Russischer Widerstand gegen Kyrill
Wie kann es sein, dass die russisch-orthodoxe Kirche Putins Krieg unterstützt? Schlüsselfigur der unheiligen Allianz ist der mächtige Patriarch von Moskau, ein ehemaliger KGB-Agent. Aber nicht alle ziehen mit: 2025 haben russische Christen ein bemerkenswertes Bekenntnis gegen den Krieg veröffentlicht. Johannes Oeldemann, Direktor am Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik und Kenner der Ostkirchen, hat den Text ins Deutsche übersetzt und erläutert seine Hintergründe.
Der Moskauer Patriarch Kyrill bei einem Gottesdienst am 1. Februar anlässlich des 17. Jahrestags seiner Inthronisation. Foto: © imago/SNA
Ende Februar 2026 ist es schon vier Jahre her, dass russische Truppen versucht haben, das gesamte Territorium der Ukraine zu erobern. Vier Jahre Krieg in Europa – das ist schon fast genauso lang, wie der Erste Weltkrieg dauerte. Und Ukrainer betonen, dass sich ihr Land nicht erst seit dem 24. Februar 2022, sondern bereits seit 2014 (Eroberung der Krim und Besetzung von Teilen des Donbass) im Krieg mit Russland befindet. Ein jahrelanger Krieg – das bedeutet auf beiden Seiten mehrere Zehntausend Tote und noch mehr Verwundete und Traumatisierte. Hinter dem, was wir auf unseren Fernsehschirmen sehen, stehen menschliche Schicksale. Frauen trauern um ihre Männer und Söhne, vor allem in der Ukraine, aber auch in Russland.
Aus der Ukraine hören wir vermehrt Stimmen, die einen Frieden oder zumindest einen Waffenstillstand herbeisehnen. Und wie stehen die Menschen in Russland zum Krieg? Darüber erfahren wir wenig. In unseren Medien hören wir von Zeit zu Zeit Meldungen der russischen Propaganda, beispielsweise wenn der russische Patriarch Kyrill von einem „heiligen Krieg“ spricht. Aber was halten die Priester und Gläubigen der orthodoxen Kirche in Russland von diesem Krieg?
Glaubensbekenntnis zu Weihnachten
Angesichts der verbreiteten Ungewissheit über die gesellschaftliche Stimmung in Russland war es umso bemerkenswerter, dass eine Gruppe von etwa 30 (anonym bleibenden) orthodoxen Klerikern und Laien am 7. Januar 2025 (dem russischen Weihnachtsfest), ein „Glaubensbekenntnis“ veröffentlichte, in dem diese Gruppe sich deutlich von der Kirchenführung des Moskauer Patriarchats distanziert.
Der etwa acht Seiten lange Text prangert die Staatsnähe der russischen Orthodoxie an und unterstreicht mit Zitaten aus der Bibel und der Tradition der orthodoxen Kirche, dass der Kurs der russischen Kirchenführung sowohl der biblischen Botschaft als auch den Grundprinzipien der christlichen Lehre widerspreche. Stattdessen ruft der Text dazu auf, Christus und dem Evangelium treu zu bleiben, so die Überschrift.
Acht Artikel gegen den Krieg
Der Text, der auch in deutscher Übersetzung vorliegt und online zugänglich ist (alle Zitate stammen aus dieser Übersetzung des Autors) ist in acht Artikel von unterschiedlicher Länge gegliedert. Der erste wendet sich gegen den Missbrauch des Namens Gottes, der nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden dürfe. Der zweite kritisiert die Vermischung von staatlichen und kirchlichen Interessen, die dazu führe, dass die orthodoxe Kirche in Russland „zu einer ideologischen Abteilung des Staatsapparates“ wird. Der dritte Artikel verweist auf die Menschenwürde und prangert an, dass die Menschen im Krieg als „Verbrauchsmaterial für den Staat“ missbraucht und ohne Rücksicht auf Verluste in die Schlacht geschickt werden.
Der vierte Artikel betont die Gleichheit aller Völker vor Gott und wendet sich gegen „jede Form von nationalem Messianismus und nationaler Selbstverherrlichung“. Die von Patriarch Kyrill und Präsident Putin als Begründung für die Invasion angeführte Lehre von der „russischen Welt“ sei eine Ideologie, die den Glauben an Christus durch den Glauben an eine nationale Religion ersetze und Gott auf eine nationale Gottheit reduziere: „Sie zerstört die Lehre vom universalen Charakter der Kirche und führt zum Bruch mit anderen orthodoxen Ortskirchen.“ Eine solche Verfälschung der kirchlichen Terminologie gebe „dem politischen Konzept den falschen Anschein einer kirchlichen Doktrin“.
