung gerne Wasser abzapfen, weil es besonders gut sein soll – daher ja auch der „Brunn“ im Namen „Nüchternbrunn“. Das daneben angeschraubte Schild „Kein Trinkwasser“ ist vor allem aus rechtlichen Gründen angebracht, weil die Quelle sonst regelmäßig bakteriologisch untersucht werden müsste.
Als dann das Häuschen notdürftig gekehrt und die Isomatte ausgelegt ist, tue ich, was ein Einsiedler eben so macht: in der Bibel lesen (tatsächlich haben die Stellen von Moses, Elija oder Jesus, wenn sie sich auf einen einsamen Berg zurückziehen, in einer Einsiedelei einen viel stärkeren „Sound“), natürlich beten, die Glocke zum Angelus läuten, brennende Kerzen in der Kapelle löschen (die ist in den vergangenen 300 Jahren schließlich zweimal abgebrannt) und den Leuten, die vorbeikommen, zuhören und vielleicht sogar ein bisschen nett zu ihnen sein.
Begegnungen mit Besuchern und Sinnsuchern
Schnell merke ich, dass auch ein mickriger 24-Stunden-Einsiedler ruckzuck als eine Art Seelsorger betrachtet wird. Kaum ist aufgesperrt, tritt ein Wanderer durch die zum Durchlüften geöffnete Tür. Er erzählt mir, dass er es so schön findet, eine bewohnte Einsiedelei vorzufinden. Er würde das auch gerne einmal machen, weil ihn sein Stadtleben so stresst. Einsiedler hätten’s gut, die „können in sich gehen“.
Abends kommt eine Radfahrerin, um Wasser von der Quelle zu holen. Sie erzählt, dass ein schlimmer Tag hinter ihr liegt und sie nur noch „herunterkommen“ will: „Eigentlich bin ich vor allem deshalb heraufgefahren.“ Sie erzählt, dass sie so gerne in der Kapelle meditiere, aber die sei halt meistens abgeschlossen. Ich sperre ihr auf, woraufhin sie tatsächlich eine Viertelstunde lang betet. Das Lächeln und der Dank, den ich von ihr bekomme, gehen mir nah.
Einsamkeit als Geschenk und Herausforderung
Es ist schön, dass ein Einsiedler mit so einfachen Dingen den Menschen etwas geben kann. Er kann sich halt Zeit nehmen. Niemand im Haus wartet darauf, dass er endlich zum Abendessen kommt – und ein Fußballspiel im Fernsehen kann er zumindest in Nüchternbrunn auch nicht verpassen. Die letzte Begegnung in der einbrechenden Dämmerung war das allerdings nicht ...
Die Kameraleute sind lange weg, als es in der Klause heftig rumpelt: kein Klopfgeist, sondern ein Einsiedler, von dem niemand etwas gewusst hat. Zuerst sehe ich nur ein kleines Tier mit einem buschigen Schwanz über den Boden huschen. Immerhin keine Ratte. Und nach einer Viertelstunde ist wieder Ruhe. Offenbar habe ich dem Viecherl Respekt und Angst vor mir eingeflößt. Es hat sich verkrochen und wird nicht wagen, wieder aufzutauchen. Meine ich.
Eine unruhige Nacht im Eremitenleben
Und weil ein Eremitentag müde macht, lege ich mich auf meine Isomatte und lösche die Taschenlampe. Kaum eingeschlafen, will der andere Einsiedler aber sein Revier behaupten und springt über meinen Schlafsack. Im Lichtkegel der wieder angeknipsten Taschenlampe sehe ich den Störenfried: Es ist ein Siebenschläfer. Als er nicht aufhört, Krawall zu machen, wird mir das zu bunt und ich ziehe in die Kapelle um, direkt vor dem Altar. Ich könnte auch im Freien übernachten, habe aber keine Lust, mich dann von Füchsen oder Dachsen anschnüffeln zu lassen.
Nacht zwischen Stille und Natur
Es tut gut, sich im Finstern von Mauern behütet zu wissen, in denen viele Menschen Trost gefunden haben. Ein „durchbeteter“ Raum, ringsherum nur Buchen und Fichten, eine immerzu strömende Quelle, und niemand stört diesen Frieden. Außer dem Siebenschläfer, der nun in der Klause richtig aufdreht und den ich selbst in der Kapelle noch ein paar Minuten höre. Ein bisschen unheimlich ist es schon, aber auch ein Geschenk, ganz abgeschieden zu sein, den gestirnten Himmel über sich zu wissen, die Stille auszuhalten und tief in sich gehen zu können. Ohne es zu merken, habe ich meine Hände gefaltet. In einer Einsiedelei geht es wahrscheinlich gar nicht anders, als ein bisschen frömmer zu werden.
So mystisch eine Nacht in der Kapelle einer Einsiedelei auch sein mag – erholsam ist sie nicht. Um vier Uhr morgens ist sie vorbei. Kurz darauf kommt der Kollege mit der Kamera, um den Sonnenaufgang zu filmen und mich, wie ich die Glocke zum Morgengebet läute. Und dann geht das 24-Stunden-Experiment allmählich zu Ende – asketisch ohne Tee oder Kaffee zum Frühstück, denn es ist ja kein Strom da, um Wasser zu kochen. Aber die Erfahrung, einen Tag lang Einsiedler sein zu dürfen, ist das auf alle Fälle wert.
Wir packen ein und der kleine putzige Eremit auf vier Pfoten hat die Einsiedelei jetzt wieder ganz für sich allein.



