Vor 150 Jahren geboren, vor 60 Jahren gestorben
Einer der letzten Universalgelehrten
Albert Schweitzer war Urwaldarzt, Musiker, Kulturkritiker, Philosoph und Theologe. Oft wird er neben Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Mutter Teresa als eine der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts genannt. Zeitlos und zugleich hochaktuell ist seine universelle Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben.
Albert Schweitzer in seinem Büro in Lambaréné. Foto: © imago/GRANGER Historical Picture Archive
Als er am 4. September 1965 im fernen Afrika starb, war die Weltpresse voller sentimentaler Nachrufe auf den gütigen „Urwalddoktor“ und das „Genie der Menschlichkeit“ (Winston Churchill). Der „Spiegel“ nannte ihn den „größten Moralisten“ und schwärmte in einer Titelgeschichte: „Er sieht aus wie ein naher Verwandter des lieben Gottes. Und er benimmt sich so. Sein Herz ist gut, sein Denken erhaben.“ Man konnte das schlechte Gewissen der profitgierigen Ausbeuter förmlich riechen, die in den einstigen Kolonien bedenkenlos abkassierten und so eine Alibifigur wunderbar brauchen konnten.
Schweitzer hätte sich bestimmt im Grab umgedreht, hätte er die verlogenen Texte noch lesen können. Von seiner Kritik an den holzköpfigen politischen Führern und seiner Lust an der Provokation war keine Rede mehr. Als ihn Goebbels nach Nazi-Deutschland einlud und seinen Brief „mit deutschem Gruß“ unterzeichnete, schickte Schweitzer postwendend eine Absage „mit zentralafrikanischem Gruß“. Gleichzeitig verstärkte er seine Bemühungen, verfolgten Juden Fluchtwege zu erschließen.
Friedensnobelpreis 1953
Im Jahr 1953 sollte er den Friedensnobelpreis erhalten. Mürrisch bat
er das Komitee in Oslo, den Termin zu verschieben; er sei gerade als
Zimmermann, Maurer und Dachdecker sehr beschäftigt – mit 78 Jahren! –
und müsse ein Dorf für 250 Leprakranke fertigbauen. Als er dann endlich
nach Norwegen fuhr, erwarteten ihn 30.000 Menschen, und für sein
Lepradorf wurde der doppelte Betrag des Nobelpreises gesammelt. Gerührt
und wütend zugleich hielt er nach der Preisverleihung eine Ansprache und
warnte die Menschen davor, sich als Übermenschen aufspielen zu wollen,
die am selbst geschaffenen Tötungspotenzial zugrunde zu gehen drohten:
Die Atombombe sei kein Schicksal und kein Naturereignis.
Vier Jahre
später strahlten 140 Radiostationen auf der ganzen Welt Schweitzers
Kritik an der nuklearen Aufrüstung der NATO aus, die Sowjetrussland in
Abwehrreaktionen hineintreibe und einen Atomkrieg in Europa
heraufbeschwöre. Die Bundesrepublik und ihren „überaus unsympathischen
Kriegsminister Franz Josef Strauß“ bat er zu überlegen, „dass die
Sowjetunion vielleicht doch nicht ganz so bösartig ist, dass sie nur
daran dächte, sich bei erster Gelegenheit auf Europa zu stürzen, um es
zu verschlingen, und vielleicht nicht ganz so unintelligent, dass sie
sich nicht überlegte, ob sie Vorteil davon hätte, sich mit diesem
unverdaulichen Brocken den Magen zu verderben“.
„Caféhaus-Pazifist“
Der deutsche Bundespräsident Theodor
Heuss – selbst ein liberal gesinnter Patriarch – nannte Schweitzer
daraufhin entrüstet einen „Caféhaus-Pazifisten“. Ungerührt verstärkte
dieser seine Kritik an „verblödeten Staatsoberhäuptern, die mit der
Atombombe spielen“, und setzte auf eine Volksbewegung von unten. Erst
recht später, als er gegen den Vietnamkrieg kämpfte.
Schweitzer bleib
dabei ein schlichter Mensch. Anfeindungen prallten ebenso an ihm ab wie
die Lobhudeleien seiner Anbeter. Nachts, als in Lambaréné alles schon
schlief, saß er beim Schein einer altmodischen Petroleumfunzel auf
seinem Hocker, schrieb Bücher und Briefe und spielte mit seinen Katzen
oder mit der jungen Antilope Bichette, die gern kulturphilosophische
Manuskripte fraß, wenn er nicht achtgab.
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Bach-Kenner und Komponist
Schweitzer galt in Straßburg als wissenschaftliche Koryphäe, als er seinen Entschluss fasste, nach Afrika zu gehen, als hervorragender Bach-Kenner und Theologe – nebenbei auch als guter Pianist, Organist und ideenreicher Komponist –, und er hat in Lambaréné im heutigen Gabun, nahe am Äquator, weiter geforscht und publiziert. Aber er begriff bald, dass es nicht auf abstrakte Wahrheiten ankommt, sondern – wie er schrieb – „dass wir durch die Liebe allein in Gemeinschaft mit Gott gelangen können. Alle lebendige Erkenntnis Gottes geht darauf zurück, dass wir ihn in unseren Herzen erleben.“ Als Universitätslehrer und Pfarrer habe er von der Liebe nur geredet – jetzt wolle er sie praktisch leben.
Dem
Leben hatte er sich verschrieben, mit allen Fasern, der Ehrfurcht vor
dem Leben, seiner zentralen Idee, weil darin „Welt- und Lebensbejahung
und Ethik miteinander enthalten sind“. Schweitzer: „Ich bin Leben, das
leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Das heißt, ethisch
handelt der Mensch erst dann, wenn er nicht nur seinesgleichen achtet,
sondern „wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und das des
Tieres wie das des Menschen, heilig ist, und er sich dem Leben, das in
Not ist, helfend hingibt.“ Oder noch kürzer: „Überall, wo du Leben
siehst – das bist du!“
Revolutionäre Idee
Auf den ersten Blick ein schöner Wandspruch. Wenn man genauer liest, aber auch eine revolutionäre Idee, die es ein für alle Mal unmöglich macht, zwischen lebenswertem und minderwertigem Leben zu trennen, ungeborenes Leben als Verfügungsmasse zu behandeln, alte, „unproduktive“ Menschen abzuschieben, Flüchtlinge als „Asylantenflut“ zu verhöhnen und Tiere zum Schlachtvieh ohne Gefühle und Rechte zu machen. Die Menschheit, auch das schrieb der „Spiegel“ damals, sei bereit, dem genialen Albert Schweitzer zu huldigen. Sie sei „nicht bereit, ihm zu folgen“.
Christian Feldmann



