Kultur und Wissen
23.04.2026

Das Dorf mit der Riesenkuppel 

Hier passt das eigentlich unnette Attribut „verschlafen“ ziemlich gut: In Vicoforte im Piemont ist eher wenig los. Und doch stehen die Chancen nicht schlecht, dass einem bei der Ankunft die Kinnlade herunterklappt.

Außenansicht der Basilika von Vicoforte. Außenansicht der Basilika von Vicoforte. Foto: © imago/robertharding

Man muss schon gleich mehrfach vom Irgendwo ins Nirgendwo abbiegen, um nach Vicoforte zu gelangen. Hier gibt es weder die in der Werbung über Jahrzehnte verheißenen Piemont-Kirschen – die gibt es nämlich gar nicht –, noch gibt es sonst etwas, das die weite Reise in den äußersten Nordwesten Italiens rechtfertigen würde. Oder? Ganz weit gefehlt! 

Nur knapp 3.200 Einwohner hat das von Hügeln eingerahmte Dorf unweit von Mondovi in der Provinz Cuneo. Selbst in der Hochsaison ist in Vicoforte ganz schön wenig los. Dabei gibt es dort eine Sache, die schon ziemlich groß ist: eine gigantische Basilika. Und in der Mitte: die mit 75 Metern Höhe und 35 Metern Durchmesser größte elliptische Kuppel der Welt. 

Dorf mit Nationaldenkmal

Aber wieso steht in einem so kleinen Dorf ein Nationaldenkmal Italiens; eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region, die man so eher in Rom oder in Florenz vermuten würde? Der Grund ist – wie so oft, wenn es um große Frömmigkeit geht: die Jungfrau und Gottesmutter Maria. Die Legende will, dass an dieser Stelle einst ein kleiner mittelalterlicher Bildstock mit einer Marienikone aus dem 15. Jahrhundert stand. Und dieser sei offenbar mit der Zeit nicht mehr allzu stark frequentiert gewesen – und jedenfalls mit Buschwerk zugewachsen. 

Da begab es sich, dass im 16. Jahrhundert ein Jäger bei der Verfolgung eines Hirschen die Armbrust anlegte – aber statt des erstrebten Wildbrets das Bild der Jungfrau Maria traf. Wie erstaunt war der Jägersmann, dass trotz seines Fehlschusses Blut aus der Hecke troff! Das Wunder von der verwundeten Gottesmutter verbreitete sich rasch; eine Pilgerstätte war geboren. Die rote Einstichstelle in der Ikone von Maria mit dem Kinde ist jedenfalls bis heute ganz im Herzen und Mittelpunkt der Basilika, dem Hauptaltar, zu sehen. 
    

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Einwohner vom Fieber verschont

Eine andere Überlieferung lautet, dass die alte Marienikone – ohne Fehlschuss – durch eine Fieberwelle in den 1590er Jahren neue Bedeutung erlangt habe. Viele Tote habe die Epidemie in der Umgebung gefordert, die meisten Einwohner von Vicoforte aber verschont. Rasch mehrten sich Marienereignisse und Pilgerstrom, und so habe auch Herzog Karl Emanuel I. 1596 Feuer gefangen. 

Der Spross des Herrscherhauses der Savoyer, das gerade dabei war, sein Zentrum ins Piemont zu verlagern, und das später, im 19. Jahrhundert, bis zum Königshaus Italiens aufstieg, entschloss sich 1596, aus der zunächst entstandenen kleinen Wallfahrtskapelle am Ort des Ereignisses von Vicoforte einen veritablen Monumentalbau zur Verehrung der Jungfrau Maria errichten zu lassen. Karl Emanuel beauftragte seinen Hofarchitekten mit dem Bau der Wallfahrtsbasilika Santuario Regina Montis Regalis – die zugleich die offizielle Grablege seiner ehrgeizigen Familie sein sollte. Über die Bauarbeiten wurde es 1615, und Architekt Ascanio Vittozzi starb. Und es wurde 1630, als auch der Herzog starb. Da war die Basilika erst bis zum Sockel der Kuppel fertig – das Interesse an dem Bau aber erloschen.


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Neue Frömmigkeit und Baulust 

Also musste Maria wohl noch einmal aktiv werden und, viele Jahrzehnte nach dem Baustopp, eine neue Welle der Frömmigkeit und der Baulust entfachen. Schließlich nahm sich 1728 der örtliche Architekt Francesco Gallo (1672–1750) der schier unüberwindbaren Aufgabe an. Die Konstruktion der riesigen elliptischen Kuppel war damals eine veritable technische Meisterleistung. Auf die Sandsteinstruktur seiner Vorgänger setzte Gallo einen Aufbau aus Backsteinen, über dem schließlich die immense Kuppel errichtet wurde. 

Doch dann gab es gleich das nächste Problem: Als die Kuppel 1732 fertig war, sollen sich die Arbeiter geweigert haben, die Haltekonstruktion aus Ziegelsteinen abzubauen. Niemand wollte darunter begraben werden. So soll der Architekt die Ziegel am Ende allein entfernt haben, nur mit Hilfe seiner Familie und Freunde. Nun fehlte eigentlich „nur noch“ das 6.000 Quadratmeter große Deckengemälde, binnen zwei Jahren (1746–1748) von dem venezianischen Maler Mattia Bortoloni und dem Mailänder Felice Biella geschaffen. Das Thema: die Erlösung.

Hinauf mit Klettergurt und Helm

Wer sich diese Fresken genauer ansehen will, der kann seit 2015 bis auf 60 Meter zu ihnen hinaufklettern, ausgestattet mit Klettergurt und Helm: ein spannendes und ziemlich einzigartiges Erlebnis. Über 266 Treppenstufen geht es innerhalb und außerhalb der Domkuppel durch schmale Passagen und enge Wendeltreppen, die früher von den Bauarbeitern genutzt wurden. Kurios: Auch wenn man in der Kuppel nur halbwegs leise spricht, transportiert die elliptische Form den Hall hinüber; und auch die Menschen auf der entgegengesetzten Seite der Kuppel sind gut zu verstehen. 

Wer die Kuppelführung absolviert hat, der muss sich danach mit einer eher ungewöhnlichen Widrigkeit auseinandersetzen. Er hat schon derart spektakuläre Blicke von der Kirche erhascht, dass die sonst normale Erfahrung einer „Kirche von unten“ einem nun gar nicht mehr so atemberaubend vorkommt, wie es dieses Werk verdient: der Blick nach oben in die Kuppel, auf die Fresken; der riesige Raum, der zentrale Altar mit der Marienikone, mit der einst alles anfing.

Royale Grablege

Immerhin: Man bekommt eine andere Perspektive auf das Grabmal des Stifters Karl Emanuel I. in der Bernhards-Kapelle, der hier hatte beigesetzt werden wollen. Ende 2017 folgten ihm die sterblichen Überreste von Italiens König Vittorio Emanuele III., gestorben 1947, und seiner Frau, Königin Elena von Montenegro, die aus Alexandria in Ägypten und aus Montpellier hierher überführt wurden. So ist das Santuario von Vicoforte spät, aber doch noch zu einer Grablege des Hauses Savoyen geworden. 

Alexander Brüggemann

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Artikel von KNA
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