Kultur und Wissen
14.05.2026

Dieser Mann erfand Zirkus Roncalli 

Als Quereinsteiger brachte Bernhard Paul neuen Wind in die Zirkuswelt. Gegen alle Widerstände kämpft er bis heute für seine Vision: einen Zirkus voller Poesie. 
    

Bernhard Paul, Zirkusdirektor von Circus Roncalli, am 20. April 2026 in der Zirkusmanege in Köln. Bernhard Paul, Zirkusdirektor von Circus Roncalli, am 20. April 2026 in der Zirkusmanege in Köln. Foto: © Birgitt Schippers/KNA

Bernhard Paul steht im Rampenlicht der Manege. Noch kein Wort hat der Zirkusdirektor gesagt, da steht das Publikum schon auf und applaudiert. An diesem Abend geht es in Köln um sein Lebensprojekt, seinen großen Traum: den Circus Roncalli. Seit 50 Jahren gibt es die Artistenschau. Als der Applaus abebbt, blickt der 78-Jährige zurück. „Ich bin eigentlich rundum glücklich“, sagt er. Hinter ihm liegt ein langer Weg mit vielen Höhen und Tiefen. 

Aus der Armut herausträumen 

Pauls Kindheit in der niederösterreichischen Kleinstadt Wilhelmsburg, wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, war geprägt von Verzicht, Einsamkeit und Isolation. Schon als kleiner Junge träumte er sich in Fantasiewelten, um den ärmlichen Verhältnissen seines Elternhauses zu entfliehen. „Ich war im Inneren ein trauriges Kind“, sagt er. 

Ein junger Zisterzienserpater ermutigte Paul mit dem Spruch: „Unter hohem Druck wird aus Kohle ein Diamant.“ Der Junge umgab sich mit einer selbst gebastelten Zirkuswelt und erfand eigene Clown- und Artistennummern. Der Clown war für ihn – den Außenseiter mit roten Haaren, Brille und Sommersprossen – eine Identifikationsfigur. Viele Jahre später begeisterte er die Menschen als Clown Zippo in der Manege von Roncalli. 
    

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Geldnot machte ihn erfinderisch 

Geldnot war für viele Jahre Pauls ständiger Begleiter. Während seiner Studentenjahre als angehender Grafiker in Wien rettete er sich mit unzähligen Jobs und als pfiffiger Netzwerker über die Runden. Seinen gut bezahlten Beruf als Art Director schmiss er hin, als er Mitte der 1970er Jahre Circus Hagenbeck in Wien erlebte. Sein Traum, einen eigenen Zirkus zu gründen, war stärker als finanzielle Sicherheit. „Alle sagten, das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat es einfach gemacht“, erklärt Paul seine Entscheidung. Mit fünf Zirkuswagen, einem Zelt und seiner Vision von einem poetischen, nostalgischen Zirkus startete er das Projekt Circus Roncalli. 

„Ich kann mich erinnern, ich stand am Tag der Premiere vor dem Zirkus mit dem Pinsel in der Hand und habe noch den Kassenwagen mit Farbe angestrichen“, erzählt er. Das erste Projekt mit Partner André Heller scheiterte allerdings. 1978 flüchtete Paul mit einer Million Schilling Schulden aus Wien nach Köln. Der Kabarettist Emil Steinberger ermöglichte ihm mit finanzieller und kreativer Unterstützung den Neustart von Circus Roncalli in Bonn. 

Wie aus der Zeit gefallen 

Mit seiner Vorstellung von Zirkus als poetisch-ästhetisches Gesamtkunstwerk stellte sich der Quereinsteiger Paul gegen die Traditionen der großen Zirkusdynastien wie Krone oder Sarrasani mit ihren gewaltigen Zelten. Er setzte einen romantischen Trend, der bis heute vielfach kopiert wird. „Ich komme mir vor wie aus der Zeit gefallen“, sagt er, „als hätte ich um 1900 gelebt und wäre in die heutige Zeit gebeamt worden.“ Als schön empfindet er das Ambiente vergangener Epochen wie die Belle Époque und Möbel aus Holz, handgeschnitzt und individuell gefertigt. 

Auch in seinem Privatleben umgibt er sich mit fantasievoll kombinierten antiken Möbeln, Bildern und Alltagsgegenständen, die er in Antiquariaten, Trödelläden oder im Internet sammelt. Von jedem dieser Objekte kennt er die Geschichte. Ganze Lagerhallen hat er mit alten Einrichtungsgegenständen und Zirkuserinnerungen gefüllt. Sein Traum ist, für sie ein Museum zu bauen.

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Neue Idee: Zirkus ohne Zelt 

Mit knapp 80 Jahren steckt Paul immer noch voller Ideen. Sein neuestes Projekt ist ein transportabler Zirkusbau ohne Zelt. Die Geschichte seines Lebenstraums ist in der ARD-Dokuserie „Roncalli – Macht der Manege“ verfilmt worden. Zudem produzierte die ARD einen Podcast über Paul und seinen Zirkus. 

Halt findet der Künstler bei seiner Ehefrau Eliana und seinen drei Kindern Vivian, Adrian und Lili. Sie sollen Circus Roncalli in die Zukunft führen. Pauls eigene Lebensgeschichte ermutigt zur Leidenschaft und zu neuen Wegen. Oder wie er sagt: „Wenn jemand keine Ziele hat, dann ist er verloren.“ 

Birgitt Schippers

KNA
Artikel von KNA
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