Zukunft
29.07.2025


Klimawandel

Die Tage der Gletscher sind gezählt

Eis und Firn am Großglockner schwinden rapide, die Alpen sind stille Zeugen der Klimakrise. Die Zukunft wird wohl gletscherfrei sein.
    

Die Glocknergruppe in den Hohen Tauern im Frühsommer 2025: Links der Großglockner, in der Mitte das Tal der Pasterze, die zu einem kümmerlichen Rest zusammengeschmolzen ist. Anstelle des einst mächtigen Gletschers beherrschen ein Gletschersee und öde Fels Die Glocknergruppe in den Hohen Tauern im Frühsommer 2025: Links der Großglockner, in der Mitte das Tal der Pasterze, die zu einem kümmerlichen Rest zusammengeschmolzen ist. Anstelle des einst mächtigen Gletschers beherrschen ein Gletschersee und öde Fels Foto: © imago/imagebroker

Wer sich in diesen Tagen in die Berge aufmacht, gerade in die höheren, kann direkt auf den Spuren des Klimawandels wandern. Etwa am Großglockner, dem mit 3.798 Metern höchsten Berg von Österreich. Die markante Spitze gehört zur Glocknergruppe, einer Bergkette im mittleren Teil der Hohen Tauern.

Wo man als Kind noch auf die Pasterze steigen konnte – so heißt der größte und längste Gletscher der Ostalpen, der neuntgrößte der Alpen –, da geht es heute 200 Meter hinunter in eine trockene Mulde. Die maximale Eisdicke wurde 1995 gemessen: 275 Meter. Seit 1850 ist die Gletscherzunge um mehr als 2,5 Kilometer zurückgewichen. Das Volumen der Gesamteismenge hat sich von 3,5 auf 1,77 Kubikkilometer nahezu halbiert.

„Die Gletscher sind zum Tode verurteilt“

Das Schmelzen hat gravierende Auswirkungen für die dortigen Ökosysteme – und verantwortlich ist der Klimawandel. Seit 1850 ist dies belegt; seitdem haben die Eispanzer bereits mehr als 60 Prozent ihres Volumens verloren. Und Jahr für Jahr geht es schneller: In den vergangenen zehn Jahren waren Rückgänge von 100 Metern an einem einzigen Gletscher keine Seltenheit mehr. Die Nationalpark-Rangerin Lilli Rieger spricht es klar aus: „Die Gletscher sind zum Tode verurteilt“, sagt sie.

Das heute noch sichtbare Gletschertor der Pasterze wird in 20 Jahren verschwunden sein. Ein deutlich erkennbarer riesiger Felszacken, der Kleine Burgstall (2.709 Meter) unterhalb des Johannisbergs (3.460 Meter) im Glocknergebiet, war vor 120 Jahren noch mit Eis bedeckt. Heute ragt er mehrere 100 Meter an der Moräne auf. „Schockierend ist das“, findet Rieger.
    

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Jeder kann etwas tun

Sie erläutert die riesigen Masseverluste seit der Jahrtausendwende. Allein ab 2010 ist aus dem ewigen Eis der 48 Meter tiefe Pasterzensee entstanden. 2023 war ein Jahr der Negativ-Rekorde – 200 Meter hat der Gletscher verloren. „Klar, dass uns das alles sehr nachdenklich stimmt.“ Deshalb möchte die Mölltalerin mit ihren wöchentlichen Exkursen im Nationalpark Hohe Tauern mehr Bewusstsein schaffen. Wer mit ihr auf die Pasterze geht, soll etwas mit nach Hause nehmen: Jede und jeder kann etwas dafür tun, dass die Erderwärmung gebremst wird.

Denn in den kommenden Jahren ist damit zu rechnen, dass ein Drittel der Alpengletscher komplett verlorengeht. Selbst wenn man es schaffen würde, 2026 alle Treibhausgas-Emissionen einzustellen, ist es wohl unmöglich, den Verlust zu bremsen. Macht der Mensch weiter wie bisher, haben die Eispanzer der Alpen keine Chance mehr: Fachleute rechnen damit, dass im Jahr 2100 alle Alpengletscher verschwunden sein könnten.

Ein Rekordsommer jagt den nächsten

Denn es wird stetig wärmer. Ein Rekordsommer jagt den nächsten. Frosttage nehmen ab, Hitzetage zu. In den Hochlagen steigt die Temperatur noch schneller als im globalen Durchschnitt: In den Ostalpen stieg die Temperatur in den vergangenen 100 Jahren um rund zwei Grad – doppelt so hoch wie der weltweite Durchschnitt. Hochalpin war der Bergsommer 2022 mit 2,9 Grad Erwärmung ein heißes Notsignal. Die winterliche Null-Grad-Grenze ist seit 1961 um 300 bis 400 Meter gestiegen. Auch fällt weniger Schnee: In Höhen um 2.000 Meter ist er um 20 Prozent zurückgegangen. Alle Warnlampen müssten hell blinken – nicht nur in den Wintersportgebieten.

Das alles spiegelt sich sozusagen im Gletschersee, an dem Lilli Rieger mit ihrer Gruppe entlangsteigt. Hinweistafeln künden vom Verlust, Jahr für Jahr, scheinbar unaufhaltsam. Dabei sind die Folgen weitreichend. Vom Wasser der Gletscher hängt viel ab. Allein von der Pasterze werden über eine elf Kilometer lange Leitung die Stauseen Mooserboden und Wasserfallboden auf 2.036 Metern Seehöhe bei Kaprun gespeist. In den mächtigen Staumauern, die das Wasser zurückhalten, wird das ganze Jahr über mittels Turbinen Strom produziert.
   

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Ohne Eis bleibt eine Schuttlandschaft

Selbst der Bergsport ist in Mitleidenschaft gezogen – auch im Sommer. Ohne Eis bleibt eine Schuttlandschaft zwischen den einstigen Eisgipfeln zurück: alles andere als schön und vor allem ernsthaft gefährdend. Denn die Felswände verlieren ihre Stützen durch das Gletschereis. Steinschläge, Hangrutsche und Felsstürze nehmen zu. Starkregen als Folge des Klimawandels macht das Wegesystem der Alpenvereine instabil. Steile Felswände sind für Kletterer brüchig geworden.

Pause auf dem Gletschereis. Die Rangerin blickt hinauf zu den Gipfeln. Wehmut macht sich breit. Aber auch ein mutiger Blick nach vorne. Rieger will, dass ihre Bergwelt erhalten bleibt. Deshalb führt sie Touren. Deshalb erläutert sie Zusammenhänge, zeigt Ursachen und Wirkung. Deshalb findet sie eindringliche Worte: damit auch die kommenden Generationen noch Gletschereis spüren können.

Wolfgang Duschl 

KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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