Er war der Meister des Gemüses
Fleischlos, nur mit Gemüse – so ist es ganz modern auf deutschen und europäischen Tellern. Doch ganz neu ist es nicht. Schon vor einem halben Jahrtausend gab es einen, der die Welt vor allem durch den Gemüsekorb sah: Giuseppe Arcimboldo.
Arcimboldos Jahreszeiten-Zyklus bei einer Auktion Ende 2025 in London. Foto: © imago/Avalon.red
Eine Schüssel mit Gemüse. Na und? – Doch: Hängt man das Bild umgekehrt auf, erscheint das Porträt eines Mannes mit Rübennase und dicken Backen. Arcimboldo liebte diese Spielchen mit der Natur – und er trieb sie auf die Spitze. Er war ein rätselhafter Künstler in einer rätselhaften Zeit. Aus Obst und Gemüse, ganz fleischlos, schuf er treffende allegorische Porträts seiner Auftraggeber wie auch der vier Jahreszeiten, die man auf verschiedenen Ebenen erfassen und auch interpretieren konnte. Vor 500 Jahren, am 5. April 1526, wurde der manieristische Maler Giuseppe Arcimboldo geboren.
Arcimboldo stammte aus einer gut situierten Mailänder Familie, die Juristen, hohe Geistliche, aber auch Künstler hervorbrachte. Über seine frühen Jahre ist fast nichts bekannt; nur dass er mit seinem Vater über ein Jahrzehnt mit der Innenausstattung des Mailänder Doms beschäftigt war. Von Mailand, damals Teil der Habsburger Lande, wurde er 1562 an den Wiener Hof gerufen, wo er sich rasch einen Namen als fantasievoller und begabter Porträtmaler machte. Bald wurde er entsprechend zum „Hauskonterfetter“ ernannt.
Allegorische Brustbilder
Für Kaiser Ferdinand II. (1558–1564) und vor allem für dessen Sohn Maximilian II. (1564–1576) schuf Arcimboldo die ersten seiner allegorischen Brustbilder, die seinen Nachruhm begründen sollten: Kompositionen aus Tieren und Pflanzen, und moderner: aus Blumen, Obst, Gemüse und auch toten Gegenständen, die der Künstler souverän zu etwas Neuem zusammensetzte. Und das war keine Suppe.
Früchte zeigen eine verblüffende Vielfalt an Formen, Farben und Oberflächen. Manchmal wirken sie wie Skulpturen und Wunderwerke der Natur, sind so alltäglich wie ästhetisch. Man assoziiert Gesundheit, Genuss, Schönheit, Sommer und Leben – aber damit auch traditionell, vor allem in den Stillleben von Spätrenaissance und Barock, die Vergänglichkeit allen Seins. Arcimboldo ist bei dieser Deutung nicht stehengeblieben. Er komponiert die Gaben der Natur zu komplizierten mythologischen und teils sogar politischen Botschaften.
Pflanzenporträt des Kaisers
Wohl berühmteste Beispiele sind das Spätwerk „Vertumnus“, ein Pflanzenporträt Kaiser Rudolfs II. (1576–1612) als antiker Gott der Jahreszeiten, sowie mehrere Zyklen der vier Jahreszeiten, die auf einer Meta-Ebene das Haus Habsburg verherrlichen und ihre –ewige Herrschaft– legitimieren. Arcimboldos wohl populärstes Werk ist das Umkehrbild „Der Gemüsegärtner“ (um 1590). Es zeigt zunächst scheinbar nicht mehr als eine dunkle Tonschüssel mit Rüben, Pilzen und Zwiebeln. Doch hängt man es umgekehrt auf, so erscheint das Porträt eines nicht gerade schönen, aber gut erkennbaren Mannes mit buchstäblicher Rübennase, wulstigen Lippen und Pausbacken.
Arcimboldos Fantasie waren in dieser Epoche von Alchemie, Astrologie und Kuriositätenkabinetten mit der Malerei keineswegs Grenzen gesetzt. Der Wiener bzw. ab 1570 der Prager Hof schätzte seine Einfälle so sehr, dass er zu einer Art Hofregisseur gemacht wurde, der Feste, Umzüge, Schauspiele und sonstige Kurzweil inszenierte. Seine Kostümstudien fasste er in 145 Entwürfen zusammen und widmete sie 1585 Kaiser Rudolf II.
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Geheimnisvoller Magier
Auch als Persönlichkeit scheint Arcimboldo etwas Enigmatisches gehabt zu haben. Sein Selbstporträt zeigt einen strengen, eleganten, aber doch vor allem geheimnisvollen Magier. Mit 60 Jahren bat der Künstler, der sich alt und krank – modern vielleicht: ausgebrannt – fühlte, den Kaiser, ihn in seine Heimat zu entlassen. Rudolf II. willigte ein – allerdings unter der Voraussetzung, dass er auch von dort aus weiter für ihn arbeiten werde. Seinen „Vertumnus“ lohnte er Arcimboldo mit dem erblichen Titel eines Pfalzgrafen.
Die Rückkehr des Hofmalers nach Mailand war ein Triumph. Man huldigte ihm dort mit Elogen, wie sie zuvor nur Michelangelo und Leonardo da Vinci erhielten. Im Juli 1593 starb Arcimboldo mit 66 Jahren in seiner Heimatstadt. Damit endete nicht nur eine einmalige kulturelle Blütezeit am Prager Hof. Auch die Epoche des italienischen Manierismus neigte sich ihrem Ende zu.
Alexander Brüggemann



