Gerechtigkeit
15.05.2026


Interreligiöser Dialog

Ein Sender für wirklich alle

Mehr als Psalme auf die Ohren: Beim katholischen Sender Radio Sol Mansi in Guinea-Bissau arbeiten Christen und Muslime Seite an Seite für den sozialen Zusammenhalt. Auch in Zeiten politischer Krisen.
  

Die Radiomoderatoren José Mango (links) und Mamadú Saido Embaló im Studio von Radio Sol Mansi in Mansoa (Guinea-Bissau). Die Radiomoderatoren José Mango (links) und Mamadú Saido Embaló im Studio von Radio Sol Mansi in Mansoa (Guinea-Bissau). Foto: © Frida Nsonde/KNA

„So, das war's.“ Mamadú Saido Embaló legt die Kopfhörer auf den Tisch und rückt vom Mikrofon ab. Für heute ist er fertig mit seiner Sendung. Der 63-jährige Radiomoderator befindet sich im Studio von Radio Sol Mansi, einem katholischen Radiosender in Mansoa im westafrikanischen Guinea-Bissau. Embaló ist nicht nur Moderator, sondern auch Technikbeauftragter und Gründungsmitglied des Senders – und Muslim.

„Hier bei Sol Mansi wird jeder akzeptiert“, versichert er; „ob katholisch oder nicht. So leben wir im Übrigen auch hier in Mansoa miteinander.“ Auch als er vor nun 25 Jahren dazustieß, habe er nicht eine Sekunde gezögert, sich in ein christliches Projekt einzubringen, sagt er.

Interreligiöse Kooperation

Damit ist er längst nicht die Ausnahme. Von den vier anwesenden Mitarbeitern hier im Studio mit der bunt gemusterten Tapete sind zwei Christen und zwei Muslime. Auch in den anderen beiden Studios des Senders im Land arbeiten Mitarbeiter muslimischen und animistischen Glaubens Seite an Seite mit ihren Kollegen, die Mitglieder der katholischen, protestantischen oder einer evangelikalen Kirche sind.

Embalós Kollege José Mango sitzt gerade an seinem Skript für die nächste Sendung. „Ich selbst bin Christ“, erklärt er. „Aber während des Ramadans habe ich die Ramadan-Sendung moderiert. Und die katholische Sendung wird von einem muslimischen Kollegen aufgezeichnet.“

Gute Beziehung zwischen Radio-Gründerpriester und Imam

In Guinea-Bissau, dem rund 2,2 Millionen Einwohner zählenden Nachbarland Senegals und Guineas, sind etwa 45 Prozent der Bevölkerung Muslime. Der christliche Bevölkerungsanteil wird auf etwa 20 Prozent geschätzt. Den Rest machen animistische und andere Glaubensrichtungen aus.

Der Geist des Radiosenders sei maßgeblich durch das gute Verhältnis zwischen dem Gründer, Priester Davide Sciocco, und dem Imam hier im Ort geprägt worden, betonen die Radiomoderatoren. „Als etwa die Koranschule gebaut wurde, war es der Priester, der den ersten Stein legte.“
  

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Zahlreiche Auszeichnungen

Und so ist interreligiöser Dialog hier wortwörtlich Programm. Jeden Freitag kommt für eine Sendung ein Imam ins Studio von Sol Mansi. Während des Ramadan wird an zwei zusätzlichen Wochentagen ein muslimisches Programm gesendet.

Das größte Studio des Senders befindet sich heute in der Hauptstadt Bissau. Bei der Führung durch die Räumlichkeiten präsentiert Vizedirektorin Anabela Bull stolz die Auszeichnungen und Urkunden, die Sol Mansi seit der Gründung 2001 verliehen wurden. Neben dem religiösen Fundament mache vor allem der soziale Charakter den Sender aus, erklärt sie. „Unsere Programme widmen sich Themen wie Bildung, Gesundheit und Ernährung oder Kinder- und Frauenrechten.“

Plattform mit Verantwortung

Ebenso nutzen mehrere Nichtregierungsorganisationen den Radiosender, um Inhalte zu vermitteln. Neben Spenden von Unterstützern und einer jährlichen landesweiten Kirchenkollekte bildet diese Kooperation ein wichtiges finanzielles Standbein für Sol Mansi. So finanziert nach Angaben des Senders etwa der deutsche Caritas-Verband Programme zum Thema Frieden.

Auch außerhalb des Studios bringt sich der Sender ein. „Aktuell betreuen wir etwa ein Projekt, das von der Italienischen Bischofskonferenz unterstützt wird“, führt die Koordinatorin aus. Dafür gingen Mitarbeiter an Schulen, um Jugendliche über religiösen Extremismus und Instrumentalisierung von Ethnizität aufzuklären. Diese Altersgruppe müsse besonders für die Gefahr dieses Phänomens sensibilisiert werden, meint sie.

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Unabhängige Berichterstattung

Sol Mansi ist gemäß einer Befragung des Zentrums für Studien und Meinungsumfragen der Katholischen Universität Portugals von 2020 der meistgehörte Radiosender in Guinea-Bissau. In einem Land, in dem laut Weltbank 2022 nur 37,4 Prozent der Bevölkerung direkt ans Stromnetz angeschlossen waren und in dem das TV-Signal nicht alle Orte erreicht, bleibt das Radio essenzieller Bestandteil des Alltags.

Der Sender lasse sich nicht politisch vereinnahmen, sagt Moderator José Mango. Deshalb vertrauten ihnen die Hörer. „Wenn eine Meldung die Runde macht, glauben sie manche Menschen erst, wenn Sol Mansi die Information bestätigt.“ Der staatliche Rundfunk lasse keine Kritik an der Regierung zu, meint Kollege Embaló. „Wir hingegen lassen alle möglichen Stimmen zu Wort kommen.“

Eingeschränkte Pressefreiheit

Schon vor dem Militärputsch im November sah sich die Presse in Guinea-Bissau zunehmend Repressionen ausgesetzt. Dieser Trend setzt sich seither fort. Die Überschreitung gewisser Linien hat zudem bisweilen einen hohen Preis: Erst Ende März wurde ein regierungskritischer Aktivist tot aufgefunden.

Auch das Radioprogramm von Sol Mansi sei bereits von der aktuellen Übergangsregierung zensiert worden, bestätigen Mango und Embaló. Doch die Kollegen lassen sich die Zuversicht nicht nehmen. Der Fortbestand einer Stimme für sozialen Zusammenhalt sei heute wichtiger denn je.

Radio für den Frieden

Überhaupt sei der Sender ursprünglich erst aus einer Krisenzeit heraus entstanden, sagt Vizekoordinatorin Anabela Bull. Gründer Davide Sciocco, ein gebürtiger Italiener, erlebte Ende der 1990er Jahre in Guinea-Bissau den elfmonatigen bewaffneten Konflikt von 1998.

„Er beobachtete, wie die beiden nationalen Radiosender damals auf ihre Weise den Konflikt befeuerten“, erzählt sie. Der staatliche Sender habe damals die Sicht der Regierung propagiert, das private Pendant die der Militärs. „Der Priester sah also, was ein Radiosender bewirken konnte“, sagt sie. „Und er kam auf die Idee, dass man das Medium auch anders nutzen konnte: für Frieden und für ein gutes Zusammenleben.“

Frida Nsonde

KNA
Artikel von KNA
Katholische Nachrichten-Agentur
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