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Schwund christlicher Werte
Der fünfte Artikel erinnert daran, dass Christen „durch ihr eigenes Leben Zeugnis von den moralischen Lehren Christi“ geben sollen, und kritisiert den Kampf für „traditionelle Werte“, die Patriarch Kyrill vor allem im Westen gefährdet oder gar grundsätzlich infrage gestellt sieht. Nach Auffassung der Autoren dieses Bekenntnisses steckt dahinter der „Versuch, den Schwund wahrhaft christlicher moralischer Werte wie Liebe, Freiheit, Mitgefühl und Barmherzigkeit im inneren Leben der Kirche selbst zu verschleiern“.
Der umfangreiche sechste Artikel geht auf die christliche Nächstenliebe ein und verweist darauf, „welch bedeutende Stellung die Lehre von der Feindesliebe in der christlichen Ethik“ hat. „Jede Predigt, die Gewalt verherrlicht, sei diese Gewalt politisch oder sozial, öffentlich oder häuslich, ist mit der Lehre Christi unvereinbar.“ Mit Verweis auf die Kirchenväter und das Kirchenrecht der orthodoxen Kirche unterstreicht der Text die „Sündhaftigkeit des Mordes“, weshalb auch Soldaten, die jemanden im Krieg umbringen, für drei Jahre von der Kommunion ausgeschlossen werden sollen. Der Artikel schließt mit einer deutlichen Kritik an Patriarch Kyrill: „Einen Krieg als heilig zu erklären, ist mit der Lehre Christi unvereinbar, selbst wenn es sich um einen Verteidigungskrieg handelt – erst recht, wenn es sich um einen Angriffskrieg handelt.“
Kyrill als kirchlicher Autokrat
Die beiden letzten Artikel gehen auf das Verständnis von Kirche und auf den ihr aufgetragenen Versöhnungsdienst ein. Der siebte Artikel kritisiert die „Vertikale der Macht“ in der russischen orthodoxen Kirche, innerhalb derer sich Patriarch Kyrill zu einem „kirchlichen Autokraten“ entwickelt habe, „dessen Meinungen, Äußerungen und Entscheidungen weder einer Diskussion noch der Kritik unterliegen“. Der achte Artikel hebt hervor, dass die wahre Sendung der Kirche im Dienst an der Versöhnung bestehe. Sie sei „dazu berufen, der Versöhnung zwischen verfeindeten Nationen, gesellschaftlichen Gruppen und Parteien zu dienen“.
Der Abschnitt schließt mit einer scharfen Kritik daran, dass Priester, die in einem von Patriarch Kyrill in die orthodoxe Liturgie eingeführten Gebet für den Sieg Russlands das Wort „Sieg“ durch das Wort „Frieden“ ersetzt haben, vom Dienst suspendiert werden. Das Gebet „als Instrument zur Überprüfung der Loyalität gegenüber irdischen Machthabenden zu missbrauchen, die Suspendierung und Amtsenthebung aufgrund von Gebeten für Frieden und Versöhnung – das ist nichts anderes als die Verfolgung von Christen wegen ihrer Treue zum Wort Christi“.
Parallele zur Barmer Theologischen Erklärung
Das Bekenntnis der russischen Christen schließt mit den Worten „Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit“ (Jes 40,8). Es ist sicher kein Zufall, dass dies dieselben Worte sind, mit denen auch die „Barmer Theologische Erklärung“ schließt, mit der sich die Bekennende Kirche in Deutschland 1934 gegen die nationalsozialistische Ideologie positionierte. Ob dieser Bekenntnistext für die orthodoxe Kirche in Russland eine vergleichbare Bedeutung erlangen wird wie die Barmer Theologische Erklärung für die evangelischen Christen in Deutschland, ist allerdings eine Frage, die zu beantworten derzeit noch nicht möglich ist.
Johannes Oeldemann
Die deutsche Übersetzung des Aufrufs ist beim Nachrichtendienst Östliche Kirchen nachzulesen.



