Engagement
Wenn Ehrenamt zu viel Kraft kostet
Zahlreiche ehrenamtlich Engagierte gehen über ihre Grenzen. Ein neues Projekt der Domberg-Akademie bietet ihnen Hilfe.
Viele ehrenamtlich Engagierte stoßen an ihre Grenzen und benötigen Unterstützung, Wertschätzung und eine offene Kommunikation. Foto: © AdobeStock/Svitlana
Gut 35 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Das ist über die vergangenen Jahre hinweg ein konstant sehr hohes Niveau und liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt von rund 22 Prozent. Für diejenigen, die Ehrenamt ausüben, „bedeutet es die Möglichkeit, sich mit konkretem Handeln für die Gemeinschaft einzubringen und die eigenen Lebenszusammenhänge mitzugestalten. Daraus resultieren soziale Einbindung sowie persönliche Erfüllung und Zufriedenheit“, so der Sechste Deutsche Freiwilligensurvey, der 2024 erschienen ist. Mit anderen Worten: Ehrenamt ist idealerweise sinnstiftend und trägt damit zum individuellen Wohlbefinden bei.
Doch diese Medaille – die Ehrenamtlichen ja auch oft genug symbolisch umgehängt wird – hat eine Kehrseite. Gerade weil es sinnvoll ist, sich zu engagieren, und weil mit diesem Engagement tatsächlich etwas bewegt wird, gehen viele Engagierte über ihre eigenen Grenzen hinaus. Hinzu kommt: Wer sich für Themen wie Klimaschutz oder eine lebendige demokratische Gesellschaft einsetzt, erlebt häufig auch Frustration und Ohnmachtsgefühle. Trotz großen Engagements und erheblicher Kraftanstrengungen lassen sich viele dieser Herausforderungen nicht kurzfristig lösen. Im Freiwilligensurvey geben deshalb immerhin 22 Prozent der Befragten an, dass sie ihr Engagement zeitweise als belastend empfinden.
Kraft geht verloren
Dieses Problem hat die Domberg-Akademie erkannt – nicht so sehr durch diese repräsentativen Zahlen, sondern in eigenen Seminaren, in denen die Belastung bei Engagierten immer spürbarer wurde. Manchen Teilnehmern ist es anzusehen, dass sie zum Beispiel angesichts der scheinbaren Unlösbarkeit des Klimawandels jede Kraft für ihr Engagement verlieren. Deshalb wurde von der Domberg-Akademie das Projekt „Muträume“ ins Leben gerufen. Es richtet sich an Menschen, die sich in den Bereichen Demokratie oder Klimaschutz engagieren und dabei zunehmend emotional unter Druck geraten.
In einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung und wachsender Konflikte stoßen viele Engagierte auf Widerstand, erleben Anfeindungen oder müssen mit der Erfahrung umgehen, dass Fortschritte nur langsam sichtbar werden. Das Projekt schafft deshalb einen geschützten Raum, in dem Ehrenamtliche über ihre Erfahrungen sprechen, Belastungen reflektieren und neue Perspektiven entwickeln können. In der Arbeitswelt sind solche Angebote – „Supervision“ genannt – in belastenden Berufen schon lange Standard, doch Ehrenamtliche haben bisher nur sehr selten diese Möglichkeit.
Gruppentreffen mit professioneller Begleitung
Kern des Projekts sind regelmäßige Gruppentreffen mit professioneller Begleitung. Aktuell wird das Projekt von Veronika Stegmann und Claudia Bauer im Kreisbildungswerk Freising und Christlichen Bildungswerk Landshut umgesetzt. Einmal im Monat kommen feste Gruppen zusammen, um ihre Anliegen einzubringen und gemeinsam zu bearbeiten. Die Themen, die dabei zur Sprache kommen, sind vielfältig. Manchmal steht ein konkreter Fall im Mittelpunkt – etwa ein Konflikt in einer Initiative oder eine schwierige Situation im Umgang mit Institutionen. In anderen Treffen geht es stärker um persönliche Fragen: Wie gehe ich mit Stress um? Welche inneren Antreiber bringen mich dazu, immer noch mehr Verantwortung zu übernehmen? Und wie kann ich lernen, mich besser abzugrenzen?
