Wenn Foodfluencer Coolcations machen
Influenza ist viral und geht oft mit Durchfall einher. Influencer gehen auch viral und haben auch mitunter Durchfall – Sprachdurchfall („Logorrhoe“). Ein Praxisbesuch mit der maladen Sprache der Dichter und Denker.
Ein Foodfluencer fotografiert sein Essen. Foto: © imago/Cavan Images
„Die deutsche Sprache besticht durch ihre Präzision, Ausdrucksstärke und Fähigkeit zur Bildung nuancierter Komposita. Sie ermöglicht präzise Beschreibungen von philosophischen und wissenschaftlichen Konzepten, bietet eine reiche poetische Tradition und verbindet logische Struktur mit emotionaler Tiefe, was sie zu einem unverzichtbaren Werkzeug der Literatur, Wissenschaft und Kultur macht.“ So weit die KI. Zack! Wer braucht da noch echte Dichter und Denker?
Und die Realität? Die krankt – und zwar gewaltig. Im Netz warb kürzlich eine PR-Agentur für das Baltikum als Urlaubsregion. Dagegen ist nichts einzuwenden; das Baltikum ist allemal und immer wieder eine Reise wert. Für Entsetzen sorgte vielmehr das Vokabular, das dafür verwendet wurde. Der Leser – und die Leserin – erfuhren nämlich gemeinsam, dass Urlaubende „im Jahr 2026 zunehmend auf ,Quietcations‘ setzen, bei denen viel Zeit in der Natur, Digital Detox und authentische Erlebnisse im Vordergrund stehen“. Im Baltikum könnten sich die Gäste „ein besonders individuell zugeschnittenes Quietcation-Programm zusammenstellen“ und so „zu Ruhe und Entspannung finden, um neue Kraft zu schöpfen“.
Kofferworte als pathologisches Leiden
Was ist da schiefgelaufen? Klare Diagnose: Kofferwortitis. Dabei bildet das aus dem Griechischen entlehnte Suffix „-itis“ eine häufige medizinische Endung, die eine Entzündung oder entzündliche Erkrankung kennzeichnet. Ein Mensch mit Kofferwortitis bildet also pathologisch Kofferwörter. Kofferwörter entstehen durch die Verschmelzung zweier Wörter zu einem neuen Begriff, der – im besseren Fall – inhaltliche Elemente von beiden enthält. Das Ziel ist, prägnant neue Phänomene zu beschreiben, etwa „Brunch“ aus „Breakfast“ und „Lunch“ oder „Motel“ aus „Motor“ und „Hotel“; ein Motel ist also ein Herbergs-Drive-in direkt an der Schnellstraße. Weitere Beispiele für Kofferwörter sind „Denglisch“ für eine Kreuzung aus Deutsch und Englisch oder der denglische „Smog“ für Rauch (smoke) und Nebel (fog).
Schauen wir uns also das Baltikum als „Destination“ mit diesem Wissen an: Man setzt also „im Jahr 2026 zunehmend auf ,Quietcations‘“. „Quiet“ bedeutet ruhig; und „-cations“ sind der Rumpf von „vacations“, also Ferien. Im Baltikum soll man also Ruhigferien machen – oder ruhig Ferien? Man kann dort im Übrigen wegen der günstigen klimatischen Lage auch „Coolcations“ machen; noch so ein Koffachbegriff – der logischerweise seine Entsprechung in „Hotcations“ hat, also einem Strandurlaub in Tunesien oder einem Wandertrip in der Kalahari. Semantisch schwierig wird es, wenn man es dort „sehr cool“ findet.
Von Einfluss und Ausfluss
Nun kommen Kofferwörter nicht zwingend aus dem Tourismussektor, auch wenn der Begriff dies nahelegen würde. Ein regelrechter Born von Kofferwörtern sind sogenannte Influencer; nicht zu verwechseln mit Influenza – auch wenn beide einiges gemeinsam haben. Influenza ist viral und geht meist mit Durchfall einher. Influencer gehen auch viral und haben mitunter ebenfalls Durchfall – Sprachdurchfall. Da beginnt das Problem: Influencer wollen mit Worten Einfluss nehmen, haben aber Wort-Ausfluss („Logorrhoe“); und zwar so sehr, dass sie sogar vor ihrer eigenen Berufsbezeichnung nicht Halt machen.
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Längst sind diese Einflussnehmenden dazu übergegangen, sich selbst zu verkoffern mit ihrem vermeintlichen Fachgebiet. So sollen etwa Petfluencer Menschen sein, die Produkte für Haustiere vermarkten; Medfluencer posieren mit Gesundheitsthemen; Pilzfluencer können’s mit Waldbewohnern, Finfluencer mit Aktien und ETFs. Und Inkluencer setzen sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung ein. Eine besondere Spezies sind sogenannte Christfluencer. Sie machen nicht, wie dieser verbale Unsinn nahelegen würde, von Beruf Jesus flüssig, sondern inszenieren über Social Media ihre persönlichen Glaubens- und Wertvorstellungen. Geist war gestern geil – kriegen wir wohl auch nicht wieder rein. Heute ist Christfluence. – Und: Vergessen Sie bitte nicht, sich nach Ihrer Quietcation im Baltikum bei Ihren „Vacfluencenden“ zu bedanken – für die Coolperience.
Alexander Brüggemann



