Kultur und Wissen
27.03.2026

Ausstellung

„Hier werden Menschen gezeigt“

Der Vesuv-Ausbruch im Jahr 79 forderte Tausende Tote. Heute zieht der Archäologiepark im süditalienischen Pompeji jährlich vier Millionen Besucher an. Leiter ist seit 1. April 2021 ein „deutsch-italienischer Europäer“.

Gipsabguss des Hohlraums, den ein Mensch beim Vulkanausbruch hinterlassen hat – ein Exponat in der Ausstellung des Archäologieparks Pompeji. Gipsabguss des Hohlraums, den ein Mensch beim Vulkanausbruch hinterlassen hat – ein Exponat in der Ausstellung des Archäologieparks Pompeji. Foto: © Sabine Kleyboldt/KNA

Zum fünfjährigen Jubiläum als Direktor des weltberühmten Archäologieparks Pompeji hat Gabriel Zuchtriegel einen besonderen Akzent gesetzt: Erstmals werden die Funde der süditalienischen Stadt, wo im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuvs Tausende Menschen ums Leben kamen, systematisch präsentiert. Die neue Dauerausstellung trägt die Handschrift des deutschen Archäologen – fachlich wie ethisch.

„Mir ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass hier keine antiken Statuen, keine Kunstwerke, sondern Menschen gezeigt werden, die durch diese schreckliche Katastrophe umgekommen sind“, betont Zuchtriegel (44), der seit einigen Jahren auch einen italienischen Pass hat. So wird am Eingang der Ausstellung in der Palestra Grande von Pompeji auf Englisch und Italienisch gewarnt, dass hier Original-Abgüsse der Opfer zu sehen sind. Wer sich den Anblick zutraue, solle mit Respekt und Stille eintreten.

Mischung aus Forschungs- und Gedenkstätte

Pompeji, herrlich in süditalienischer Landschaft nahe dem rührigen Neapel gelegen, ist für Zuchtriegel eine Mischung aus Wissenschaftsort und Gedenkstätte für die lange unter Vulkanasche vergessenen Toten der Tragödie vor 1.947 Jahren. Seit der Wiederentdeckung Mitte des 18. Jahrhunderts ist Pompeji auch eine Art Pilgerort für inzwischen jährlich rund vier Millionen Touristen.

Doch die Konservierung der extrem fragilen Ruinenstadt ist für Zuchtriegel eine Schlüsselfrage der nächsten Jahre. Daher wurden die Besucherzahlen in Italiens Vorzeigeprojekt 2025 auf 20.000 pro Tag begrenzt. Die zu zwei Dritteln ausgegrabenen Reste Pompejis sollen weiter wissenschaftlich erschlossen werden, um noch mehr über Bräuche und Herkunft der Bewohner zu erfahren.
    

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Vulkan-Disneyland gescheitert

Für Zuchtriegel, der als erster Deutscher nunmehr seit 1. April 2021 und mit erst kürzlich verlängerter Amtszeit eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Italiens leitet, darf Pompeji nicht zum Spektakel verkommen. Es sei ein Glück, dass ein vor Jahren angedachtes Vulkanzentrum mit künstlich inszeniertem Vesuv-Ausbruch scheiterte, so der aus Weingarten in Baden-Württemberg stammende Experte, der schon den Archäologischen Park in Paestum südlich von Neapel geleitet hatte.

Ebenso will er Archäologie für ein breites Publikum greifbar machen. Dazu wurde kürzlich eine YouTube-Serie über Pompeji entwickelt, bei der Zuchtriegel schon mal zwischen Ruinen antike Rezepte aus der Gegend nachkocht. Auch war es seine Idee, die Öffentlichkeit an den Ausgrabungen teilhaben zu lassen und den Einheimischen ihr Erbe näherzubringen.

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„Archäologie ist international“

Italiens Kulturminister Alessandro Giuli hatte bei der Eröffnung der Dauerausstellung Mitte März viel Lob für den Direktor. Prägt Zuchtriegel damit auch das Image der Deutschen in Italien? „Ich sehe mich überhaupt nicht als Botschafter, schließlich habe ich auch die italienische Staatsbürgerschaft“, weist er solche Zuschreibungen zurück. „Ich sehe mich als Europäer, so wie viele andere Archäologinnen und Archäologen. Wozu braucht man Botschafter auf dem eigenen Kontinent? Europa wächst zusammen, und Archäologie ist international.“

Doch zum besseren Verständnis der gemeinsamen kulturellen Wurzeln müsse auch die Schule mit Fächern wie Geschichte, Kunstgeschichte und Latein beitragen. „Ich finde es absurd, dass wir in einer Zeit, in der es um europäische Einigung geht, den Lateinunterricht streichen“, so der Autor, dessen jüngstes Buch „Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen“ sich auch um Religion dreht.

Papst Leo im Mai in Pompeji

Bei diesem Thema will der Katholik aus Oberschwaben Persönliches vom Dienstlichen trennen. „Wissenschaft sollte objektiv sein, aber sie sollte nicht außer Acht lassen, dass es um Menschen geht und dass jede Generation und jeder Einzelne mit gewissen Fragen an die Geschichte herantritt.“


Am 8. Mai, dem Festtag der Madonna von Pompeji, wird Papst Leo XIV. das dortige Marien-Heiligtum besuchen. Ob er auch im rund zwei Kilometer entfernten Archäologiepark vorbeikommt, ist noch offen. „Pompeji hat eine lange, spannende Geschichte rund um Spiritualität, Kirche und Glaube“, weiß Zuchtriegel. Gesprächsstoff hätten er und Leo XIV. sicher genug.

Sabine Kleyboldt

KNA
Artikel von KNA
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