Gerechtigkeit
03.04.2024

Unterstützung für Geflüchtete aus der Ukraine

Wurst und Ikonen – die etwas andere Ukraine-Hilfe

Mitten im Alltag engagiert sich die Pfarrei Allerheiligen in München-Schwabing für ukrainische Geflüchtete. Von Lebensmittelausgaben bis zur Einrichtung einer muttersprachlichen Bücherei bietet die Gemeinde nicht nur materielle Hilfe, sondern auch ein Zuhause fern der Heimat. Eine Geschichte, die zeigt: Manchmal sind es die kleinen Dinge, die Hoffnung schenken.

v. l.: Bischof Bohdan Dzyurakh, Büchereileiterin Sabine Pasti und der Direktor des Sankt Michaelsbunds, Stefan Eß - v. l.: Bischof Bohdan Dzyurakh, Büchereileiterin Sabine Pasti und der Direktor des Sankt Michaelsbunds, Stefan Eß - Foto: © SMB/Bierl

Hans-Peter Bergmann wuchtet gerade eine Kiste Gurken aus dem Kofferraum. Ein Spender hat sie in seinem Auto zur Allerheiligen-Kirche in München-Schwabing gebracht. Erst dann kann der 65-Jährige in seiner blauen Latzhose dem Bischof die Hand geben. Bohdan Dzyurakh ist Exarch der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche in Deutschland und Skandinavien. Diese Glaubensgemeinschaft hat den Papst zum Oberhaupt, feiert allerdings eine andere Gottesdienstform, den sogenannten byzantinischen Ritus.  

Bischof Dzyurakh wollte die Pfarrei unbedingt besuchen, gerade an einem solchen ganz normalen Wochenende mit viel Arbeit. Denn durch das Engagement vieler Freiwilliger hat sich die Gemeinde zu einer Anlaufstelle für Geflüchtete aus der Ukraine entwickelt. Begonnen hat es vor zwei Jahren. Zusammen mit den evangelischen Nachbarn der Nikodemuskirche gibt es in Allerheiligen eine ehrenamtlich geleitete ökumenische Bücherei. 


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Literatur in der Muttersprache

Schon ein paar Wochen nach dem russischen Überfall kam eine Anfrage: „Eine Nutzerin mit ukrainischen Wurzeln, die schon lange in Deutschland lebt, hat angeregt, für ihre Landsleute muttersprachliche Literatur in den Bestand aufzunehmen“, erinnert sich Sabine Pasti. Die Co-Leiterin der Bücherei und die freiwilligen Helfer überlegten nicht lange und sagten zu. Unterstützt hat sie dabei der katholische Büchereifachverband Sankt Michaelsbund und dessen Direktor Stefan Eß. Über die sozialen Medien hat sich das Angebot unter den Geflüchteten schnell herumgesprochen.  

Bis aus Ingolstadt oder Murnau kommen vor allem ukrainische Mütter mit ihren Kindern zu den Öffnungszeiten am Sonntag, um Bücher auszuleihen, Landsleute zu treffen und aus den Unterkünften herauszukommen. „Mittlerweile hat sich aber das Leseverhalten geändert“, beobachtet Pasti. „Die Kinderbücher werden jetzt seltener ausgeliehen, weil die ukrainischen Buben und Mädchen schon deutsche Bücher lesen.“ Nun sind es vor allem Erwachsene, die nach ukrainischen Romanen fragten: „Da ist der Bestand auch ständig ausgeliehen, die Geflüchteten suchen einfach Ablenkung von ihren täglichen Sorgen.“ 

Knäckebrot aus Konkursmasse

Zu diesen Sorgen gehört für viele auch genügend, vor allem frische Lebensmittel zu bekommen. Darum kümmern sich Hans-Peter Bergmann und sein Helferkreis. Er rettet schon seit Jahren Obst, Gemüse oder Brot vor dem Wegwerfen. „Das haben wir zuerst für die nähere Nachbarschaft organisiert, in der wir ältere Leute mit wenig Rente, Alleinerziehende oder einfach Geringverdiener haben.“ Mittwochs und samstags gibt er Lebensmittel aus. Heute hat er mehrere Kartons Knäckebrot im Angebot, „aus einer Konkursmasse, das noch drei Monate haltbar ist und sonst auf dem Müll gelandet wäre“.  

Eine ältere Frau hat sich daraus mit ein paar Päckchen bedient und unterhält sich glücklich auf Ukrainisch mit dem prominenten Besucher, Bischof Dzyurakh. Sie erzählt ihm, wie sie von einem deutschen Ehepaar aufgenommen worden ist, und lobt die außerordentliche Gastfreundschaft in München. Eine Landsfrau pflichtet ihr gleich bei. Doch in Allerheiligen sei es besonders, „weil hier alles so liebevoll und warmherzig gemacht und an so vieles gedacht wird“. 

