Gerechtigkeit
03.07.2024

Das Gerede vom alternativlosen Foul

Bei der Fußball-EM sind wieder aktuelle Trends zu beobachten. Dazu gehört auch die bedenkliche Entwicklung, dass der deutsche Sinn für Korrektheit offenbar nicht mehr bis zum Spielfeld reicht – taktische Fouls werden zum Kavaliersdelikt. Ein Kommentar von Joachim Burghardt. 

Dass taktische Fouls ein krasser Verstoß gegen den Geist des Fair Play sind, scheint zunehmend aus dem Blick zu geraten. Dass taktische Fouls ein krasser Verstoß gegen den Geist des Fair Play sind, scheint zunehmend aus dem Blick zu geraten. Foto: © imago/Majerus

Egal, wie die Fußball-EM endet – Deutschland ist schon jetzt Weltmeister! … Wenn es darum geht, moralisch aufgeladene Debatten zu führen. Ob die Affäre rund um die „One-Love“-Kapitänsbinde bei der WM in Katar 2022 oder die jüngsten Diskussionen um die Hautfarbe der Nationalspieler und den Begriff „Spielermaterial“ – ohne verkrampfte Aufreger-Themen kommen wir durch kein Turnier. Bei so viel Erregungspotenzial und Sinn für Korrektheit verblüfft es mich, dass viele Beteiligte an anderer Stelle einen blinden Fleck zu haben scheinen: wenn es um Grundfragen des Fair Play direkt auf dem Platz geht – und damit um die Seele des Sports.  


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Zum Beispiel bei taktischen Fouls: Ein Spieler zieht seinen Gegenspieler, der im Begriff ist, einen vielversprechenden Angriff einzuleiten, bewusst am Trikot, um die Chance im Keim zu ersticken. Formal wird das mit der gelben Karte geahndet, doch entscheidend ist etwas anderes: Wie ordnen wir so ein „taktisches“ Foul ein? Ist es eine legitime Maßnahme, ein Kavaliersdelikt? Viele scheinen dieser Meinung zu sein. So kommentierte Moritz Volz, Ex-Profi und ZDF-Experte, in mindestens drei EM-Spielen, dass der foulende Spieler gar nicht anders könne, als das Foul „zu ziehen“, wie es im Fachjargon heißt. Er sei dazu „gezwungen“, er müsse ja die Torchance der Gegner verhindern! Die Hauptkommentatorin Claudia Neumann widersprach in allen drei Fällen nicht. Das ist eine Sichtweise, die absichtliche Fouls okay findet oder sogar fordert.

Das Fußball-Regelwerk ist hingegen eindeutig: Ein Foul ist ein Regelverstoß, kein Teil der Regeln. Eine offizielle Internetseite der Bundesliga übersetzt den englischen Begriff „foul“ sogar mit „schlecht“, „schmutzig“ und „böse“. In diesem Sinne sollte es auch im Fernsehen kommentiert und Kindern vermittelt werden – und nicht als alternativlose oder gar clevere Aktion. Dem anderen eine Chance zugestehen, dafür auch einen eigenen Nachteil in Kauf nehmen – wo echter Sportsgeist weht, sollte das selbstverständlich sein.  

Nun könnte man all das als Spitzfindigkeiten eines Fußballromantikers mit christlichem Hintergrund abtun. Doch dahinter steht eine spannende Frage, die weit über den Sport hinausreicht: Wie viel Taktik und wie viel Foulspiel halten wir für legitim zum Erreichen der eigenen Interessen?

Joachim Burghardt
Artikel von Joachim Burghardt
Redakteur
Immer auf der Suche nach spannenden, kontroversen und kuriosen Themen rund um Glauben und Wissen.