Zukunft
22.09.2025

Zehn Jahre „Wir schaffen das“  

Zehn Jahre nach Angela Merkels ikonischem Ausspruch „Wir schaffen das“ zur Aufnahme von Flüchtlingen blickt der Diözesan-Caritasdirektor im Erzbistum München und Freising auf eine bewegte Zeit zurück und zieht ein positives Zwischenfazit. Sorgen bereitet der Caritas allerdings ein zunehmend populistisches Meinungsklima, das wirtschaftliche Notwendigkeiten ignoriert und die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft aufs Spiel setzt.  
    

Im September 2015 kamen tausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof an. Im September 2015 kamen tausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof an. Foto: © imago/Michael Westermann

Wir haben nicht alles, aber wir haben vieles geschafft. Die Integration der Geflüchteten von 2015 ist besser gelungen als vielfach angenommen. Sie verläuft nicht reibungslos, aber kontinuierlich und mit stetem Erfolg. Zahlreiche Geflüchtete sind heute Teil unserer Gesellschaft, arbeiten und tragen aktiv zum Gemeinwohl bei.  

Besonders die Arbeitsmarktintegration ist ein zentraler Motor für gesellschaftliche Teilhabe. Und die kann als weitgehend gelungen betrachtet werden, wie eine aktuelle Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bestätigt. Demnach liegt die Beschäftigungsquote der 2015 nach Deutschland zugezogenen Schutzsuchenden bei erfreulichen 64 Prozent, im Vergleich zu 70 Prozent der Gesamtbevölkerung.  
     

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Arbeit als Schlüssel zur Integration

Viele ehemals Geflüchtete sind in unsere Arbeitssysteme gut integriert – Arbeitgeber sind häufig aufgeschlossener als weite Teile von Politik und Gesellschaft. Es gibt zahlreiche Beispiele gelungener Integration von geflüchteten Menschen, wenn sie eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle in ihrem alten oder einem neuen Beruf gefunden haben. Unser Diözesan-Caritasverband ist dafür das beste Beispiel. Menschen aus 108 Nationen sind für uns tätig.  

In unseren Altenheimen, Kindertagesstätten oder bei den Sozialen Diensten arbeiten viele vormals Geflüchtete und wirken so dem Fachkräftemangel entgegen. Eine klassische Win-Win-Situation! Ohne Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund könnten wir einige Dienste und Einrichtungen gar nicht mehr aufrechterhalten. Angesichts der auf den Kopf gestellten Alterspyramide braucht Deutschland Einwanderung. Populismus und Furcht sind dabei schlechte Ratgeber.

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Bereicherung des Zusammenlebens 

Integration braucht mehr als gute Absichten. Sie erfordert Zeit, professionelle Herangehensweise sowie ausreichend personelle und finanzielle Ressourcen. Sprachbarrieren, Wohnraummangel und bürokratische Hürden zeigen, wie komplex dieser Prozess ist. Gleichzeitig erleben wir, wie sehr Vielfalt unser Zusammenleben bereichert.  

Denke ich an das Jahr 2015 zurück, ist da die Erinnerung an eine großartige Willkommenskultur, an ein beeindruckendes ehrenamtliches Engagement und nicht zuletzt an ein zunehmendes Verständnis für eine Einwanderungsgesellschaft. Diese gelebte Solidarität haben wir erneut im Frühjahr 2022 wahrgenommen, als der Krieg in der Ukraine begann und viele hunderttausend Menschen nach Deutschland geflohen sind. Durch die Vorerfahrung gelang es, schnell Hilfe und Erstversorgung zu organisieren.   

Verschärfung der Tonlage

Leider haben sich das Meinungsklima, speziell in den sozialen Medien, und die Tonlage im gesellschaftlichen Diskurs beim Thema Migration verschärft. Polarisierung, Abwehrtendenzen und Abschottung bestimmen die politischen Initiativen. Damit einher gehen Kürzungen von Bundes- und Landesmitteln bei Integrationsmaßnahmen, wie Sprachkursen und Beratung. Dies wirkt kontraproduktiv. Integration gelingt nur, wenn wir Chancen schaffen – durch Sprache, Arbeit, Wohnraum und respektvolle Begleitung.  

Prof. Hermann Sollfrank, Diözesan-Caritasdirektor München und Freising 

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