Keine Tasche bleibt leer

Ohne den Einsatz vieler Freiwilliger wie Hans-Peter Bergmann wäre das nicht möglich. Weil er Russisch spricht und schreibt, machte er die Lebensmittelausgabe über die sozialen Medien für die Geflüchteten aus der Ukraine publik. Früher zählte Hans-Peter Bergmann etwa 50 bis 60 Menschen, wenn er Lebensmittel ausgab: „Mit dem Ukrainekrieg ist das enorm angestiegen, jetzt kommen bis zu 150.“ Auch darum hat er in der Pfarrei angefragt, ob er hier die Verteilung vornehmen darf. Die stimmte zu und sperrt sogar die Werktagskapelle auf, in der ausgeglichene Temperaturen herrschen, so dass die Wartenden im Winter nicht in der Kälte und im Sommer nicht in der Hitze stehen müssen.  

Im Gegensatz zu anderen Lebensmitteltafeln verlangt Hans-Peter Bergmann keine Bestätigung vom Sozialamt: „Ich sag immer, wer sich drei oder vier Stunden für eine Einkaufstasche mit Lebensmitteln anstellt, hat die Bedürftigkeitsprüfung bereits abgelegt.“ Durch seine vielen Verbindungen und Spender geht trotz der gestiegenen Nachfrage niemand leer aus. Auch für seine alte Stammkundschaft aus der Nachbarschaft ist genügend da.  

Wurstpakete sortieren statt am Computer spielen

Zu seinem Helferkreis stoßen immer wieder neue Ehrenamtliche, und die braucht es dringend. Auch der 12-jährige Mischa, der selbst mit seiner Mutter vor zwei Jahren aus Charkow geflohen ist, gehört dazu. Statt am Samstagnachmittag mit seinen Freunden am Computer oder Fußball zu spielen, sortiert er Wurst- und Käsepäckchen und verteilt sie: „Ich mag einfach Menschen helfen und lerne hier viel über das Leben“, sagt der Schüler und stapelt ein paar gespendete Kisten mit Bananen aufeinander. Er spricht akzentfrei und schon nahezu perfekt Deutsch. Vielleicht, weil er in der Bücherei öfter etwas ausleiht. Für die packen Mischa und die anderen Helfer an diesem Nachmittag ebenfalls an.  

Bischof Dzyurakh hat Gastgeschenke mitgebracht: mehrere Kartons mit ukrainischer Literatur, darunter viele religiöse Bücher. „Meine Landsleute kommen oft sehr traumatisiert nach Deutschland“, berichtet der Exarch. „In dieser Stresssituation wollen wir versuchen, auch durch Kultur und Spiritualität dieses Leiden zu lindern.“ Er schlägt ein Buch mit klassischen Ikonen aus der Ostkirche auf, in dem Bilder der Passion und der Auferstehung Christi zu sehen sind. Dann nimmt er einen Band mit Bildern einer zeitgenössischen Künstlerin zur Hand, die in der geistlichen Tradition der Ikonenmalerei moderne Bilder über das Elend des gegenwärtigen Krieges und die Hoffnung auf einen gerechten Frieden zeigen. Die Büchereimitarbeiter werden in den kommenden Wochen damit beschäftigt sein, diese große Literaturspende des Bischofs einzubinden, zu katalogisieren und in die Regale zu stellen.  

Ukrainer lernen Kirche neu kennen

Zum Schluss seines Besuches schaut Bohdan Dzyurakh noch in die Kleiderkammer der Pfarrei, in der sich ebenfalls viele aus der Ukraine geflüchtete Menschen mit Jacken, Hosen und Pullovern eindecken. Beeindruckt sei er, wie die Gemeinde und die Seelsorger sich seiner Landsleute annähmen. „Um ihnen zu begegnen und den vielen Helfern meinen großen Dank zu sagen, bin ich heute hier.“  

In Deutschland würden viele Ukrainer „ein anderes Gesicht“ der Kirche kennenlernen: „Einer Kirche, die eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielt.“ Die Gastfreundschaft, das Mitleid und die Solidarität, die ukrainische Flüchtlinge in Deutschland erleben, „sind ein Beweis dafür, dass Europa seine christliche Seele nicht verloren hat“. Bei seinem Besuch in Allerheiligen habe er erlebt, „dass die Menschen nicht müde sind, an unserer Seite, der Seite der Bedrängten zu stehen“. Dann winkt der Bischof zum Abschied seinen ukrainischen Landsleuten und Hans-Peter Bergmann zu, der danach wieder Lebensmittel verteilt, während Sabine Pasti die Bücherei für die Sonntagsöffnung vorbereitet.

Alois Bierl
Artikel von Alois Bierl
Chefreporter
Beschäftigt sich mit wichtigen Trendthemen wie Spiritualität.