Kultur und Wissen
22.08.2025

Das Geheimnis der Labyrinthe 

Gernot Candolini ist Labyrinthbauer und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der uralten Faszination der kunstvoll verschlungenen Wegmuster in Kathedralen, Höfen und Gärten. Er erklärt, warum man Labyrinthe nicht nur betrachten, sondern tatsächlich begehen sollte – und was sie von Irrgärten unterscheidet. 
    

Labyrinth an einer Säule der Kathedrale San Martino in Lucca, Italien. Die lateinische Inschrift greift den Mythos vom Labyrinth auf Kreta auf, „aus dem niemand entkommen kann, der einmal darin ist, außer Theseus“. Labyrinth an einer Säule der Kathedrale San Martino in Lucca, Italien. Die lateinische Inschrift greift den Mythos vom Labyrinth auf Kreta auf, „aus dem niemand entkommen kann, der einmal darin ist, außer Theseus“. Foto: © imago/Dreamstime

Jedes Jahr besuchen unzählige Menschen die vielleicht eindrucksvollste und zugleich mystischste Kathedrale der Gotik – die Kathedrale Unserer Lieben Frau zu Chartres, etwa eine Stunde südwestlich von Paris. Bereits vor Ankunft sieht man am Horizont ihre beiden Türme über den Feldern aufragen, denn das Bauwerk steht auf einem Hügel, der bereits zu vorchristlicher Zeit als heiliger Ort genutzt wurde. Die Kathedrale von Chartres ist ein Meisterwerk der Gotik, ein Prachtbau aus Stein und Glas, und sie enthält fast ausschließlich noch die originalen Fenster aus der Bauzeit aus dem 13. Jahrhundert.  

Wenn man durch das Westportal die Kirche betritt, entdeckt man nach wenigen Metern ein in den Boden eingelassenes Labyrinth. Was macht ein Labyrinth in einer Kathedrale? Dazu muss man wissen, dass Labyrinthe ursprünglich keine Irrgärten sind; stattdessen gibt es immer einen einzigen ebenerdigen Weg, der ohne Sackgassen und Abzweigungen verschlungen zur Mitte führt. Alle alten Labyrinthe sind so – der Irrgarten ist hingegen eine Erfindung des Barocks mit seinen verspielten Gartengestaltungen.  

Labyrinthe in Kirchenböden

Das ursprüngliche Ein-Weg-Labyrinth entstand bereits vor rund 5.000 Jahren im Mittelmeerraum und hat sich in verschiedenen Kulturen in Europa, Asien und Amerika ausgebreitet. Es erlebte zu gewissen Zeiten besondere Blüten, wie in der französischen Gotik. Nicht nur in Chartres, auch in anderen Kathedralen wurden Labyrinthe in den Kirchenboden im Hauptschiff eingelegt.  

Je nach Kultur nahm das Labyrinth unterschiedliche Gestaltungs- und Nutzungsformen an: Die Normannen verwendeten es als Spiel- und Tanzplatz, in England und im Norden Deutschlands entstanden Labyrinthe, die aus dem Rasen gestochen wurden, in Indien erscheint es als Wand- oder Bodenschmuck in Tempeln, und für die Hopi und andere Indianerstämme ist es ein wichtiges Symbol ihrer Ursprungsgeschichten.  
     

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Amiens-Labyrinth im Münchner Rathaus 

Ein schon etwas älteres Labyrinth befindet sich im Rathaus-Innenhof in München. Beim Bau des Rathauses im neugotischen Stil wollte man ein typisch gotisches Labyrinth mit dabeihaben und baute das Labyrinth aus der Kathedrale von Amiens nach. Viele Münchner wissen gar nichts davon, denn um dieses Labyrinth begehen zu können, muss man die Zeiten nützen, in denen weder die Sommergastronomie noch der Adventmarkt auf den Linien des Labyrinths steht.  

Unzählige weitere Beispiele lassen sich an verschiedensten Orten verstreut in der Welt finden und stellen immer wieder die Frage: Wer hat es warum gemacht und wozu wurde es genau verwendet? Ein Labyrinth zu begehen, ist wie ein Pilgerweg im Kleinformat, eine Einkehr, eine Besinnung. Das Labyrinth ist wie ein kleiner heiliger Raum, der dem Menschen einen Ort bietet, wo er der Seele zuhört und zu neuen Einsichten und Erfahrungen gelangt.

Klärung und Sammlung 

Viele Menschen, die ein Labyrinth begehen, berichten: Es tut gut. Es klärt. Ich kann mich sammeln. Im entspannten Gehen können Themen oder Menschen auftauchen, die einem wichtig sind. Manch einer hat schon nach einem Labyrinthgang gesagt: Jetzt hat sich für mich etwas Wichtiges geklärt. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Labyrinthe oft auf Initiative von Kirchen, Klöstern oder Bildungshäusern entstehen. Aber auch Schulen und Krankenhäuser schätzen dieses  Symbol.  

