Wird gute Pflege bald zum Luxusgut?
Fachkräftemangel, explodierende Kosten und ethische Fragen infolge neuer technologischer Möglichkeiten: Landescaritasdirektor Andreas Magg nimmt Stellung zu den großen Herausforderungen im Pflegebereich.
Ein Spaziergang im Grünen ist eine Wohltat für die Seele. Aber wie oft haben die Pflegekräfte im Alltag schon dafür Zeit? Foto: © imago/Westend61
Aus dem Bereich Pflege hört man in den Medien oft Negatives, vom „Pflegenotstand“ und ständig steigenden Kosten ist die Rede. Wie dramatisch ist aktuell die Situation in Bayern?
Andreas Magg: Für die Häuser und die Infrastruktur fallen Kosten unabhängig davon an, ob sie belegt sind oder nicht. Geld kommt nur rein, wenn Plätze belegt sind. Wir haben derzeit in etwa eine durchschnittliche Belegquote von nur knapp 90 % in den Pflegeheimen, vor allem weil uns geeignetes Personal fehlt. Da wird es schon sehr knapp, die Kosten alle zu decken. Trotzdem konnten Schließungen von Häusern weitgehend vermieden werden. In der ambulanten Pflege ist es ähnlich. Auch hier fehlt Personal, sodass wir uns schwertun, den tatsächlichen Bedarf insbesondere in den ländlichen Regionen Bayerns zu decken. Große Sorgen macht uns die demografische Entwicklung, die darauf hindeutet, dass sich das Problem noch weiter verschärfen wird.
Inwieweit ist es ein Problem, dass Pflege als Geschäftsmodell verstanden wird, und welche Position nimmt auf diesem „Markt“ die Caritas ein?
Magg: Wir sind gemeinnützig, wir haben also keine Gewinnerzielungsabsicht, anders als beispielsweise private Anbieter. Und wir sind einer der größten Anbieter von Pflegeleistungen in Bayern. Das ist zum einen historisch begründet, zum anderen haben wir durch unseren Arbeitstarif attraktive Konditionen für Mitarbeitende. Allerdings muss man feststellen, dass durch die zunehmende Ökonomisierung der Pflege bei gleichzeitig immer enger werdenden gesetzlichen Vorgaben und hohem Kostendruck die Qualität der Pflege für die Klienten nur schwer aufrechtzuerhalten ist oder die Kostenbeiträge der Pflegebedürftigen steigen. Dass gute Pflege so zu einem Luxusgut wird, gilt es auf jeden Fall zu verhindern.
An welchen Lösungsstrategien zur Verbesserung der Pflegesituation in Bayern arbeiten Sie derzeit?
Magg: Einen Königsweg gibt es nicht, aber wir versuchen uns in allen Richtungen: Anwerbung ausländischer Fachkräfte, Einsatz neuer Technologien, die die Pflegekräfte entlasten, Verbesserung der Ausbildung in unseren Pflegeschulen und auch Druck auf den Kostenträger, entsprechende Investitionen zu tätigen. Mit der freien Wohlfahrtspflege wird derzeit auch ein Springerkonzept getestet, um mehr Flexibilität in der Personalplanung zu gewinnen.
Was ist Ihre wichtigste Forderung an die Politik?
Magg: Um die Situation in der Pflege zu verbessern, hilft nicht nur eine Forderung, sondern wir müssen an vielen Stellschrauben drehen: Deckelung des Eigenanteils der Pflegebedürftigen und gleichzeitige Anhebung des Kassenanteils, noch schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, deutlicher Abbau der bürokratischen Vorgaben, höhere Investitionsanteile für Digitalisierung und Innovation. Das alles wird nicht sofort wirken, aber wir müssen damit sehr bald anfangen.
Die Zukunft in der Pflege wird auch von technischen Neuerungen – einschließlich Pflegerobotern und künstlicher Intelligenz – bestimmt. Welche Rolle wird da noch die unmittelbare Zuwendung von Mensch zu Mensch spielen?
Magg: Menschliche Zuwendung und Wärme im Umgang werden in der Pflege auch weiterhin einen sehr hohen Stellenwert einnehmen. Dass langfristig Pflegekräfte durch einen Roboter ersetzt werden, der körpernahe Dienste tut, sehe ich noch nicht. Allerdings können andere Aufgaben gut von Maschinen oder Software gemacht werden, insbesondere bei der Dokumentation und der Verwaltung. Wenn das Pflegekräfte entlastet und ihnen mehr Zeit für die Pflegebedürftigen schafft, ist das eine gute Sache.
(Interview: Joachim Burghardt)



