Biotop und "Andersort"
Der Friedhof als Oase für Mensch und Tier
Der Klimawandel macht auch vor dem Münchner Waldfriedhof nicht halt: Trockenheit, Schädlinge und Unwetter setzen den Bäumen zu. Es ist nicht die einzige Veränderung auf dem größten Gottesacker der bayerischen Landeshauptstadt.
Im alten Teil des Münchner Waldfriedhofs. Foto: © imago/Michael Westermann
Die Bäume sind an diesem kühlen Morgen im Oktober in dichten Nebel gehüllt, es liegt ein würzig-modriger Geruch in der Luft. Arndt Schulte Döinghaus (45) zieht den Reißverschluss seiner Allwetterjacke hoch. Seit 15 Jahren ist er bei der Münchner Friedhofsverwaltung beschäftigt. Als Leiter „Friedhofsentwicklungsplanung“ ist er für die Schaffung neuer Strukturen auf den Gräberfeldern sowie Grünflächen aller Friedhöfe verantwortlich. Seine Abteilung besteht so erst seit einem guten Jahr. „Unser Ziel ist es, das Erscheinungsbild der Münchner Friedhöfe gestalterisch und ökologisch weiterzuentwickeln.“
Also wie ein Förster, nur ohne Gewehr und Jeep? Nein, erstens besitze er gar keinen Jagdschein, lacht er, und zweitens sei er gelernter Landschaftsarchitekt und Landschaftsgärtner. Schöner Nebeneffekt: Seine Arbeit stärke auch seine eigene Naturverbundenheit: „Hier durchzulaufen ist Digital Detox (also eine Auszeit von jeglichen digitalen Medien, Anm. d. Red.) auf feinste Art“, schwärmt Schulte Döinghaus.
Ruhe statt Radau
Tatsächlich lädt der Münchner Waldfriedhof zum Innehalten ein, denn hier gilt: Ruhe statt Radau. Nur an wenigen Orten stört hier der Autolärm der nahen Autobahn A95, größtenteils wird er von Vegetation und Wald weggefiltert. „Schauen Sie, der Bussard da oben!“, sagt Schulte Döinghaus und zeigt auf den imposanten Greifvogel, der in die Ferne fliegt. Das dichte Blätterdach der Bäume rauscht und raschelt, unter den Schuhen knacken heruntergefallene Eicheln. Wie es den Bäumen hier in Zukunft gehen wird, ist allerdings fraglich. Der Klimawandel macht nämlich auch vor den Münchner Friedhöfen nicht halt: Buche und Fichte gehören schon jetzt zu den Verliererinnen, sie werden kahler und drohen abzusterben. Trockenheit und Sturmereignisse machen den Gewächsen zu schaffen, Schädlinge wie der Borkenkäfer tun ihr Übriges.
Wie umgehen mit Baumbeständen, die in den nächsten Jahrzehnten kaum noch Bestand haben werden? Präventiv einzugreifen ist nur in geringem Maße möglich, erklärt Schulte Döinghaus. Der Waldumbau zu einem stabilen Laubmischwald sei auf lange Sicht unvermeidlich. „Wir müssen die Vegetation auf klimaresilientere Gehölze umwandeln, die mehr Trockenheit und Hitze aushalten. Das sind Bäume aus den Mittelmeergebieten, die Flaum-Eiche, die Zerr-Eiche oder die ungarische Eiche“, sagt Schulte Döinghaus und grüßt per Handzeichen einen vorbeifahrenden Kleinlasterfahrer.
Trend zur Urnenbestattung
Die Sonne wagt sich so langsam aus der Wolkendecke, der Nebel löst sich auf. „Ist doch schön hier, oder?“ Schulte Döinghaus atmet tief ein. Vor ihm liegen Urnenfelder. Seitdem die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Feuerbestattung als gleichwertig zur Erdbestattung anerkannte, gehe der Trend immer mehr zur Urnen-Beisetzung. Rund 70 Prozent der Beerdigungen auf dem Waldfriedhof finden so statt, im Wesentlichen aufgrund geringerer Kosten und weniger Pflegeaufwand für die Angehörigen. Obwohl die Sargbestattung die deutlich umweltfreundlichere Methode ist, da die Krematorien viel Energie verbrauchen und CO2 ausstoßen.
Während es in den 1980er-Jahren noch als pietätlos galt, die Abwärme eines Krematoriums anderweitig zu verwenden, ist dies mittlerweile Standard. Heute werde die Abwärme des Kremationsprozesses zum Beheizen der Friedhofsgebäude genutzt und gleichzeitig aus der Wärme über einen technischen Prozess Kälte für die Leichenkühlung gewonnen, erklärt Schulte Döinghaus. Auch das Grundwasser des Sees im Neuen Teil des Friedhofs wird für die Kühlung der Gebäude genutzt, in denen die Verstorbenen bis zur Bestattung gelagert werden.
Friedhöfe sind „Andersorte“
Friedhöfe sind – ähnlich wie sakrale Räume und Bibliotheken – Orte, die zwar fest in den Alltag und das Leben der Gesellschaft eingebunden sind, aber ihren eigenen Gesetzen folgen. Statt Trubel herrscht hier größtenteils Stille. Der Philosoph Michel Foucault nannte solche Orte einmal Heterotopien – „Andersorte“. Dabei wusste er bereits, dass sie nicht unveränderlich sind: Wandelt sich die Gesellschaft, wandeln sich auch ihre Heterotopien. Der Wandel der Friedhofskultur lässt sich nicht nur am Trend von der Sarg- zur Urnenbestattung ablesen, sondern auch an der verstärkten Sekundärnutzung von Friedhöfen. Schließlich haben Begräbnisstätten in urbanen Räumen eine zusätzliche Funktion: Sie dienen nicht nur der Bestattung, sondern auch als Naherholungszone, speziell seit der Corona-Pandemie, berichtet Schulte Döinghaus.
Die Friedhofsverwaltung beobachte dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Friedhöfe müssen im urbanen Kontext schon auch was aushalten können“, meint er. Man dürfe als Besucher durchaus Kastanien sammeln oder ein Buch lesen, aber Geburtstagsfeiern mit Bierzeltgarnituren, Fahrrad-Touren oder Jogging-Runden, wie sie auf einigen Friedhöfen Münchens bereits vorkommen, würden für ihn die Grenzen überschreiten. Grundsätzlich ist er jedoch gegenüber mehr weltlichen Aktivitäten auf Friedhöfen offen: „Warum nicht auch mal über Handy-Ladestationen oder Getränkeautomaten am Eingang nachdenken?“, fragt er. Wohlwissend, dass solche Ideen sicher nicht bei allen gut ankommen.
Biotop im Friedhof
Über einen Kiesweg im Neuen Teil in der Nähe des künstlich angelegten Sees watschelt gemütlich vor sich hinquakend eine Ente, sie lässt sich selbst von Spaziergängern nicht aus der Ruhe bringen. Die großen Wiesen werden hier auch zukünftig nicht zur Bestattung freigegeben werden. Sie dienen als eingetragenes Biotop im Friedhof, als Kontrast zu den dicht bebauten Gräbern. Mehrere Gärtner sind im Einsatz und kümmern sich um die Gräberfelder. Schulte Döinghaus beendet seinen Rundgang mit einem Zitat des Schweizer Landschaftsarchitekten Dieter Kienast: „Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum.“
Wanja Ebelsheiser
MKR-Magazin Episode vom 24.10.2024 Kapitel "Friedhofsbäume" ab 7:35 min.