In den letzten Jahren wurden in ganz Europa über tausend neue begehbare Labyrinthplätze errichtet, besonders in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich. Bekannte Labyrinthe gibt es zum Beispiel in den Klöstern Benediktbeuern und Schlehdorf, vor den Kirchen in Prien und Icking, in Bad Gögging und Hilpoltstein, in den Bildungshäusern in Freising oder dem Don-Bosco-Haus in Friedrichshafen.

Labyrinthe in Krankenhäusern und Stadtparks   

Das Klinikum Haar bei München, die Hochgratklinik in Stiefenhofen und auch das Landeskrankenhaus in Salzburg haben eines für Patienten und Besucher gebaut. Ein Labyrinth im Park entstand in Puchheim, und der Hospizverein in Aichach initiierte ein Labyrinth im Stadtpark. Ein besonderes Labyrinth liegt im Jordanpark in Kaufbeuren: Der sogenannte Wunderkreis spielt beim jährlichen Tänzelfest eine wichtige Rolle, denn da wird durch das Labyrinth getanzt.  

Auch Geschichten, die das Labyrinth oder den labyrinthischen Weg thematisieren, geben Aufschluss über seine Bedeutung. Es sind Geschichten von Aufstieg und Abstieg, vom Kämpfen und Feiern, vom Gewinnen und Verlieren. Es geht dabei immer um die große Suche nach den wahren Zielen und der Erlangung von Übersicht und Weisheit.  

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Ein Bild für die Angst 

In der berühmten Geschichte von Theseus und dem in einem Labyrinth gefangenen Minotaurus wird dieser Kampf als ein Sinnbild unserer eigenen Kämpfe mit den äußeren und inneren Ungeheuern erzählt. In der Mitte eines Labyrinths, das in allen antiken Darstellungen als Ein-Weg-Labyrinth illustriert wird, ist der Minotaurus verborgen, eine Mischung aus Stier und Mensch. Der Stiermensch ist ein eindrückliches Bild für die Angst, die sich in der Mitte des Lebens einnistet. Diese Angst kennen alle Menschen. Es ist die Angst, zu scheitern, die Liebe nicht zu finden, das eigene innere Ungeheuer nicht überwinden zu können – und zuletzt die Angst vor dem Tod.  

Theseus stellt sich dieser Angst und bekommt von Ariadne vor seinem Gang ins Labyrinth auch die wichtigsten Werkzeuge, Schwert und Faden, in die Hand, die man braucht, um zu bestehen. Dieser griechische Mythos und viele weitere Geschichten erzählen, dass die Angst, wenn wir auf sie zugehen und uns ihr stellen, auch besiegbar ist. „Fürchte dich nicht“ ist ein wesentlicher Leitsatz aller spirituellen Wege. 

Candolini, Gernot Labyrinth
Claudius Verlag GmbH, 2004
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Erst der halbe Weg ist geschafft 

Doch was geschieht, wenn wir die Urangst überwunden und Erkenntnis gewonnen haben, wenn uns der Minotaurus nicht mehr bedroht, wenn wir erlebt und gesehen haben, dass die Furcht, der Zorn, die Ohnmacht überwindbar sind? In der Mitte wartet eine wichtige, eine besondere Einsicht: Am vermeintlichen Ziel ist erst der halbe Weg geschafft. Jetzt kommt etwas Neues, nämlich der Rückweg.  

Der (rote) Faden der Ariadne hat hierin seine tiefe Bedeutung. Nicht nur gewonnene Kämpfe und gelungene Erkenntnisse zählen im Leben, sondern auch Beziehung, Kontakt, Zuwendung, Liebe. Dazu braucht man auch im realen Leben manchmal einen Faden, der einem eine Spur legt, der einen zurückzieht, damit man nicht haften bleibt in einem fortdauernden Kampf mit immer neuen Ungeheuern.  

Heldenweg und Liebesweg 

So nennt man auch im Labyrinth den Weg zur Mitte den Heldenweg und den Weg aus der Mitte heraus den Liebesweg. Damit ist auch der wesentliche Unterschied zwischen Labyrinth und Irrgarten deutlicher. Der Irrgarten stellt die Frage: „Gehst du falsch oder gehst du richtig?“ Das Labyrinth aber stellt die Frage: „Gehst du oder gehst du nicht?“ 

Das Labyrinth ist ein Symbol für den Lebensweg des Menschen, für sein Suchen und Ringen, für alle Wendungen, die umschritten werden wollen. Wenn aber alles gegangen ist, so ergibt sich wie bei den gebauten Labyrinthen aus der erhöhten Perspektive immer ein schönes Bild. Schön, wenn das auch für unser Leben gilt. 

Gernot Candolini