Kultur und Wissen
25.07.2025

Jugendliche forschen im Diözesanarchiv 

Bei einem Studientag der Begabtenförderung der Erzdiözese konnten Gymnasiasten spannende Einblicke in historische Dokumente nehmen. Mithilfe von Originalquellen aus dem Diözesanarchiv recherchierten sie Geschichten von Katholiken, die im Zweiten Weltkrieg wegen ihres Glaubens gelitten hatten – und hielten ihre Erkenntnisse gleich im Anschluss in einem Podcast fest. 
    

Nach den Recherchen wurde im Studio des Michaelsbunds gleich ein Podcast aufgenommen. Nach den Recherchen wurde im Studio des Michaelsbunds gleich ein Podcast aufgenommen. Foto: © SMB

Vielleicht waren die Jugendlichen bei ihrem Besuch im Diözesanarchiv anfangs sogar ein bisschen enttäuscht, als sie sich in einem kahlen Raum mit Konferenztisch und Beamer wiedergefunden haben. Denn die Schätze des Archivs sind zum Großteil gar nicht in der Hauptstelle in der Karmeliterstraße gelagert, sondern in einem Außenlager.  

Rund 12 Kilometer wäre die Reihe der Regalbretter lang, auf denen die Dokumente liegen, wenn man sie aneinanderlegen würde, erklärte Archivar Dr. Roland Götz den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Studientags der Begabtenförderung der Erzdiözese München und Freising. Acht Schülerinnen und Schüler der 9. bis 11. Jahrgangsstufe verschiedener Gymnasien hatten sich dazu angemeldet.

Überraschende Fundstücke 

Zum Glück kann man die meisten Unterlagen auch digital ansehen. Das wurde natürlich gleich ausprobiert, zum Beispiel mit dem Suchbegriff „Karfreitag“. Ganze 26 Treffer ergab die Suche. Darunter erwartbare Ergebnisse wie die Bitte einer Pfarrei um die Erlaubnis, ein Heiliges Grab errichten zu dürfen. Aber auch Unerwartetes: „Fehlverhalten des Kooperators Michael Beitl, dessen Flucht mit seiner Köchin sowie Neubesetzung der Kooperatur“ hieß eine Meldung aus dem 17. Jahrhundert. Darin ging es unter anderem um die Zeugung eines Kindes, häufige Wirtshausbesuche mit Raufereien sowie das Vergessen der konsekrierten Hostie in der Sakristei am Karfreitag“.  

Welch spannende Fundstücke im Archiv schlummern, zeigt auch der Fall von afrikanischen Jugendlichen, die Herzog Max in Bayern 1838 auf dem Sklavenmarkt in Kairo gekauft hatte. Die Jugendlichen durften bei ihrem Besuch im Archiv die echten Quellendokumente dazu sehen: ein Taufbuch, in dem die Namen der Jungen eingetragen waren, eine Beilage dazu, in der unter anderem stand, wie teuer die Kinder gewesen waren und ein liturgisches Buch, ein „Rituale“, in dem beschrieben wird, wie Taufen vonstattengehen, in denen nicht Säuglinge getauft werden. Mit großer Ehrfurcht wurden die Dokumente herumgereicht.  
     

Anzeige

Katholische Laien in der NS-Zeit 

Dann endlich durften die Jugendlichen selbst aktiv werden – allerdings mit Geschichten aus der jüngeren Vergangenheit. Götz verteilte Kopien eines Fragebogens, der nach dem Zweiten Weltkrieg an alle Pfarrer im Erzbistum ausgegeben worden war. Darin wurde abgefragt, welchen Repressalien Laien in der jeweiligen Pfarrei unter der Nazi-Diktatur aufgrund ihres katholischen Glaubens ausgesetzt waren. Der damalige Pfarrer von Holzkirchen hatte über eine ganze Reihe von Fällen berichtet und sie netterweise auch mit Schreibmaschine aufgeschrieben.  