Ein wichtiger Bestandteil der Treffen ist der Austausch untereinander. Viele Teilnehmende berichten, wie entlastend es ist, Menschen zu begegnen, die ähnliche Erfahrungen machen. Deshalb wird dem Gespräch unter Gleichgesinnten bewusst viel Raum gegeben. Methoden und Übungen werden so gestaltet, dass sie den Austausch fördern und gegenseitige Unterstützung ermöglichen. Auf diese Weise entsteht nach und nach ein starkes „Wir“-Gefühl – das Bewusstsein, Teil einer wertschätzenden Gemeinschaft zu sein.
Überlastung, Konflikte, Unklarheiten
Die ersten Sitzungen zeigen bereits deutlich, welche Themen Ehrenamtliche besonders beschäftigen. Eine zentrale Rolle spielen das Gefühl der Überlastung, die Schwierigkeit, Grenzen zu setzen, und fehlende Wertschätzung. Hinzu kommen Konflikte, beispielsweise bedingt durch unterschiedliche Erwartungen, Kommunikationsprobleme oder strukturelle Spannungen. Eng damit verbunden sind unklare Rollen: Wer ist eigentlich wofür zuständig? Welche Verantwortung liegt bei Ehrenamtlichen, welche bei Institutionen? Wenn diese Fragen nicht geklärt sind, entsteht schnell zusätzlicher Druck.
Die Supervisionstreffen helfen dabei, solche Situationen gemeinsam zu reflektieren. Oft zeigt sich, dass bereits kleine Impulse große Wirkung entfalten können: eine neue Perspektive auf einen Konflikt, ein besseres Verständnis für eigene innere Dynamiken oder konkrete Strategien für einen gesünderen Umgang mit Stress.
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Langfristig handlungsfähig bleiben
In einer Zeit, in der demokratische Werte unter Druck geraten und gesellschaftliche Herausforderungen immer komplexer werden, ist dieses Engagement unverzichtbar. Projekte wie „Muträume“ tragen dazu bei, dass diejenigen, die sich einsetzen, langfristig handlungsfähig bleiben. Sie stärken nicht nur einzelne Ehrenamtliche, sondern damit auch die Zivilgesellschaft insgesamt.
Auch aus christlicher Perspektive ist dieser Ansatz naheliegend. Wer sich für Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung oder für eine lebendige demokratische Kultur einsetzt, handelt im Sinne eines christlichen Verständnisses von Nächstenliebe und gesellschaftlicher Verantwortung. Gleichzeitig gehört zur christlichen Tradition auch die Erfahrung, dass Menschen Kraftquellen und Gemeinschaft brauchen, um diesen Auftrag langfristig tragen zu können. Orte der Begegnung, der gegenseitigen Stärkung und der ehrlichen Reflexion sind daher kein Luxus, sondern Teil einer Kultur der Fürsorge.
Gemeinschaft und Wertschätzung
Die „Muträume“ greifen genau diesen Gedanken auf. Sie schaffen Räume, in denen Engagement nicht nur organisiert, sondern auch getragen wird – durch Gemeinschaft, durch gegenseitige Wertschätzung und durch die Möglichkeit, Belastungen offen anzusprechen. Damit leisten sie einen Beitrag zu einer widerstandsfähigen Zivilgesellschaft – und zu einer Haltung der Hoffnung, die im christlichen Glauben tief verankert ist.
Kathrin Steger-Bordon, Referentin für politische Bildung, Umwelt und Nachhaltigkeit bei der Domberg-Akademie
Wissenswert
Gefördert wird das Projekt von der Zukunftsstiftung Ehrenamt und den Innovativen Projekten der KEB München und Freising. Das Pilotprojekt läuft noch bis Juli 2026 in bereits festen Gruppen. Interessierte können sich jedoch bei Kathrin Steger-Bordon (E-Mail: KSteger-Bordon@domberg-akademie.de) melden. Dies hilft dabei, den konkreten Bedarf an solchen Angeboten zu erfassen. Weitere Informationen zum Projekt bei der Ehrenamtsstiftung Bayern oder beim Bildungswerk Freising.



