„Die Hölle wird computerisiert sein“
KI, Transhumanismus, Ausgreifen über die Erde hinaus – nicht nur im kalifornischen Silicon Valley fliegen derzeit die Gedanken ganz hoch. Einer hat all das schon lange vorgedacht – doch er wurde zunehmend pessimistisch.
Der 81-jährige Stanislaw Lem im Jahr 2002 in seinem Haus in Krakau. Foto: © imago/TT
„Was sagt die Physik über das Glück?“ – „So viel wie über das Klatschen mit einer Hand ...“ Ein Dialog aus Stanislaw Lems Roman „Fiasko“ (1986), der viel über den Visionär und Gestalter künftiger Welten aussagt. Denn trotz seiner immer neuen Versuche zwischen sprühender Ironie und Zynismus, das Glück literarisch zu entwerfen, wurde Lem im Alter selbst zum Pessimisten. Vor 20 Jahren, am 27. März 2006, starb der eigenwillige Science-Fiction-Autor mit 84 Jahren in Krakau.
Über Jahrzehnte faszinierte der scharfsichtige Zyniker Lem – mit einem Intelligenzquotienten von 180 soll er das intelligenteste Kind in ganz Südpolen gewesen sein – seine Leser mit Voraussagen wie der Biotechnologie und des Internets. Doch als diese später Wirklichkeit wurden, ging er auf kritische Distanz zum „Infoterrorismus“ von Unterhaltungselektronik und World Wide Web.
Verfall von Fantasie und Intelligenz
Immer mehr technische Leistung gehe „paradoxerweise mit einem Verfall von Fantasie und Intelligenz“ einher, so Lem. Die Menschen würden zu Informationsnomaden, die nur noch „zusammenhanglos von Stimulus zu Stimulus hüpfen“; unmöglich, so noch verschiedene Quellen und Meinungen zusammenzubringen, um ein vollständiges Wissensbild von einer Sache zu gewinnen. Die derzeitigen hitzigen Debatten über Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche zeigen nur einmal mehr Lems Hellsichtigkeit.
Zielscheibe seiner gesellschaftlichen Fundamentalkritik war letztlich gar nicht die Technik, sondern sein eigentlich zentrales Forschungsobjekt: der Mensch selbst. In der Rückschau auf seinen ersten Roman hält der rastlose Denker fest, was tatsächlich die Science-Fiction-Literatur an sich zu prägen scheint: Die angenommene Weiterentwicklung einer künftigen Gesellschaft bleibt immer meilenweit hinter dem technischen Fortschritt zurück. Am Baum der Erkenntnis zu sägen, so war der Moralist und Agnostiker überzeugt, führt nur selten zu echtem Fortschritt der Spezies Mensch.
Satirische Anflüge auf neue Welten
Seine humoristischen Ausflüge ins All, seine satirischen Anflüge auf neue Welten wie in den „Sterntagebüchern“ sind die andere, die unterhaltsame Seite seines breit gespannten Werkes. Sein genialer Erfinder Trurl etwa, der zwei Bände lang auf kybernetische Weise hartnäckig die glückliche Zivilisation erschaffen will – und damit immer wieder kläglich scheitert.
Seine in den „Experimenta Felicitologica“ fabrizierten Gesellschaften gehen ein, ersticken sich gegenseitig mit Gut-Sein und „Heil“-Rufen oder vermehren sich vor Glück und Lebenslust bis zum totalen Kollaps ihres Lebensraums. Universelle Glückseligkeit will sich einfach nicht programmieren lassen. In der Novelle „Tagebuch“ (1969) beschreibt Lem einen selbstvergessenen Roboter als „Salvator salvandus“ – der also als Schöpfer selbst der Erlösung bedarf und seinen Geschöpfen befiehlt, nach seinem, des Erlösers, eigenem Lebenssinn zu forschen.
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Ohne lila Glühmännchen
Zu internationaler Bekanntheit gelangte Lem auch als derjenige, der Science-Fiction literarisch hoffähig machte. Krakenwesen, lila Glühmännchen oder außerirdische Attacken auf New York oder San Francisco sucht man in seinen Romanen vergeblich. Denn die Verschiedenheit anderer Lebensformen, glaubte er, könnte eine totale sein: kein gegenseitiges Erkennen, kein Kontakt möglich, so sehr man ihn auch erzwingen will.
Die Sicht des Menschen, der bei seinen Expeditionen zwar Grenzen durchbricht und über sich hinauszuwachsen scheint, muss doch immer eine anthropozentrische bleiben; seiner Fähigkeit zur Erkenntnis sind schlicht Grenzen gesetzt. Die galaktische Perspektive für sein Werk hat Lem daher ganz bewusst gewählt: Geh weiter weg von dir, damit du dich selbst besser erkennen kannst.
Polnisch-jüdische Arztfamilie
Physiker, Mediziner, Theologe, Kybernetiker, Philosoph – sie alle waren ein Teil von Lem, dem Vielbegabten. 1921 im heute ukrainischen Lviv (Lemberg) in eine polnisch-jüdische Arztfamilie geboren, begann er 1940 ein Medizinstudium, das vom Krieg unterbrochen wurde. 1944 wurde die Familie nach Krakau vertrieben.
Dort schrieb Lem 1946 seine erste Novelle und setzte das Medizinstudium fort; daneben absolvierte er ein umfassendes Privatstudium in Physik, Biologie, Kosmologie und Philosophie. Nur kurz war Lem als Arzt tätig; seit Anfang der 50er Jahre arbeitete er als freier Schriftsteller. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der polnischen Zensur konnte er aufgrund wachsender internationaler Bekanntheit seine Werke später ohne größere Probleme auch im Inland verlegen lassen.
Bis zuletzt schrieb Lem Zeitungskolumnen und Romane auf einer alten mechanischen Adler-Schreibmaschine. Denn der Erdenker und Entlarver künftiger Welten war überzeugt: „Sollte die Hölle existieren, so wird sie computerisiert sein.“
Alexander Brüggemann