Darin ging es unter anderem um Frauen, die dagegen protestiert hatten, dass Schulkreuze ab- und Bilder von Adolf Hitler aufgehängt werden sollten. Oder um einen Beamten, der an einer Fronleichnamsprozession teilgenommen hatte und dafür bestraft worden war. Oder um einen Theologiestudenten, der verhöhnt wurde. Und um eine Frau, die von ihren Arbeitskolleginnen denunziert wurde, weil sie den Überfall auf die „Tschechei“ als „Raubzug“ bezeichnet hatte – und deshalb ihren Job verlor. Zu diesen Fällen recherchierten die Jugendlichen in Zweier-Teams weiter – mithilfe von Büchern, die Götz zur Verfügung stellte, und natürlich auch im Internet. Dazu hatten sie eine gute halbe Stunde Zeit.

Jugendliche machen eigenen Podcast

Dann sollten sie ihren eigenen Podcast machen. „Der Mensch hinter der Nummer“ – so der Titel. Denn jedes Dokument im Archiv hat eine Nummer und in jedem dieser Dokumente geht es um echte Menschen. Warum das Verhalten den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge war und wie die Jugendlichen heute dazu stehen – das waren die Leitfragen für die Folgen, die am Nachmittag mit ihnen im Michaelsbund-Talkstudio aufgenommen wurden.  

Es ist erstaunlich, wie viel die Jugendlichen in dieser kurzen Zeit über die Ereignisse und die historischen Umstände herausfanden. Und wie großartig sie die Dinge in den Aufnahmen auf den Punkt brachten. Viele fanden in den kleinen Widerstandshandlungen ihre persönlichen Heldinnen. 

[inne]halten - das Magazin 14/2026

Seit 1901 am Puls der Zeit

Der Sankt Michaelsbund, das katholische Medienhaus in Bayern, wird 125 Jahre alt

Lesen Sie im [inne]halten-Magazin unseren Themenschwerpunkt und weitere Geschichten und Berichte aus dem kirchlichen Leben.

Nur kurze Zeit zum Recherchieren 

Katharina Sturm von der Begabtenförderung hat das Projekt organisiert. Sie wollte den Jugendlichen das Archiv wie auch das Medium Podcast näherbringen und war am Ende des Studientages begeistert: „Vor allem bin ich beeindruckt, weil die Schülerinnen und Schüler ja wirklich ins kalte Wasser geworfen wurden. Sie mussten sich auf die Themen einlassen, hatten nur kurz Zeit, zu recherchieren und dann mussten sie liefern. Und das haben sie toll gemacht!“ 

Und davon darf sich jeder und jede gerne selbst überzeugen. Hier sind die Ergebnisse des Studientages

Trailer - Der Mensch hinter der Nummer


Ausschluss aus der Partei wegen Teilnahme an der Fronleichnamsprozession


Strenge Verwarnung und Belehrung wegen Protests gegen Schulkreuzentfernung


Verhöhnung eines Theologiestudenten


Entlassung wegen Benennung des Tschechien-Überfalls als Raubzug
Digitales Archiv des Erzbistums 

Das Digitale Archiv des Erzbistums München und Freising ist kostenlos und ohne Anmeldung unter www.erzbistum-muenchen.de/archiv-und-bibliothek/digitales-archiv erreichbar. In den Bereichen „Recherche“ und „Pfarrmatrikeln“ geht es direkt in die vorhandenen Bestände, z. B. zu den Matrikelbüchern einer bestimmten Pfarrei; unter „Anleitungen“ und „Hilfe“ gibt es nützliche Tipps zur Nutzung des Digitalen Archivs. 

Die ausführliche Geschichte der „Mohren des Herzogs“ gibt es mit allen dazugehörigen Dokumenten hier
Eindrücke vom Studientag
Brigitte Strauß-Richters
Artikel von Brigitte Strauß-Richters
Redakteurin